Die Kunst als Denkaufgabe und Dominospiel
Kunst aus Österreich erlebt international gerade gesteigerte Aufmerksamkeit, und einmal mehr steht die körperbetonte Variante im Vordergrund: Florentina Holzingers Biennale-Auftritt und ihr „Pfingstspiel“ in der Tradition von Hermann Nitsch irritiert das Publikum mit nackten Leibern, Blut und drastischen Aktionen.
So gut sich diese Kunst in einer österreichischen Tradition verankern lässt, so gut ließe sich die heimische Kunstgeschichte auch von der anderen Seite des Spektrums her erzählen: Als eine Suche nach Ausdrucksformen, die – über den Weg der Sprachkritik und einer Skepsis für alles Impulsive – nach einer Ästhetik der Regelhaftigkeit strebt.
In dieser Tradition steht die Künstlerin Helga Philipp, die von den frühen 1960er-Jahren an ein umfassendes Werk schuf, das aber in seiner Innovationskraft und Tragweite nie die internationale Anerkennung erfuhr, die ihm zustünde.
Optisches Spiel
In der Albertina ist nun bis September ein repräsentativer Querschnitt durch Philipps Werk ausgelegt. Die Schau versteht sich als Teil einer losen Reihe, mit der das Museum konkret-abstrakte Tendenzen in Österreich im Blickfeld halten will: Sie folgt auf eine Ausstellung von Brigitte Kowanz, die eine von jenen vielen Schülerinnen war, die mit der an der „Angewandten“ lehrenden Philipp in Kontakt kamen.
Ab 26. Juni setzt die Albertina Modern mit einer Präsentation der ästhetischen Verwandten Victor Vasarely und Marc Adrian nach.
Die auf optische Effekte zielende „Op Art“, als deren Star Vasarely heute international geläufig ist, hatte es auch Helga Philipp angetan: 1961 kam sie mit der Kunstrichtung erstmals in Kontakt und entwickelte verblüffende Bildarrangements, die manch spätere Ideen der Stars des Genres vorwegnahmen.
Verhältnisse tanzen
Teils sind es Rastermotive, teils Rautenformen oder Kreise, die Philipp auf Plexiglas druckte und in Schichten anordnete: Je nach Position und Blickwinkel der Person, die vor dem Objekt steht, ergeben sich daraus unterschiedliche Konstellationen mit räumlichen Effekten.
Die Idee dahinter spiegelt sich im Titel der Albertina-Schau, „Bewegungsräume“: Für Philipp spielten die Betrachterinnen und Betrachter eine besondere Rolle, sie vervollständigen das Werk. Die Aufforderung sich vor den Bildern und Objekten zu bewegen, dynamisiert auch den Ausstellungsraum: Die strenge Regelhaftigkeit schlägt in etwas Spielerisches um.
1972 realisierte Philipp ihre Ideen auch im Stadtraum: Sie übertrug die modularen Kreismotive, die in der Albertina an mehreren „kinetischen Objekten“ studiert werden können, auf Autoreifenschläuche und pflanzte sie für kurze Zeit im Stadtpark am Wienfluss auf. Während diese Aktion es nur als Fototapete in die Schau schaffte, ist ein anderes interaktives Werk ansprechend umgesetzt: Für „Domino“ (1985–’87) bemalte Philipp 56 Quadrate mit Quer- und Diagonalstreifen in unterschiedlichen Grauwerten, die nach Art eines Dominospiels aneinandergereiht werden können.
Malerei mit Groove
Die Künstlerin selbst sah das Werk in Analogie zur Regelhaftigkeit der Zwölftonmusik. Dass die Malerei bei ihr auch einen Rhythmus bekam, der dann u. a. von Gerwald Rockenschaub – auch er ein Schüler – mit der Wiener und Berliner DJ-Kultur und der Elektronikmusik kurzgeschlossen werden sollte, hatte sie vielleicht nicht am Radar. Die Impulse hallen jedenfalls nach, oft auch in unvorhergesehener Art und Weise.
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