Florentina Holzingers "Pfingstspiel" mit Friedenstauben und Monstertrucks
Die Tauben, die am strahlenden Samstagnachmittag rund ums Wiener Hotel Intercontinental am Stadtpark flatterten, waren vermutlich nicht choreografiert.
Aber in der gespannten Aufmerksamkeit der mehr als 700 Personen, die sich auf der großen Fläche des Wiener Eislaufvereins versammelt hatten, konnte alles Bedeutung annehmen: Kommt jetzt der Heilige Geist? Es war schließlich das „Pfingstspiel“ angesagt, das erstmals von der Starperformerin Florentina Holzinger ausgerichtet wurde – im Geiste Hermann Nitschs, des großen, 2022 verstorbenen Aktionisten und Gesamtkunstwerkers.
Der Geist erschien dann in Gestalt einer nackten Frau, die sich vom Dach des Intercontinental in Zeitlupentempo an der Fassade des Hauses hinabschritt. Kundige der Performancekunst fühlten sich an ein Stück der US-Choreografin Trisha Brown erinnert, die dergleichen 1970 erstmals in New York aufgeführt hatte. Weniger Kundige dachten an den Unternehmer Jochen Schweizer, der „House Running“ als Nervenkitzel für Mutige erfolgreich in mehreren Städten vermarktet.
Spektakel, Zirkus. Kunst
Doch im Kosmos der Florentina Holzinger ist Spektakel, Zirkus und Erlebnisökonomie eben fixer Bestandteil der Kunst: Das ist in „Seaworld Venice“ so, dem viel diskutierten Österreich-Beitrag zur Kunstbiennale, der einen Wasser-Erlebnispark verspricht und neben dem skandalisierten Ensemble aus Kläranlage und Aquarium mit einem rotierenden Jetski aufwartet.
Und es war beim Pfingstspiel (Betonung auf „Spiel“) so, wo Holzinger mit einem kolossalen Materialaufwand auffuhr und Autos, ein Motorrad, einen Fallschirmsprung und einen Monster-Truck (!) zum Einsatz brachte.
Pfingstspiel2026
Die Performance am Heumarkt (dort rotierte statt dem Jetski noch ein BMW, den Holzinger mit einem brennenden Pyrotechnik-Element im Mund bestieg), war nämlich nur der Auftakt: Mit Bussen ging es ins Schloss Prinzendorf, dem zentralen Ort des „Orgien-Mysterien-Theaters“ von Hermann Nitsch.
Aktionismus und mehr
Wie Holzinger mit diesem Oeuvre umgehen würde, wurde vorab viel diskutiert: Dass ihre Arbeit in der Tradition des Wiener Aktionismus stünde, hatten viele behauptet, während die in der Tanzwelt sozialisierte Künstlerin das eigentlich nie so sah. Gleichwohl kommt sie der Kunstströmung, die ab den 1960ern so viele Tabus aufbrach, auch nicht aus.
In Prinzendorf setzte Holzinger ganz bewusst bei Nitsch an – und rührte nicht nur in dessen kultisch-sakralen Bildwelten um, sondern auch im Kult um Nitsch selbst. Das begann mit einer „Malaktion“ an der Stirnseite des Schlosshofes, wo eine nackte, in Kreuzstellung vor einer Leinwand verharrende Performerin mit roter Farbe besprengt wurde.
Allerdings sprühten nicht Menschen, sondern zwei Drohnen die Farbe auf Wand und Körper. Die Ergebnisse des von der menschlichen Geste befreiten Malakts wurden live auf Screens links und rechts der Leinwand übertragen. Auf diesem Techno-Triptychon sollten im Verlauf des Abends noch viele starke Bilder erscheinen, darunter Nahaufnahmen einer Operation, bei der sich Performerinnen Haken unter die Haut einsetzen ließen.
Dass Holzinger Technik mit extremer Körperlichkeit zusammenbringt, ist ein durchgehender Wesenszug ihrer Arbeit - und ein grundlegender Unterschied zu der auf reine Unmittelbarkeit zielenden Aktionskunst früherer Generationen. Drohnen sind dabei ebenso Körperprothesen wie Fahrzeuge, Musikinstrumente, Mikrofone und Verstärkeranlagen.
In Prinzendorf schwoll am Abend das Getöse immer weiter an, als schließlich ein im Hof platzierter Panzer durch den Hof bewegt wurde. Holzinger, wie immer nackt bis auf einen Gurt für technische Geräte, sollte auch dieses Monster bezwingen, und zwar mit einem Trial-Motorrad. Währenddessen steigerte sich die Sängerin Lane Shi Otayonii in einen „No War“-Gesang hinein.
