Chronik | Österreich
11.11.2017

Stiwoll: Ein Dorf hofft wieder auf den Alltag

Vor zwei Wochen erschütterte ein Doppelmord den Ort. Der mutmaßliche Täter dürfte noch in der Nähe sein.

Der Wirt gleich beim Gemeindeamt hat seine Gäste wieder. Die lokalen, die gewohnten, nicht die vielen fremden Journalisten. Die Stiwoller selbst haben sich einige Tage lang in ihren Häusern eingeigelt und der Wirt servierte nicht eine Mahlzeit an Stammgäste.

Stiwoll, zwei Wochen nach dem Doppelmord. Die Schule und der Kindergarten haben nach einer Woche Pause wieder offen, der "Skibazar" soll auch wie geplant stattfinden. Bürgermeister Alfred Brettenthaler teilt sein Amtsgebäude zwar noch mit Polizisten. Aber es sind bei weitem nicht mehr so viele wie vergangene Woche, die das Gemeindeamt als Einsatzzentrale nützen: 300 Beamte waren in der weitläufigen Gemeinde am westlichem Eck von Graz-Umgebung stationiert, die nur 728 Einwohner hat. Dass die Nerven im Hintergrund dennoch angespannt sind, ist aber auf der offiziellen Internet-Seite der Gemeinde zu sehen: "Ab sofort besteht absolutes Schussverbot! Es ist somit von Schüssen und knallkörperähnlichen Geräuschen abzusehen!"

Zu viel Aufregung

Friedrich Felzmann soll seine Opfer mit fünf Schüssen getötet haben. Heidi H. und Gerhard E. wurden unter Polizeischutz begraben. Der mutmaßliche Täter ist weiter auf der Flucht: Die Polizei vermutet den 66-Jährigen nach wie vor im Raum Stiwoll – dort, wo er sich auskennt, irgendwo im Wald. "Hoffentlich finden’s den Fritz bald", brummt Anrainer Josef B. und beteuert, keine Angst vor dem Flüchtigen zu haben. Aber die ganze Aufregung, von den Medien bis zur Cobra, sei "schon zu viel": "Wenn der Fritz noch jemandem was antun hätte wollen, hätt’ er’s schon gemacht."

Bürgerversammlungen in Stiwoll und in der Nachbargemeinde Södingberg sollten zur Beruhigung beitragen. Die Polizei gab dort Auskunft, so gut sie konnte und schilderte, dass Kollegen auf der Suche nach Felzmann durch 60 Zentimeter schmale Erdlöcher krochen oder auf steile Hänge kletterten. "Den Einsatzkräften wurde sehr viel abverlangt", resümiert Einsatzleiter Manfred Pfennich. Die massive Präsenz vor Ort wurde beendet, vor dem Gemeindeamt und neuralgischen Stellen bleiben aber mit Gewehren bewaffnete Polizisten postiert. "Wir gehen nicht in den Normalbetrieb über."

Aber ein Alltag ohne Angst oder die ständige Erinnerung daran scheint zu sein, worauf die Stiwoller hoffen. "Wir wollen zur Normalität zurückkehren", betont Bürgermeister Brettenthaler. Dennoch helfen die Bewohner auf der Suche nach dem Verdächtigen durch Hinweise auf fast vergessene Stollen des Bergwerks oder Ruinen alter Bauernhäuser. "Wir haben alles geprüft, jeden Hinweis", versichert Oberst Pfennich. Bloß sei Felzmann "den einen oder anderen Schritt voraus".