Chronik | Österreich
18.11.2017

Polizei: Rekrutierungsoffensive wegen zu viel schlechter Bewerber

Weil die Hälfte der Anwärter am Aufnahmetest scheitert, darf die Polizei künftig nicht mehr so kritisch sein.

Die Aufnahmeoffensive der Polizei treibt seltsame Blüten. Weil dringend Personal gesucht wird, aber die Hälfte aller Bewerber an der Aufnahmeprüfung scheitert, darf die Polizei was Alter, Größe oder äußerliche Merkmale wie Tattoos betrifft, nicht mehr so kritisch sein. Anwärterinnen mit einem Fliegengewicht von knapp über 40 Kilogramm, ein Polizeischüler der beruflich gesehen mit 57 die besten Jahre bereits hinter sich hat, und ein Uniformierter mit gerade einmal 1,60 Meter Körpergröße, verkörpern bereits die heimische Exekutive.

Zum Leidwesen führender Gewerkschafter und Polizeistrategen sind vor einigen Jahren die Alters- und Größenlimits für den Polizeiberuf im Sinne der Gleichbehandlung gefallen. Davor durften Anwärter für den Exekutivberuf nicht älter als 30 sein und mussten mindestens 1,63 Meter (Frauen) beziehungsweise 1,68 Meter (Männer) Körpergröße aufweisen.

Alt und klein

Hochrangige Beamte sehen eine negative Entwicklung hin zu einer "Liliput und Greisen-Polizei", wie sie es süffisant formulieren. Laut dem obersten Polizeigewerkschafter, Reinhard Zimmermann (FCG), müsse man sehr aufpassen, dass das Niveau beim Polizei-Nachwuchs nicht absackt. Zimmermann denkt laut über eine Wiedereinführung der Alters- und Größenlimits nach – auch wenn sie gegen das Gleichheitsprinzip verstoßen. Gewisse Richtlinien hält er bei der Exekutive allerdings für notwendig und vergleicht es mit anderen Arbeitgebern: "Wer von oben bis unten tätowiert ist, wird auch bei einer Bank keinen Job bekommen".

Im heurigen Jahr stehen mehr als 2000 Frauen und Männer in den elf Bildungszentren der Sicherheitsakademie in Ausbildung; für 2018 werden noch mehr Polizeischüler gesucht.

Um das entsprechende Personal zu bekommen, muss das Innenministerium wegen der hohen Ausfallsrate mittlerweile alle Register ziehen. In einer breit angelegten Rekrutierungsoffensive wird mit Inseraten, Plakaten und Werbevideos in sozialen Medien für den Job in Uniform die Werbetrommel gerührt. "Seit 2009 ist die Zahl der Polizisten kontinuierlich um über 2000 Bedienstete gestiegen. Derzeit werden nicht nur die Pensionsabgänge nachbesetzt, sondern auch zusätzliches Personal aufgenommen", sagt der Sprecher des Innenministeriums, Karl-Heinz Grundböck.

Allerdings hinkt man auf Grund einer Vorschrift des Bundeskanzleramts – der sogenannten Planstellenbindung – der Personalentwicklung immer einen Schritt hinterher. "Wir dürfen nur dann jemand Neuen aufnehmen, wenn es eine freie Planstelle dafür gibt. Die Ausbildung dauert jedoch zwei Jahre", sagt Grundböck.

Um flexibler zu sein, will das Innenministerium von der Planstellenbindung abrücken. Mit der neuen Regierung sind deshalb bereits Verhandlungen geplant.

Bessere Bezahlung

Zimmermann hofft, dass zumindest die Anhebung des Gehalts – ab 1. Dezember verdienen Polizeischüler um 340 Euro monatlich mehr – einen größeren Anreiz für Jobsuchende schafft.

Wie die Pisa-Studien belegen, sei es um das Bildungsniveau so schlecht bestellt, dass viele beim Aufnahmeverfahren an mangelnden Deutschkenntnissen, dem Grammatiktest oder der Rechtschreibung scheitern.

Die körperlichen Voraussetzungen seien das weit geringere Problem. Die Anwärter müssen einen gewissen Body-Mass-Index aufweisen, einen Hindernisparcours unter Zeitdruck absolvieren, 3000 Meter Laufen und 100 Meter Schwimmen – alles auf Zeit. Der sportmotorische Test trägt entscheidend zum Gesamtpunkteergebnis bei.

"Leider verlieren wir viele Interessenten an das Bundesheer oder die Justiz, weil es dort sicherer erscheint. Durch den Terrorismus und steigende Gewaltbereitschaft ist der Polizeiberuf kein Honiglecken mehr", sagt der Gewerkschafter.

Die Alterspyramide bei der Polizei werde das Problem in den kommenden Jahren noch zusehends verschärfen. 14.465 von 29.122 (Stand 01. Juni 2017) Polizeibeamten in Österreich sind bereits älter als 45 Jahre. Alleine im kommenden Jahr werden an die 800 Beamte in Pension gehen.