Am Höhepunkt dieser alternativen „Monsters of Dirt“-Show röhrte dann ein am rechten Hofrand geparkter Monstertruck auf – und fuhr über den Panzer drüber. Das martialische Gerät entpuppte sich dabei als täuschend gefertigte Holzkonstruktion.
Der Heilige Geist kam dann fast pünktlich um 19.30 Uhr in Form einer Fallschirmspringerin – mit Helm in Taubenform. Ihr Weg ließ sich via Live-Kamera auf den Screens verfolgen. Das Publikum wollte freilich die Landung am Acker vor dem Schloss verfolgen und erlebte in der herrlichen Abendsonne einen jener intensiven gemeinsamen Momente, die auch in Nitschs Kunst-Festspielen stets wichtig waren.
Als die Fallschirmspringerin im Taubenkostüm sich dann auch noch als Schwertschluckerin entpuppte und eine weiße Fahne im kaputten Panzer platzierte, war die Pfingstbotschaft als Friedensbotschaft auch jedem klar.
Die Subtilität und intellektuelle Tiefe des Nitsch’schen Aktions-Kosmos erreicht Holzinger freilich nicht. Doch das war beim Pfingstspiel vermutlich auch nicht der Punkt.
Die Künstlerin genießt ihre aktuelle Prominenz zunächst einmal deshalb, weil sie mit ihrer Frauentruppe Räume erobert: Mit dem beschriebenen Körpereinsatz gelingt das zu Luft, zu Wasser und zu Lande in ganz buchstäblichem Sinn, es gelingt aber auch auf symbolischem Terrain. Warum sollen nackte Frauen nicht auch Spaß mit Bikes und Monstertrucks haben? Warum soll eine Choreografin nicht die Galerieräume erobern – oder eben das Schloss des Ober-Aktionisten?
Während der Stunden in Prinzendorf kam das Publikum Holzingers Team, für die der Begriff „Zirkustruppe“ hier explizit nicht abwertend verwendet werden soll, ziemlich nahe.
Jede Mitwirkende ist eine einprägsame Person, viele haben Körpermodifikationen durchgemacht – von Tattoos und Piercings bis auf Haken im Fleisch bis zur bärtigen Performerin mit Geschlechtsmodifikation. Früher wurden solche Personen als „Freaks“ zur Schau gestellt, hier agieren sie selbstbestimmt. Für manche ist das ein Skandal.
Im Finale versammelte Holzinger ihre Truppe zu einem „Abendmahl“ im Schlosshof – flankiert von zwei Nitsch-Darstellerinnen mit angeklebten Bärten. 13 Performerinnen ließen sich dafür im zentralen Hof an Haken an Schultern und Knien aufhängen, das Einsetzen derselben in die Haut konnte zuvor live verfolgen, wer wollte (man hatte nur einige Piercings durch Gelsen zu ertragen).
Es dauerte lange, bis alles an Ort und Stelle war, und bisweilen kamen Zweifel auf, ob Holzinger die Eroberung des – bereits von Nitsch im Sinne eines barocken Stationentheaters angelegten – Schlossparcours bis ins Letzte gelungen ist.
Als einer der falschen Nitschs mit einem Pfeiferl dann die Schlussperformance startete, mag sich manch einer gar empört haben – nicht über die Abendmahl-Ikonografie, die sich u. a. schon die Künstlerin Margot Pilz 1979 in feministischer Weise angeeignet hatte, sondern an der Verballhornung des Aktionismus-Meisters selbst.
Dann aber schwebte Holzinger mit ihren Jüngerinnen in der Luft, schaukelte sanft, und Schmerz, Mühsal und die Materialschlacht wichen einem Moment der Klarheit und Schönheit: Begeisterung.
- Florentina Holzinger, 1986 in Wien geboren, studierte Tanz in Amsterdam und gilt heute als eine der einflussreichsten Figuren im Bereich der Performancekunst. Ihre Opern-Interpretation "Sancta" erregte 2024 bei den Wiener Festwochen hohe Aufmerksamkeit - und danach in Stuttgart, wo
- Aktuell bespielt Holzinger den Österreichischen Pavillon der Kunstbiennale Venedig (bis 22. 11.)
- Das "Pfingstspiel" wurde auf Einladung von Rita Nitsch, der Witwe Hermann Nitschs, realisiert. Es ist eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Nitsch-Foundation. Als weitere Sponsoren traten das (im Zuständigkeitsbereich des Landes Niederösterreichs stehende) Nitsch Museum, der Stromkonzern Verbund sowie Firmen und private Förderer in Erscheinung.
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