Jeden Tag werden durchschnittlich zwölf Anzeigen wegen Sexualdelikten erstattet

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Polizeischwerpunkt
03/07/2016

Sexualdelikte: Täglich zwölf Anzeigen

Konsequente Ermittlungen und Tipps für den Selbstschutz sollen Verbrechensrate senken.

von Raffaela Lindorfer, Birgit Seiser, Wilhelm Theuretsbacher

Jeden Tag werden in Österreich durchschnittlich zwölf Anzeigen wegen Sexualdelikten erstattet. Damit bleibt die Zahl der Übergriffe seit Jahren auf konstant hohem Niveau. Alleine in der Silvesternacht wurden 24 Fälle von strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung angezeigt. Ob und wie weit aber dadurch die Ausländerkriminalität im Steigen ist, kann aus der neuesten Kriminalstatistik noch nicht beantwortet werden.

Die Daten für das Jahr 2015 gibt es noch nicht. In einer parlamentarischen Anfrage wollte das Team Stronach aber alle Details zum Thema " Sexmob-Übergriffe in der Silvesternacht" erfahren und wissen, und wie die Entwicklung der Sexualdelikte seit dem Jahr 2012 verlaufen ist.

Sexuelle Integrität

Das Bundeskriminalamt hat die Daten erhoben, dem KURIER liegen sie nun vor. Demnach bewegt sich die Zahl der Anzeigen von 4789 im Jahr 2012 und 4159 im Jahr 2015. Es handelt sich um eine Auflistung von strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung. Eine Bilanz nach Tatverdächtigen kann daraus noch nicht schlüssig gezogen werden, weil ein Täter auch für mehrere Anzeigen infrage kommen kann. Aber es lassen sich Trends herauslesen.

Demnach wurden alleine im Jänner dieses Jahres 343 Anzeigen wegen diverser Sexualdelikte in Österreich erstattet. Bei 175 Anzeigen stehen Österreicher unter Verdacht. Weitere 30 Taten werden 25 Asylbewerbern zur Last gelegt. Die restlichen Anzeigen betreffen 43 Ausländer aus aller Welt, der Großteil aus dem EU-Raum.

Silvesternacht

Schwerpunkt im Jänner war erwartungsgemäß die Silvesternacht mit 24 Übergriffen. Wien und Salzburg waren dabei die am häufigsten betroffenen Städte. Die meisten Übergriffe gegen Frauen fanden an öffentlichen Veranstaltungsorten statt. Dort bildeten sich, überwiegend vor Veranstaltungsbühnen, kleine Gruppen von acht bis zehn Männern, die ihre Opfer beim Tanzen zur Musik umkreisten. Sobald die Opfer umringt waren, erfolgten die Übergriffe.

61 Vergewaltigungen wurden gemeldet. In 38 Fällen richtet sich der Verdacht gegen Österreicher. Beschuldigt werden auch sechs Asylwerber, darunter zwei aus Syrien und einer aus dem Irak. Die anderen Verdächtigen kommen aus aller Herren Länder – vom deutschen Arbeitnehmer über den Touristen aus der Türkei bis zum Gastarbeiter aus Nepal.

Der älteste Tatverdächtige ist 82 Jahre alt, der jüngste ist erst elf. Der Elfjährige ist vermutlich noch kein ausgewiesener Sextäter: Er hat "nur" obszöne Bilder mit seinem Handy angefertigt.

Ältere Herrschaften

Einen interessanten Bruch gibt es beim Alter von 50 Jahren: Die jüngeren Tatverdächtigen teilen sich auf alle Nationen auf. Täter über 50 sind fast ausschließlich Österreicher. "Ausreißer" bei den älteren Herrschaften sind lediglich ein Grieche, ein Bulgare, ein Mazedonier und ein Tscheche.

Groß angelegte "Flashmobs" und gewalttätige Übergriffe wie in Deutschland hat es in Österreich bislang nicht gegeben. Damit das auch so bleibt, hat die Polizei ein spezielles Maßnahmenpaket geschnürt: Sie tritt präventiv auf und ermittelt konsequenter als noch vor den Vorfällen der Silvesternacht.

Videoaufzeichnungen

Wie bisher werden Videoaufzeichnungen im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Öffis, zur Strafverfolgung genutzt. Zusätzlich wird aber die Polizei an Hotspots eigene Videoaufzeichnungen anfertigen.

