Schloss Loosdorf: Ein Scherbenhaufen voller Möglichkeiten
Die Piattis breiteten die Scherben am Boden aus – dort liegen sie bis heute.
Es sind Tausende Scherben, die in einem Eckzimmer des Schlosses Loosdorf im Weinviertel fein säuberlich arrangiert wurden. Einst waren sie wertvolle Teller, Tassen und Dekorationsgegenstände, die von der Sammelleidenschaft der Familie Piatti zeugten.
Doch die russischen Besatzer machten mit dem feinen Porzellan aus Japan, China und Europa, das zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert stammte, kurzen Prozess: Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg in das Schloss der Familie eindrangen, zertrümmerten sie, was sie finden konnten. Auch jene Nische im Keller, in der die Piattis besondere Sammlerstücke eingemauert hatten, entging ihnen dabei leider nicht.
Gabriela Krist, Projektleiterin (li.) der Angewandten, mit Ausstellungskuratorin Christina Stadlbauer.
Heute sind die Scherben noch immer dort vorzufinden, wo die Urgroßeltern von Gabriel Piatti sie nach ihrer Rückkehr ins Schloss aufgereiht hatten. Auch die Risse in den Tapeten, die die Russen hinterlassen hatten, hat man unverändert gelassen. „Die Scherben erzählen eine Geschichte, die bis heute Aktualität hat. Aber sie zeigen auch, dass aus Leid und Zerstörung etwas Schönes hervorgehen kann“, erzählte Piatti bei einem Besuch des KURIER 2023.
Objekte in Japan restauriert
Seither haben die Scherben und ihr Schicksal viele Besucherinnen und Besucher, aber auch die Wissenschaft inspiriert. Von 2015 bis 2022 wurden bereits einige Objekte in Japan restauriert und ausgestellt, seither setzt sich die Universität für Angewandte Kunst in Wien mit der Sammlung auseinander: Jede einzelne Scherbe wurde erfasst und bewertet. Mittels 3D-Druck wurde auch rekonstruiert, wie die Gegenstände vor ihrer Zerstörung ausgesehen haben.
Kiminori Iwama, japanischer Botschafter in Österreich, war bei der Ausstellungseröffnung am 30. Mai zu Gast.
„Bedeutung von Zerstörung neu überdenken“
Nun gipfelt die Zusammenarbeit, die im Zuge von Workshops und Tagungen auch international Resonanz fand, in der Kunstausstellung „Completed X Contemporary – Resonances to the Broken Collection“ im Schloss. Diese setzt sich mit Fragmentierung, Erinnerung, Materialität und Wiederherstellung auseinander. „Anstatt um das Verlorene zu trauern, laden die Werke das Publikum dazu ein, die Bedeutung von Zerstörung neu zu überdenken — als Mahnmal, als Material und als Möglichkeit“, so Kuratorin Christina Stadlbauer.
Bis September 2026 sind die Werke gegen Voranmeldung (office@piatti.at) zu sehen, im Dezember endet dann die Kooperation mit der Angewandten. Für die Scherben bedeutet das jedoch nur ein weiteres Kapitel in ihrer langen Geschichte: Das Schloss Loosdorf wird sich als Museum unter dem Titel „Shards and More“ neu präsentieren und dauerhaft einen Schwerpunkt auf Keramik, Porzellan, Restaurierung und künstlerische Forschung legen.
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