Bis zu eineinhalb Jahre waren 13 Railjet-Garnituren im Einsatz, deren Achsen eigentlich für Doppelstock-Waggons mit niedrigerem Tempo gebaut sind. Die ÖBB wollten die Panne der Eisenbahnbehörde verschweigen.

© KURIER/Reinhard Vogel

Sicherheitsalarm
11/20/2014

Falsche Achsen bremsen Railjets ein

Züge waren mit 230 km/h unterwegs, obwohl sie gar nicht dafür zugelassen waren.

von Dominik Schreiber

Bahn-Insider sprechen von gespenstischen Vorgängen. Bis zu eineinhalb Jahre rasten 13 Railjet-Garnituren mit 230 km/h über die Hochgeschwindigkeitsstrecke der neuen Westbahn – mit nicht für dieses Tempo zugelassenen Radachsen. ÖBB-Techniker hatten (billigere) Achsen eingebaut, die nur für Doppelstock-Waggons, wie City-Shuttle oder Wiesel-Züge, zugelassen sind. Diese Züge dürfen maximal Tempo 160 fahren. Am Dienstag beendete das Verkehrsministerium den Spuk: die sogenannten "Dosto-Achsen" müssen sofort ausgetauscht werden.

Die Achsen und Räder sind für die Sicherheit von Hochgeschwindigkeitszügen enorm wichtige Bauteile; wegen Montage-Fehlern mit gerade einmal 0,2 mm Abweichung wurden bereits Mitarbeiter suspendiert. Auch das ICE-Zugsunglück 1998 im deutschen Eschede mit 101 Toten wurde durch defekte Radsätze ausgelöst.

Vorfall verschwiegen

Bei einer Routinekontrolle am 7. November fiel das Problem den Technikern erstmals auf. Doch die ÖBB versuchten den Vorfall offensichtlich zu vertuschen; auch die zuständige Eisenbahnbehörde wurde nicht informiert.

In der vergangenen Woche tauchten Berichte in einem Internetforum für Bahnexperten auf. Vom KURIER am vergangenen Freitag damit konfrontiert, sprachen die ÖBB aber von "Gerüchten" und "routinemäßigen Instandhaltungsarbeiten an den Radsätzen". Noch am Sonntag erklärte eine Bahn-Sprecherin, dass "alle beim Railjet verwendeten Teile den gültigen Normen entsprechen".

Praktisch zeitgleich wurde allerdings auch die Eisenbahnbehörde von sich aus aktiv und begann umfangreiche Recherchen. Die Leiterin der Behörde, Ursula Zechner, schrieb noch Sonntagabend ein Mail an die Bahn und forderte dringende Aufklärung über diese Panne. Am Montag mussten die ÖBB eine schriftliche Sicherheitsgarantie abgeben und damit die Haftung für allfällige aus dem Achsproblem resultierenden Unfälle übernehmen. Ein in Österreich noch nie dagewesener Vorgang.

"Dienstagmittag wurde nach umfangreicher Prüfung für die 13 betroffenen Railjets eine Höchtsgeschwindigkeit von 200 km/h erlassen", erklärt Andrea Heigl, Sprecherin von Verkehrsminister Alois Stöger. Für dieses Tempo sind die Dosto-Achsen maximal zugelassen. Weitere Untersuchungen der Bahnbehörde sind noch im Gange, weitere Maßnahmen derzeit nicht ausgeschlossen.

Zurück in die Werkstatt

ÖBB-intern gibt es vorerst keine Konsequenzen aus der Sicherheitspanne. Sprecherin Sonja Horner spielte den Vorfall am Mittwoch erneut herunter. Die beiden Achswellen würden sich nur minimal durch die Reinheit des Materials unterscheiden. "Der Railjet hat drei Tonnen weniger Gewicht als ein Doppelstock-Waggon", sagt Horner. Die Belastung auf freier Strecke sei deshalb niedriger. Allerdings ist beim Railjet das Tempo höher.

Bei den 13 Zügen werden derzeit im Eilverfahren die jeweils 28 Achsen ausgetauscht. Das ist nicht einfach, so ein Austausch dauert etwa zwei Tage pro Zug. Die ÖBB hoffen dennoch, noch diese Woche alle Arbeiten abgeschlossen zu haben. Bis dahin wurden die betroffenen Railjets auf die Südbahn verlegt, wo das Tempo geringer ist. Dennoch wurde einer der betroffenen Garnituren am Dienstag von Wien nach München eingesetzt, durfte allerdings maximal 200 km/h fahren.

Fahrrad-Mitnahme, bitte warten!

Am 14. Dezember tritt der neue ÖBB-Fahrplan in Kraft. Damit werden auch die Tickets "etwas teurer", sagte ÖBB-Chef Christian Kern bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien. So beträgt die durchschnittliche Preisanpassung 1,1 Prozent, was "deutlich unter der Inflationsrate liegt". Der neue Fahrplan bringt auch zusätzliche Verbindungen und kürzere Fahrzeiten. Kern versprach "mehr Bahn denn je".