Außerdem werden Tipps zum Selbstschutz für Mädchen und Frauen gegeben. Ein kleiner Auszug: Rasche Reaktionen auf Attacken, selbstbewusstes Auftreten, den Täter ansprechen – und Angriffe auf jeden Fall zur Anzeige bringen. Unter www.gewaltschutzzentrum.at sind bundesweit Opferschutzeinrichtungen und Interventionsstellen für Opfer von Gewalt zu finden. Diese beraten natürlich auch anonym und kostenlos.

Sexuelle Gewalt passiert am häufigsten in der Partnerschaft

"Wir bemerken keine Häufung von Opfern, die dezidiert Belästigungen von Flüchtlingen ansprechen", erklärt Angelika Breser, Gesundheitspsychologin des Frauennotrufs Wien. Die derzeitige mediale Präsenz des Themas nach den Übergriffen in Köln, werde in der Praxis wenig wahrgenommen.

Jede dritte Frau

Insgesamt hat fast jede dritte Frau in Österreich bereits sexuelle Gewalt erlebt, drei Viertel aller Österreicherinnen wurden schon einmal belästigt. Diese Zahlen gehen aus einer Studie des Instituts für Familienforschung aus dem Jahr 2011 hervor und haben sich laut Experten seitdem nicht signifikant verändert. Im vergangenen Jahr wendeten sich 8771 Betroffene an die Servicestelle, um sich beraten zu lassen, wie sie mit sexueller Gewalt umgehen können. "Viele Frauen wissen nicht, ob es sich in gewissen Situationen schon um Belästigung handelt und sie aktiv werden können", erklärt die Expertin weiter.

Obwohl sich also für die Berater beim Frauennotruf keine Veränderung zeigt, bestätigt Angelika Breser, dass Dritte, die nicht betroffen sind, sehr sensibel auf das Thema reagieren: "Wir erhalten in letzter Zeit leider vermehrt eMails von Flüchtlingsgegnern. Sie fragen uns, was wir gegen Asylwerber tun, die sexuell übergriffig werden. Es ist meiner Meinung nach aber hochproblematisch, so an dieses Thema heranzugehen."

Diese Erfahrungen beschränken sich nicht auf die Bundeshauptstadt. Auch Ursula Kussyk, Obfrau des Bundesverbands der Frauenberatung, erklärt, dass sich die Fallzahlen trotz vermehrter Berichterstattung über sexuelle Übergriffe kaum geändert haben: "Die Probleme unserer Anruferinnen sind ähnlich geblieben, die Zahl von Anschuldigungen gegen Asylwerber dabei nicht signifikant angestiegen."

Insgesamt hätte sich in den vergangenen Jahren allerdings eines verändert, nämlich, dass sich Frauen vermehrt trauen, eine Anzeige zu erstatten. Laut Expertin Kussyk gehen auch Lehrer oder Betreuer sensibler mit dem Thema um und suchen bei einem Verdacht die Hilfe der Beratung.

Die meisten gewaltsamen sexuellen Übergriffe finden laut Studien innerhalb einer festen Beziehung oder im Freundes- und Bekanntenkreis statt. 17,07 Prozent der Frauen werden zum Opfer des eigenen Partners, bei 12,8 Prozent der Fälle wird der Ex-Partner zum Täter. Besonders hervorzuheben ist dabei die Tatsache, dass die Hälfte der betroffenen Frauen gleich vier bis zehn Mal sexuelle Gewalthandlungen erleben. 19,5 Prozent der Frauen kannten den Täter nicht persönlich und wurden meist einmal zum Opfer.

"Hohe Dunkelziffer"

Bei all den statistisch erfassten Zahlen dürfe laut Kussyk eines nicht vergessen werden: "Die Dunkelziffer ist hoch. Man rechnet damit, dass nur eine von 15 Frauen mit Gewalterfahrungen auch eine Anzeige erstattet." Bei Vergewaltigungen kommt es dann in rund 11 Prozent der Fälle zu einer Verurteilung der Täter.

Weitaus niedriger ist diese Quote bei Anzeigen wegen sexueller Belästigung oder öffentlicher geschlechtlicher Handlungen: Im Jahr 2013 wurden beispielsweise 1337 Anzeigen erstattet und nur 67 Tatverdächtige schließlich zur Rechenschaft gezogen. Das ergibt eine Verurteilungsquote von nur fünf Prozent.

Beratungsstellen:

Internet: frauenberatung.at, Notruftelefon: 01/ 5232222, Internet: frauennotruf.wien.at; 24-Stunden-Notruf: 01/71719