Hermann Nitsch 1960 - 1965: Das Fundament eines Gesamtkunstwerks

Das erweiterte Wiener Aktionismus Museum eröffnet mit einer umfassenden, tatsächlich beeindruckenden Retrospektive über den Gründungsvater
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Hermann Nitsch gilt als „Mitbegründer“ des Wiener Aktionismus und wird vom WAM, dem privaten Wiener Aktionismus Museum, auch als solcher vorgestellt. Dabei wurde der Begriff erst 1969, ein Jahrzehnt nach den ersten Aktionen von Nitsch, geprägt – von Peter Weibel.

Und Nitsch war gar nicht so erfreut darüber. „Es gab vier Leut’, die genug von der damals traditionellen modernen Malerei hatten“, sagte er 2012. Die anderen waren Otto Muehl, Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus. „Sie drehten die Malerei ins Performative. Ich hatte mit dem Gedanken des Orgien Mysterien Theaters angefangen. Das hat meinen Kollegen sehr imponiert. Sie haben das aufgegriffen – und daraus dann durchaus Eigenes entwickelt.“ 

Nitsch arbeitete z. B. mit Flüssigkeiten, darunter Gedärmesäfte: „Otto Muehl hat das übernommen, aber ins Lustige verkehrt. Bei ihm war das irgendwie auch eine Verhöhnung der Gesellschaft. Bei mir hingegen war das immer von – unter Anführungsstrichen – ,heiligem Ernst‘ durchdrungen.“

Was Nitsch damit sagen wollte: Der Wiener Aktionismus war eigentlich seine Erfindung – und er selbst weit mehr als der „Mitbegründer“. Aber Nitsch ist tot, der Wiener Aktionismus lebt, er hat sich längst als Label etabliert. Und so gibt es eben seit dem März 2024 das WAM.

Im September 2025 gelang es dem Galeristen Philipp Konzett, Miteigentümer des WAM, den ehemaligen Direktor der Albertina als Geschäftsführer zu holen. Klaus Albrecht Schröder startete gleich einmal mit einem respektablen Umbau. Das erweiterte WAM öffnet heute (25. März) seine Pforten (der Eingang wurde von der Weihburg- in die Schellinggasse verlegt) mit einer Retrospektive über das Frühwerk von Nitsch und den Zeitraum 1960 bis 1965. Da wird nicht gekleckert, da wird geschüttet: Direktorin Julia Moebus-Puck als Kuratorin und Schröder stellten eine in der Tat erstaunlich umfassende Ausstellung zusammen.

Zu ebener Erde stößt man gleich einmal auf das neun Meter lange „Blutorgelbild“ aus 1962: Nitsch, Muehl und Adolf Frohner (der den aktionistischen Weg danach verließ) ließen sich für drei Tage und Nächte in Muehls Kelleratelier einschließen, und jeder arbeitete selbstständig. Die anderen produzierten „Gerümpelplastiken“, die in der Versenkung verschwanden, aber Nitsch schuf in seiner 7. Malaktion ein legendäres Werk: Zum ersten Mal verwendete er Tierblut als Farbe.

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Eigentlich müsste die Schau aber weit davor einsetzen. Denn Nitsch träumte davon, Kirchenmaler zu werden: „Schon als 16-Jähriger hab’ ich mich mit den alten Meistern beschäftigt, sie kopiert und so weiter.“ Ab 1958, nach Abschluss der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt, arbeitete er fürs Technische Museum. 

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Der Job forderte ihn nicht: Nitsch formulierte sein Orgien Mysterien Theater aus – und er realisierte seine ersten Schüttbilder. Im WAM-Keller entdeckt man u. a. eine Rembrandt-Kopie aus 1957, mit Tinte überschüttet 1960: Das verdeutlicht den radikalen Bruch.

Menstruationsbinden

Nach den „Blutorgel“-Ereignissen wurde Nitsch im Museum verspottet, der Direktor machte Meldung im Ministerium. Der Künstler ging, die SPÖ stellte ihm ein Atelier in der Brünner Straße zur Verfügung. Und Nitsch realisierte binnen weniger Jahre all das, was ihn ausmacht: Es entstanden auch die ersten Rinnbilder, Nitsch verarbeitete die christliche Symbolik, er integrierte Kasels (vor der Zerstörung gerettete Umhänge der Priester) sowie Mull- und Menstruationsbinden, er stellte den Menschen als Opfer dar, und so weiter.

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Die Verehrung der fünf Wunden Christi: „Rosenbild“ aus  1963 mit Mullbinden, Rosenblättern, Blut etc. auf Jute.  

Das Frühwerk ist, wie Schröder bei der Pressekonferenz am Dienstag betonte, nicht der Anfang, sondern das Fundament. Sehr solide gebaut! (Bis 5. Juli.)

Debatte um Otto Muehl

Für den Herbst hatte Schröder eine von ihm zusammengestellte Retrospektive Otto Muehl angekündigt. Da der Sektenführer brutal vorging  und auch Minderjährige missbrauchte (er büßte eine Haftstrafe ab), regt sich dagegen Widerstand.

Am Montag kündigte Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) einen Expertinnen-Rat zum Umgang mit Kunst in Gewaltkontexten an: „Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie wir aufarbeiten“, heißt es in einer Aussendung. „,Zeitgeist‘-Relativierung, Werk-Person-Trennung und selektives Zeigen von Werken greifen zu kurz.“ Im Eigentum der Bundesmuseen befinden sich viele Arbeiten von Muehl, es gehe bei der Aufarbeitung aber nicht nur um ihn.

Bei der Pressekonferenz zur Nitsch-Ausstellung erzählte Schröder von der ersten und einzigen Begegnung mit Babler: „Er sah mich an wie ein Autobus und steckte mich ins Burgtheater.“  Er erkenne eine Tendenz der Politik, Regeln erlassen zu wollen (siehe den Konflikt  mit Festspielintendant Markus Hinterhäuser): „Das sehe ich mit Beunruhigung.“ 

Schröder, der statt der Muehl-Retrospektive jetzt nur unverdächtige Werkblöcke zeigen will, lässt fürs WAM einen Ethik-Codex erarbeiten.

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