Chronik | Österreich
20.08.2018

Reportage: Undercover bei Foodora

Der Lieferservice Foodora ist umstritten. Schlechte Bezahlungen und Dienstverhältnisse machen die Runde. Der KURIER war wochenlang als Bote unterwegs.

Mein erster Tag als Rider (Fahrradkurier). Es ist trocken, hat 25 Grad, zwischendurch erhaschen ein paar Sonnenstrahlen eine Wolkenlücke. Das Fahrrad steht am Startpunkt auf der Mariahilfer Straße bereit. Nach wenigen Minuten ist es auch bei mir so weit: Die erste Bestellung trudelt ein. Ich schlage innerlich ein Rad. Das erste Lokal befindet sich am Uhlplatz in Wien-Josefstadt. Die Zeit ist vorgegeben. Ich komme rechtzeitig an. Der Kellnerin sage ich den Namen des Kunden, doch sie will die Bestellnummer wissen. Diese ist mir erst beim zweiten Blick ersichtlich. „Heute ist mein erster Tag”, sage ich. „Der erste Tag? Na dann, weißt du noch gar nicht, was auf dich zukommt“, antwortet sie.

Die Frau bietet mir ein Glas Wasser an. Als der Koch mir das Essen bringt, will ich es in den vorgeschriebene Thermotasche geben. „Geh bitte, gib’s doch einfach so in den Rucksack“, sagt er verbissen und stellt die Papiertüte hinein. Nach dem Pick-up radel ich über zwei Kilometer zu meinem Ziel. Dort angekommen übergebe ich die Speisen, bekomme neben einem verkrampften Lächeln auch ein Trinkgeld von einem Euro. Es folgt prompt der nächste Auftrag. Am Weg treffe ich immer wieder andere Lieferanten. Man radelt aneinander vorbei, begrüßt sich wie Busfahrer es tun.

Mein zweiter Auftrag führt mich wieder zurück zur Mariahilfer Straße. Das Prozedere ist dabei immer dasselbe. Per App akzeptiere ich den Auftrag, hole das Essen beim Restaurant ab und liefere es zum Kunden aus. Die App ist eindeutig der Chef. Aber auch der macht Fehler.

Meine letzte Bestellung nehme ich bereits mit minus drei Minuten an und das, obwohl ich ständig in der Zeit war. Ich trete kräftig in die Pedale, komme bei einer Pizzeria an. Die Bestellung umfasst zwei Pizzen. Ich stelle das Essen leicht schräg in den Rucksack, da es mir nicht anders möglich erscheint. Ein Aufholen der Zeit ist unmöglich. Ich entschuldige mich, überreiche dem Kunden die Speisen. Die Pizzen sind auf Grund des Transportes leicht zusammengefallen. Sofort wird mir klar, dass ich den Rucksack vergrößern hätte können. Ein peinlicher Fauxpas.

Meine Bilanz nach dem ersten Arbeitstag: Nach eineinhalb Stunden habe ich rund zehn Kilometer zurückgelegt und fünf Bestellungen ausgeliefert. Mein Lohn inklusive Trinkgeld beträgt etwas mehr als 18 Euro.

19 Fragen zum Job

So anstrengend die Arbeit an sich ist, so leicht ist dafür die Bewerbung. Zuerst gebe ich online meine Eckdaten an. Gleich darauf erhält man eine eMail mit einem Einstellungstest. In einem 10-minütigen Video wird die Arbeit als Fahrradkurier vorgestellt. Was ich zum Anziehen habe, was ich vor Dienstbeginn kontrollieren muss und wie ich die Aufträge entgegennehme. Danach muss ein Quiz mit 19 Fragen bestanden werden. Geschafft.

Die nächste Runde folgt sogleich. Foodora möchte noch mehr Infos: Sozialversicherungsnummer, Kopie des Meldezettels, Kopie eines Ausweises, IBAN, BIC, Kleidergröße, Wohnort. Und das obwohl ich noch nicht weiß, ob ich den Job überhaupt bekomme. Ich schicke alles ab. Mein Handy klingelt. „Hallo?“. Foodora ist dran. Ich werde zu einem „Onboarding“ eingeladen. (Das ist cooleres Wort für Vorstellungsgespräch; Anm.) Es heißt, im Zuge dessen werde ich auch gleich meinen Vertrag unterschreiben. Rasant. Für eine Probefahrt soll ich mein Bike mitnehmen.

