Armut in Österreich: Hilfsorganisationen warnen vor "Abwärtsspirale"

Caritas und Volkshilfe fordern einen verpflichtenden Armutscheck bei neuen Gesetzen und eine bundesweit einheitliche, armutsfeste Sozialhilfe.
Eine Person liegt unter einer Decke auf dem Gehweg, daneben Einkaufstüten, während jemand vorbeigeht.

Klimabonus - abgeschafft. Familienleistungen - nicht an die Inflation angepasst. Höhere Krankenversicherungsbeiträge auch für Mindestpensionisten, die Sozialhilfe in mehreren Bundesländern bereits gekürzt. "Das sind massive Verschärfungen", merkt Nora Tödtling-Musenbichler, Präsidentin der Caritas Österreich, an.

Arme Menschen hauptbetroffen

Weitere massive Kürzungen seien auch im Doppelbudget 2027/28 zu befürchten, bedauert die Expertin: "Hinter Begriffen wie technische Effizienz stehen tiefe Einschnitte, die überproportional armutsbetroffene Menschen treffen." Eine verantwortungsvolle Budgetpolitik sähe anders aus, "dazu gehört Weitsicht."

Gemeinsam mit der Volkshilfe hat die Caritas die Konsolidierungsmaßnahmen von Bundespolitik wie Landesregierungen einem "Praxischeck" unterzogen und 600 Kolleginnen und Kollegen befragt, die in Sozialberatungen oder der Wohnungslosenhilfe arbeiten.

Wovor die Praktiker warnen

Demnach warnen sie "vor einer Abwärtsspirale", die durch reduzierte Sozialleistungen einsetze, wie Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe, erläutert:

  • 60 % der Befragten befürchten, dass gesundheitliche und psychische Probleme ihrer Klientinnen und Klienten steigen werden.
  • 53 % warnen vor weiterer Verschuldung von ohnedies schon armutsgefährdeten Menschen.
  • 52 % befürchten, dass die Betroffenen noch mehr bei den Lebensmitteln sparen müssen.
  • 47 % warnen vor steigender Wohnungslosigkeit und einer Zunahme an Delogierungen.

Auch die Sozialeinrichtungen selbst müssen Abstriche machen und aufgrund reduzierter oder gestrichener Förderungen der Länder und des Bundes Leistungen reduzieren:

  • So musste die Caritas etwa ihr sozialpsychiatrisches Zentrum in Wien im Jänner schließen.
  • In der Steiermark traf es ein Wohnraumprojekt für Migrantinnen und Migranten.

"Der Druck auf Menschen in Not wird kontinuierlich erhöht und gleichzeitig auch auf die Einrichtungen, die sie stützen", schildert Tödtling-Musenbichler. "Das ist eine doppelte Schwächung. Die Not verschwindet nicht, nur weil weniger Geld zur Verfügung gestellt wird. Nur weil das sozialpsychiatrische Zentrum schließen muss, sind die Menschen ja nicht gesund."

"Wie auf Verschiebebahnhof"

Sie komme sich vor wie auf einem Verschiebebahnhof, vergleicht die Caritas-Präsidentin: "Probleme werden von A nach B verschoben und die Nöte aufs Abstellgleis."

Caritas und Volkshilfe haben aus der Befragung konkrete Forderungen an die Bundespolitik abgeleitet. So müsse vor jeder neuen Maßnahme oder jedem neuen Gesetz ein "verpflichtender Armutscheck" durchgeführt werden. "Wenn gespart wird, muss klar sein: Wen trifft es?", begründet Tödtling-Musenbichler. "Es darf keinen Sparschnitt ohne Blick auf die Schwächsten geben."

Reform der Sozialhilfe nötig

Weiters müsse die bundesweit einheitliche Sozialhilfe umgesetzt werden, sie liegt bisher in der Kompetenz der Länder. "Es geht um eine armutsfeste Reform der Sozialpolitik statt um Limitierung nach unten", mahnt die Caritas-Chefin.

Der Staat dürfe sich nicht vor seiner Verantwortung drücken. "Ein funktionierender Sozialstaat zeigt sich daran, wie er mit den Schwächsten umgeht."

Was drohen könnte

Andersfalls drohe eine Verschiebung der Probleme in andere Bereiche: "Wenn wir heute bei Wohnbetreuung sparen, zahlen wir morgen Krankenhausaufenthalte", vermutet Tödtling-Musenbichler. "Wenn ein Kind in der Schule heute den Anschluss verliert, zahlen wir morgen für Arbeitsmarktmaßnahmen."

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