Negativ: Das Gfrett mit der Radmitnahme

Bei den österreichischen Railjet-Garnituren weiterhin nicht möglich ist eine Fahrradmitnahme. Eine Umrüstung war bereits für das Frühjahr 2013 angekündigt worden. Dies soll nun bis zum Beginn der Radsaison im Frühjahr 2015 erfolgen, sagte Kern. Mit dem neuen Fahrplan werden jedoch zahlreiche Verbindungen auf den Railjet umgestellt.

Für Reisende nach Kärnten bedeutet das beispielsweise, dass sie bis zur Nachrüstung nur mehr im Nachtzug nach Venedig ihr Fahrrad mitnehmen können. Dieser EuroCity ist künftig übrigens mit einem Speisewagen unterwegs.

Kritik an der Tarifgestaltung bei Radmitnahme gab es am Mittwoch bereits von der Radlobby Österreich. Die Petition "Vorfahrt für Rad & Bahn" wurde gestartet.

Positiv: Schneller in die "Goldene Stadt"

Ab 14. Dezember gibt es eine Railjet-Verbindung von Graz via Wien nach Prag im Zwei-Stunden-Takt, die Fahrzeit verkürzt sich um eine Stunde auf 6h 53min.

Neu ist auch die Direktverbindung aus dem Westen über den Wiener Hauptbahnhof zum Flughafen. Mit dem ICE ist man somit in 1h 47min von Linz am Flughafen, damit komme man mit "einmal Umsteigen von Linz nach New York", erläuterte Wagner.

Zwischen Wien und Salzburg fahren alle InterCitys künftig im Takt, also immer zur Minute 56, in Wien-West ab. Alle ÖBB-Autoreisezüge werden dafür auf Nachtfahrten umgestellt, weil diese maximal 160 km/h fahren können und somit nicht in das Taktgefüge passen. Erweiterungen gibt es auch im ÖBB-Nah- und Regionalverkehr. Für Kunden bringt der neue Fahrplan 500.000 zusätzliche Zugkilometer, insgesamt sind es 2015 damit 95,73 Millionen Kilometer.

Tarifdschungel: Aus 118 wurden 31

Die neuen Ticketpreise gelten ab 14. Dezember, Verbundtickets, Preise für die SparSchiene und die Vorteilscard bleiben laut ÖBB unverändert. Nach Angaben der Bahn bedeuten die neuen Tarife eine Preissenkung oder gleichbleibende Preise für 40 Prozent der ÖBB-Kunden. Seit drei Jahren arbeite man an der Vereinfachung, sagte Kern. So sei es gelungen, von 118 auf 31 unterschiedliche Tarife zu reduzieren. Deutlich billiger wird beispielsweise die Strecke Wien-Mitte zum Flughafen, der auch erstmals an den Fernverkehr angeschlossen wird. Hier kostet ein Vollpreis-Ticket künftig 2,40, bisher waren dafür 4,10 Euro fällig.

Weitere Änderungen

Tiefer in die Tasche greifen müssen Kunden etwa vom Wiener Westbahnhof nach Innsbruck, statt 66,10 müssen hier 69,10 Euro bezahlt werden.

Erhöht werden auch die Kosten für die Österreichcard, um 2,5 Prozent in der zweiten und um fünf Prozent in der ersten Klasse. Für Jugendliche kostet diese Karte so beispielsweise 1.024 statt bisher 999 Euro im Jahr. Das sind 2,90 Euro pro Tag, und damit immer noch weniger als Getränke, die die Jugendlichen konsumieren, erklärte Birgit Wagner, Vorstand des ÖBB-Personenverkehrs.

Besitzer der Österreichcard 2. Klasse müssen bei einem Upgrade künftig tiefer in die Tasche greifen. Waren bisher dafür einheitlich sieben Euro zu zahlen, gilt künftig die gleiche Regelung wie bei einer Vorteilscard: Kunden erhalten auf den Differenzbetrag zwischen den beiden Klassen 50 Prozent Ermäßigung.

Für das SMS-Handyticket bedeutet der neue Fahrplan das Aus, diese Variante wird laut ÖBB seit der Einführung der Ticket-App vor zwei Jahren kaum noch genutzt.

Ab dem Fahrplanwechsel halten alle Fernverkehrszüge von und Richtung Süden (Steiermark, Kärnten, Italien, Slowenien), Osten (Budapest) und Norden (Brünn, Prag, Warschau) zusätzlich zu Wien-Meidling auch am neuen Hauptbahnhof. Dieser ist zugleich auch der neue Start- und Zielbahnhof für alle Nacht- und Autoreisezüge.

Zufrieden zeigte sich Kern mit der Entwicklung der Fahrgäste. Trotz einem günstigerem Benzinpreis sie die "Zahl der Bahnfahrer gewachsen". So gab es in den ersten drei Quartalen 2014 rund zwei Millionen Fahrgäste mehr.

Info

Der neue Fahrplan ist online unter oebb.at verfügbar. Tickets für die neue Fahrplanperiode können ab sofort erworben werden.