© Kurier/Gilbert Novy

Reportage
11/01/2019

Rauchverbot: Als Wien in den letzten Zügen lag

In der Nacht auf den 1. November wurden die Lokale des Landes mit einem Schlag rauchfrei. In vielen Wiener Beisln schien das lange undenkbar. Ein emotionaler Abschied in acht Szenen.

von Christoph Schwarz, Raffaela Lindorfer, Gilbert Novy

„Die mit dem Ankleiden, Einsargen oder der Überwachung der Leiche beschäftigten Personen (...) dürfen während ihrer Tätigkeit weder essen, noch trinken oder rauchen.“

Das erste österreichische Rauchverbot trat im Jahr 1914 in Kraft – und irgendwie hatte es auch mit der Gesundheit zu tun. Es regelte zur Kaiserzeit den Umgang mit Leichen mit „anzeigepflichtigen Krankheiten“.

105 Jahre sollte es dauern, bis das Rauchverbot nach langem Hin und Her in der Gastronomie ankam. Zu Halloween, in der Nacht auf den 1. November wurde es schlagend.

Für viele Raucher bedeutet es den Abschied von der Beisl-Kultur, wie sie jahrzehntelang gepflegt wurde.

Wenig verwunderlich also, dass in Wien bis Mitternacht nicht nur viel, sondern auch besonders emotional geraucht wurde. Ein Streifzug durch die Nacht.

22.48 Uhr, Café Stadtbahn

Man riecht es schon, bevor man die Türe aufmacht. Im Café Stadtbahn wird geraucht. Das Lokal ist in rotes Licht getaucht, jeder Tisch ist besetzt.

Zwischen den Konzertplakaten, die dicht an dicht an den Wänden hängen, kleben handgeschriebene Zettel: „Ab Mitternacht Rauchverbot.“

Das Literatencafé – H.C. Artmann war hier oft Gast – gibt es seit den 1930ern, es etablierte sich als Treff für die alternative Szene im 18. Bezirk. Der Raucheranteil liegt bei 75 Prozent.

Für den Abend hat man einen großen gelben Standaschenbecher gekauft, der vor die Tür kommt. Großputz ist keiner geplant, in den schweren Vorhängen wird sich der Rauch bestimmt noch länger halten.

„Eine Stunde haben wir noch“, ruft einer.

23.24 Uhr, Café Rüdigerhof

Hier herrscht der Exzess. In Glasschalen werden Gratis-Tschick (solange der Vorrat reicht!) verteilt. Einer steckt sich sechs gleichzeitig zwischen die Lippen, eine andere trägt sie als Haarschmuck.

Der Rüdigerhof ist gesteckt voll. Der Rauch brennt – ein letztes Mal – in den Augen, in den Aschenbechern türmen sich die Stummel.

Auf einem Bildschirm läuft gut sichtbar ein Countdown. Als zwölf Minuten vor Mitternacht die Kellnerin ein Raucher-Pickerl von der Scheibe kratzt, geht ein Raunen durch den Raum.

Noch fünf Minuten – viele zünden sich hektisch eine letzte Zigarette an.

Zwei Minuten – Kellner sammeln die Aschenbecher ein. Traurige Gesichter. Leere Gläser und Teller werden zweckentfremdet.

Eine Minute – einer jungen Frau fällt vor Nervosität die Zigarette aus dem Mund und unter den Tisch.

00 Uhr 00 – „Ausdämpfen!“, ruft der Chef unter großer Geste. „Ich vertraue darauf, dass meine Gäste diszipliniert sind.“ Im Spiegel hinter ihm sieht man noch jemanden hektisch einen Zug nehmen.

Wenig später (es ist 00.09 Uhr) hat der DJ zusammengepackt, der Raum wirkt heller und irgendjemand hat ein Fenster aufgemacht.

0.38 Uhr, Schmauswaberl

Am Gehsteig stößt man auf die erste Menschentraube. Hier nimmt man das Ende mit Humor: Der Schriftzug „Wien, du oide Heisltschick. Wir werden dich vermissen“ nimmt die gesamte Breite der Glasfront ein.

0.51 Uhr, Tanzcafé Jenseits

„Leute, leise sein“, ermahnt einer von zwei Türstehern die Gäste, die in der Gasse vor dem Lokal stehen und rauchen. Um diese Uhrzeit sind noch alle vernünftig. „Aber warten Sie mal, wenn die erst betrunken sind“, sagt der Lokalbesitzer hinter dem DJ-Pult.

Bei den Anrainern hat man vorab für Verständnis geworben, sollte es vor der Tür doch lauter werden. Ein Thema, das die Gastronomen in der ganzen Stadt beschäftigt. Bei Lärmbelästigung drohen hohe Strafen.

