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Holzinger in Venedig: Kunst? Theater? Transformation!

Perspektiven auf den meistdiskutierten Biennale-Beitrag: Wie Florentina Holzingers „Seaworld Venice“ künstlerische Genres verrührt.
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Die meisten Menschen, die zum Auftakt der Biennale Venedig in den Österreich-Pavillon drängten, bekamen wohl nur wenige Minuten des Gesamtwerks zu sehen, das auch nach einer Stunde noch mit Überraschungen aufwartet (siehe Artikel unten). Und weil jede Person ihren eigenen Bedeutungsvorrat mitbringt, sahen jene, die eher im Feld der bildenden Kunst sozialisiert wurden, eher kein Theaterstück, sondern: Bilder. Von einem „Tableau vivant“ war teilweise die Rede – bereits in der Renaissance war das Nachstellen berühmter Gemälde ein Vergnügen für das Auskennerpublikum.

Es spricht für Florentina Holzingers Arbeit in Venedig, dass sie für verschiedene Sichtweisen funktioniert und diese gleichzeitig belohnt und herausfordert.

Dabei hat Holzinger klargestellt, dass sie alles andere als kontextblind auf ihre Arbeit zugeht: „In einen anderen Raum zu gehen, heißt, sich mit anderen Gewohnheiten und Erwartungen auseinanderzusetzen – und das ist ein großer Teil, eine große Inspiration der Arbeit“, sagt sie etwa in einem Video der Galerie Ropac, die sie kurz vor dem Venedig-Auftritt unter Vertrag nahm.

Venus und Sebastian

Das Kunstpublikum ist also mit Assoziationen zur Stelle: Dass sich die Performerin im großen Wassertank an einem Punkt hinlegt, wird etwa als Anklang an die „Schlafende Venus“ des venezianischen Malers Giorgione gedeutet.

Entlang der riesigen Wetterfahne im Saal rechts des Eingangs hängen die realen Körper der Performerinnen neben goldfarbigen Abgüssen (was nicht ganz kitschfrei anmutet) – und bieten sich ebenfalls für Referenzen an: Manieristische Darstellungen des „Höllensturzes“ von Meistern wie Luca Giordano oder des von Pfeilen durchdrungenen Körpers des Hl. Sebastian fallen einem ein. Indem sich die Akteurinnen diese Posen aneignen, geht ihrer Nacktheit übrigens das Passive verloren: Ähnlich wie bei den Aktionen der verstorbenen VALIE EXPORT resultiert die selbstbestimmte Zurschaustellung in Präsenz und Stärke und nicht in Sexualisierung.

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Doch da ist noch der Raum selbst: Mit der Glocke über dem Eingang, der Ausrichtung auf den Wassertank-Altar und zwei Mobilklos als Kapellen sind die Parallelen der Anlage zu einem Sakralbau klar nachvollziehbar. 

Bevor man an diesem Punkt „Blasphemie“ schreit, möge man versuchen, den Begriff der Sakralisierung etwas weiter zu fassen: Nicht nur die Kirche als Ort der Wandlung von Brot und Wein vermag schließlich Transformation zu schaffen, auch ein Museum oder Kunstraum „veredelt“ das, was in ihm gezeigt wird. Der Künstler Marcel Duchamp zielte auf diesen Punkt, als er vor bald 110 Jahren ausgerechnet ein Pissoir in eine Kunstschau stellte. Ob Holzingers (Ver)kläranlage auch darauf Bezug nimmt, ist nicht belegt, es liegt aber nahe.

Laut Galerie will sich Holzinger nun durchaus weiter ins Kunstsystem vorwagen. Es ist dabei nicht unüblich, Performance-Projekte (teilweise) durch den Verkauf von Werken zu finanzieren – bei Holzinger wird derzeit die Glocke als Skulptur sowie eine Foto-Edition angeboten. 2027 wird es eine Galerieausstellung in Paris geben, „Seaworld Venice“ wird im Gropiusbau Berlin und der Kunsthalle Wien gezeigt. 

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