Das Onboarding in der Foodora-Zentral auf der Mariahilfer Straße (mittlerweile wurde die Zentrale in den 2. Bezirk verlegt, Anm.) ist für über zwei Stunden angesetzt. Dort erscheinen neben mir drei weitere Interessenten. Sie sprechen kaum Deutsch, weshalb die Präsentation auf Englisch durchgeführt wird. Als wir uns vorstellen, herrscht bei einem der Bewerber Verwunderung: „Ich dachte, Wiener arbeiten hier nicht?“ Der Präsentator meint, es würden sogar Pensionisten für Foodora fahren.

Mittels Powerpoint-Präsentation wird erklärt, wie man in der App Aufträge entgegennimmt, was man verdient und wie man mit bestimmten Situationen (Unfall etc.) umzugehen hat.

Der Stundenlohn beträgt 4 Euro, pro aufgegebener Bestellung erhalten wir zusätzlich zwei Euro. Diese setzen sich aus 1,24 Euro Orderbonus und 0,38 Euro Verschleißpauschale zusammen. „Die Kuriere schaffen zwei bis drei Bestellungen in der Stunde“, meint der Mitarbeiter. Es heißt, ich kann bis zu 10 Euro in der Stunde verdienen. Außerdem wird uns gezeigt, dass es in Wien vier Startpunkte gibt. Uns wird erklärt, dass vertraglich auch einige Strafen vorgesehen sind. Wenn man die 14-tägige Kündigungsfrist nicht einhält, muss man 100 Euro zahlen. Derselbe Betrag wird fällig, falls unentschuldigt einen Monat lang kein Dienst verrichtet wird.

Die Probefahrt fällt dafür ins Wasser. Auf Grund des Regens dürfen wir unser Können nicht unter Beweis stellen. „Gott sei Dank“, freut sich einer der Männer sichtlich.

Trotzdem werden uns sofort die Verträge für ein freies Dienstverhältnis vorgelegt. Für die anderen drei Bewerber gibt es das Stück Papier auch auf English. Die Interessierten blättern dieses durch, schauen sich dabei immer wieder fragend an. Trotzdem unterschreiben sie am Ende. Beim Verlassen beichtet mir einer der neuen Rider im gebrochenen Deutsch: „Ich verstehe das meiste eh nicht, also unterschreibe ich einfach.“

Als am nächsten Montag die Ausrüstung abzuholen ist (diese kostet 50 Euro Pfand und wird vom ersten Lohn abgezogen, Anm.), stehen bereits einige neue Rider an. Das Fahrrad und das Handy müssen selbst zur Verfügung gestellt werden. Den Rest gibt es von Foodora. Ein junger Mann verweigert einen Helm. „Auf deine Verantwortung“, sagt die Mitarbeiterin und händigt ihm die restliche Ausrüstung aus. Laut Statuten ist ein Helm nicht verpflichtend.

Eine Woche später erhalte ich plötzlich ein eMail. Angeblich hätte ich meine Unterlagen nicht hochgeladen, was ich allerdings bereits vor Tagen erledigt hatte. „Sollte ich deine Unterlagen bis morgen nicht erhalten, muss ich deinen Vertrag stornieren“, schreibt die Mitarbeiterin. Erneut schicke ich meine Daten ab. Diesmal dürfte die Informationen angekommen sein. Erst jetzt bin ich ein Rider.

Trinkgeld variiert

Zurück zum zweiten Tag als Rider. Der Wettergott hat diesmal kein Erbarmen. Beim Start, um die Mittagszeit, regnet es. Meine erste Lieferung ist für Mitarbeiter einer Baufirma, die ich von einer Burgerkette am Westbahnhof abhole. Danach geht es auf die Äußere Mariahilfer Straße. Auch die zweite Lieferung ist kein Problem. Meine dritte und vierte Bestellung fordern mich aber heraus. Es handelt sich um einen sogenannten „Double Pickup“. Ich muss zwei Restaurants hintereinander anfahren. Beim ersten Lokal bei der Mariahilfer Straße wird vom Koch die Zeit nicht eingehalten. Ich verspäte mich also. Vollgepackt radel ich durch den Naschmarkt. Im zweiten Restaurant steht das Essen schon bereit. Ich trete los. Ein Aufholen der Zeit ist auch hier unmöglich.

Die dritte Schicht ist nicht nur wegen des Wetters schweißtreibend. Es hat 34 Grad und ich lege in nicht einmal zwei Stunden zwölf Kilometer zurück. Außerdem teile ich eine neue Erfahrung. Weil eine Bestellung so groß ist, muss ich sie mir mit einem zweiten Rider teilen. Sebastian ist Student und erst seit vier Wochen Fahrradbote bei Foodora. Er hat einige Schichten hinter sich. „Es ist ok, oder?“, meint er. Wie lang er das machen will, weiß er nicht, beichtet er mir leicht erchöpft.