Im Jenseits wurde schon am Vorabend ausgedämpft, um die Entwöhnung zu erleichtern. Vorne wird getanzt. Die Aschenbecher stehen hinten im Lager. Der Stimmung scheint das keinen Abbruch zu tun.

So ganz ohne Rauch wirken die Räume mit den roten Brokatwänden gleich nobler. Früher war das Lokal ein Bordell, ein Ort der Sünde.

Das Rauchen hatte übrigens schon früher – zur Jahrhundertwende – ein Imageproblem: Herren haben Damen in ihrer Gegenwart stets um Erlaubnis zu bitten, heißt es in der Benimm-Fibel „ABC des guten Tons“ aus dem Jahr 1903. Und weiter: „Damen meiden die Zigarre, wenn sie in der Achtung der Männer steigen wollen.“

1.09 Uhr, Würstelstand

Hier, im Freien, darf geraucht werden. Verkleidete Jugendliche essen eine Wurst, trinken Dosenbier.

Überraschend spaziert Grünen-Chef Werner Kogler vorbei. Er ist auf dem Heimweg, sucht erfolglos ein Taxi. Da bleibt Zeit zum Schmähführen. Das Rauchverbot tangiert ihn nicht, er ist kein Raucher. „Auch wenn ich wie einer ausschaue.“

1.24 Uhr, Café Voodoo

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es sind nicht viele Gäste da, aber die, die da sind, rauchen. „Heute ist der Rest vom 31. Oktober“, sagt der Barkeeper knapp.

Sein Glück, dass die Stadt das auch so sieht: Anders als angekündigt, hat das Marktamt in der ersten Nacht nicht kontrolliert. „Wir haben uns gedacht, die Leute sollen noch Halloween feiern.“

Die ersten Kontrollore sind Freitagmittag unterwegs. Die Kontrollen gehen schnell, erklärt ein Sprecher: „Tür auf, reinschauen, Tür zu.“

1.58 Uhr, Damenspitz

Der Boden sieht anders aus. Normalerweise ist er übersät mit Tschickstummeln. Es gab dort nie Aschenbecher. Ein alter Hausbrauch im „G-Punkt“, wie das Lokal im 8. Bezirk früher hieß. Die neuen Betreiberinnen haben den Namen geändert, den Brauch aber übernommen.

Schlag Mitternacht haben sie den Boden gekehrt. „Aus Angst vor Kontrollen“, sagt Chefin Marlies.

Eine Erkenntnis hier: Ohne Zigarette im Mundwinkel kann man besser Darts spielen. Früher konnte man die brennende Zigarette ja nirgends ablegen.

3.30 Uhr, Gürtel

Entlang der Gürtelbögen stehen noch ein paar Verkleidete rauchend vor den Lokalen.

Fazit des ersten Abends: Alles friedlich, wenn auch schaumgebremst. Das Gefühl, dass etwas fehlt, wird die Raucher wohl noch länger begleiten.

Wie sich das Gesetz bewährt, bleibt abzuwarten. Zumindest historisch sind schon manche Rauchverbote gescheitert: Die katholische Kirche drohte im 17. Jahrhundert, als der Tabak nach Europa kam, Rauchern mit Exkommunikation.

Geraucht wurde dann einfach heimlich.

Betriebe

Das Rauchverbot in Lokalen ist durch den Hinweis „Rauchen verboten“ oder Hinweissymbole zu kennzeichnen. Fehlt diese Kennzeichnung, kann es teuer werden. Die möglichen Verwaltungsstrafen betragen bis zu 2.000 Euro. Im Wiederholungsfall kann sich die Strafe sogar auf 10.000 Euro belaufen. Ähnlich hohe Bußgelder werden fällig, wenn Wirte ihre Gäste künftig trotz Verbots weiter rauchen lassen. Die Kontrollen werden in Wien vom Marktamt durchgeführt.

Gäste

Auch die Gäste haben einiges zu beachten. Sollten sie sich den Anweisungen des Wirten widersetzen und im Innenbereich rauchen, kann die Polizei eine Verwaltungsstrafe verhängen. Wie hoch diese ausfällt, wird sich erst in der Praxis zeigen und vom konkreten Fall abhängig sein. Ins Aufgabengebiet der Polizei fallen zudem die Kontrollen, der vor dem Lokal auf der Straße rauchenden Gäste. Hier geht es speziell um Lärmbelästigung und Fragen des Jugendschutzes.

Anrainer

Sollte sich Anrainer durch lärmende Gäste gestört fühlen, können diese übrigens sowohl gegen die Gäste als auch gegen die Wirte Anzeige erstatten. Wenn sie sich dabei auf die Gewerbeordnung berufen, ist es theoretisch möglich, damit eine Vorverlegung der Sperrstunde zu erwirken.

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