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Chronik Österreich
03/04/2019

Raumplanung: Der harte Kampf um die Innenstädte

Neue Initiativen gegen das langsame Ausdünnen der Zentren: Wohnraum und strenge Gesetze.

von Claudia Koglbauer-Schöll, Matthias Hofer, Michael Pekovics

Das Lied von den aussterbenden Innenstädten ist landauf, landab der Evergreen im kommunalpolitischen Konzert. Dabei ist die noch vorhandene Quadratmeterzahl der Innenstadt-Verkaufsfläche geradezu zum Statussymbol unter Bürgermeistern geworden.

Auch wenn der frühere Boom der Einkaufszentren und Fachmärkte von Raumplanern längst als Kardinalfehler erkannt wurde, raufen die City-Marketingverantwortlichen oft mit den Bausünden der Vergangenheit. Dass mancher Zentrumsbetreiber Geschäftsleuten Provisionen zahlt, wenn sie ihren Laden von der Innenstadt in den Einkaufstempel an der Peripherie verlagern, stellt ebenfalls ein Problem dar.

Trotz aller Herausforderungen geben die Regionen den Kampf um ihre Innenstädte nicht auf. Das beweisen Beispiele aus der besonders betroffenen Ostregion.

Niederösterreich

In Niederösterreich wurde die Rettung der Innenstädte bereits vor Jahren zur Chefsache erklärt. Eine Vielzahl von  Maßnahmen soll eine weitere Ausdünnung verhindern und die Wiederbelebung fördern. Einige Beispiele.

Bereits seit 2005 sind Einkaufszentren auf der grünen Wiese verboten. Handelsflächen über 750 Quadratmeter müssen in definierten „Zentrumszonen“ entstehen.
Shop-Betreiber, die nicht genug eigene Parkflächen anbieten können, müssen grundsätzlich Ausgleichsabgabe an die Gemeinde zahlen (weil dann auf öffentlichem Grund geparkt wird). Siedelt sich ein Betreiber im Ortskern an, entfällt die Abgabe.

Etwa 50 Gemeinden, darunter Städte wie Bad Vöslau, Gänserndorf oder Wr. Neustadt, haben Bausperren über Teile des Ortsgebiets verhängt und überarbeiten Flächenwidmungs- oder Bebauungspläne, um eine zu rasche Entwicklung am Ortsrand zu bremsen.

Gemeinden können bei der Ortskernbelebung auf eine Datenbank zugreifen, um Informationen zu Brachflächen oder leer stehenden Gebäuden zu erhalten.
Bei der Sanierung von Altbauten gelten eigene Baubestimmungen: Bleibt etwa die Gebäudehülle erhalten, dann dürfen im Inneren auch mehr Stockwerke als ursprünglich vorhanden eingebaut werden. Möglich wird das oft durch die altbautypischen hohen Geschoße.

Treiber dieser und vieler anderer Maßnahmen in NÖ ist LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP). Sein Engagement bei Zentrumsbelebung und Aktivierung von brachliegendem Bauland erklärt er so: „Grund und Boden, die wir für unsere Nutzungsansprüche benötigen, sind nicht vermehrbar. Umso bewusster müssen wir mit den Flächen umgehen.“
AltlastenAuf Pernkopfs Betreiben befasst sich das Parlament derzeit mit der Idee, Beiträge zur Altlasten-Sanierung nicht nur für ehemalige Deponien oder Fabriksgelände zu verwenden. Ein Teil des Geldes soll künftig österreichweit zur Revitalisierung von Ortskernen verwendet werden, so der Vorschlag.

Neben der Dorferneuerung und der NAFES-Aktion (Förderung des Einkaufs in Ortszentren) gibt es in NÖ beim Bauen und Sanieren auch spezielle Wohnbauförderung für Innenstädte.

Burgenland

Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl hat das Burgenland die höchste Versiegelungsquote: Pro Kopf sind 277 Quadratmeter durch Verkehrsflächen versiegelt, das ist doppelt so viel wie der Österreich-Schnitt von 128 Quadratmeter. Das hat  eine  Analyse des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) aus dem Jahr 2018 ergeben.

Ein Beispiel, wie man leer stehende, ungenutzte Gebäude auch in Zukunft nutzen und Bodenversiegelung vermeiden  kann, liefert die Oberwarter Siedlungsgenossenschaft (OSG) im Burgenland.  Die Innenstadt von Mattersburg  ist eines der aktuellen Beispiele: Wo einst  in einer Heurigenschenke  Gäste bewirtet wurden, soll künftig ein neues  Multifunktionszentrum mitsamt Apotheke, Drogerie, Ordinationen und Geschäften entstehen.  „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, leer stehende Häuser – darunter auch Wirtshäuser und  Feuerwehrhäuser –zu retten“, erklärt OSG-Vorstand Alfred Kollar.   Etliche der rund 200  Wirtshäuser, die im Burgenland in den Vorjahren  geschlossen haben, vor allem jene im Südburgenland,  belebt die OSG in verschiedenen Formen wieder. Gezielt  wurden brachliegende Gebäude – meist in zentraler Lage – gekauft und  saniert und in Wohnprojekte umgewandelt oder es wurde der Raum für ein neues Projekt genützt. 

Alte Geschäfte nutzenJetzt gibt es ein neues Vorhaben, sagt Kollar zum KURIER. „Wir wollen nun auch leer stehende Geschäftslokale nutzen.“ Das Pilotprojekt dafür befindet sich in der südburgenländischen Marktgemeinde Bernstein. 

„Um eine effizientere Flächennutzung zu gewährleisten – auch für die Stadtstruktur und das Stadtgefüge  – ist es wesentlich besser, wenn ein Baugrundstück entsprechend genutzt wird“, sagt Kollar.  Dort, wo sich einst ein Supermarkt befunden hat, wird nun ein weiteres Geschoß mit Wohnungen gebaut“, erklärt Kollar. Im Obergeschoß entstehen weitere sieben Wohneinheiten. Im Erdgeschoß werden das  Gemeindeamt sowie  der Bauhof  untergebracht. Das Haus stehe kurz vor der Fertigstellung. „Wir versuchen, solche Flächenfresser künftig aufzumöbeln und dazu zusätzlichen Wohnraum zu schaffen“, sagt Kollar. 

Ein ähnliches Projekt wurde in der Vorwoche in Eisenstadt am Areal einer ehemaligen Zielpunkt-Filiale gestartet. Statt der unschönen Hülle des früheren Supermarktes und der ihn umgebenden Asphaltfläche wird ein Wohnpark mit 51 Wohnungen entstehen – ohne dabei einen einzigen Quadratmeter Boden neu  zu versiegeln.

 

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