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Chronik Österreich
12/07/2019

Polen will Überreste von KZ Gusen kaufen

Premierminister kritisiert, dass Österreich das ehemalige Außenlager von Mauthausen vernachlässigt.

von Marlene Penz

Harte Worte über den Umgang Österreichs mit dem KZ Gusen im Bezirk Perg (OÖ) findet der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki: „Wir können nicht erlauben, dass dieser Ort eines früheren Vernichtungslagers in einen Ort verwandelt wird, der des Gedenkens nicht würdig ist.“ Und bietet beim Besuch mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Auschwitz an, die Überreste des österreichischen Lagers zu kaufen. Damit soll der geschichtsträchtige Ort erhalten bleiben. In dem Außenlager des KZ Mauthausen starben sehr viele von Morawieckis Landsleuten. Auf einer Gedenktafel in der Ortschaft Gusen ist vermerkt, dass 27.821 Polen umkamen.

Tatsächlich gehört das Areal des einstigen Lagers nicht, wie bei Mauthausen, der Republik Österreich, sondern Privatpersonen. Es befinden sich dort Wohnbauten und Firmen. Allerdings gibt es Überreste, die unter Denkmalschutz stehen – etwa zwei SS-Baracken oder Reste der SS-Festhalle, der Steinbrecher, in dem die Häftlinge arbeiteten, sowie der Appellplatz, der 2018 bei Bauarbeiten freigelegt wurden.

Angebot an die Republik

Der Großteil steht im Besitz zweier Unternehmerfamilien, beide wollen ihn veräußern und haben ihn der Republik Österreich bereits angeboten. Die türkis-blaue Regierung hat auch Interesse daran gezeigt: „Es liegt eine Machbarkeitsstudie vom Innenministerium über die Nachnutzung vor“, erklärt Erich Wahl, Bürgermeister von St. Georgen a. d. Gusen.

Im Gemeindegebiet befindet sich der „Bergkristall“, das unterirdische Waffen- und Flugzeugwerk der Nazis. Er selbst sei Ende Oktober bei Innenminister Wolfgang Peschorn gewesen, um nochmals deutlich zu machen, wie wichtig es wäre, diese Stätten zugänglich zu machen und zu erhalten. „Es wäre problematisch, wenn sich hier ein Drittstaat einkaufen würde“, sagt der Bürgermeister.

Auch das Gedenkdienstkomitee Gusen engagiert sich dafür, dass die Republik die Geschichte des KZ beleuchtet und die Reste nicht verfallen lässt: „Seit dem Zerfall der Regierung ist nichts mehr weitergegangen, wir kennen das Ergebnis der Studie nicht. Wir haben eine Petition an die Verhandler von Grünen und ÖVP gerichtet, dass sie das Thema in die Verhandlungen miteinbeziehen“, sagt Martha Gammer vom Komitee.

Wie Warschau die Überreste kaufen will, ist unklar: „Laut der polnischen Verfassung ist es nicht möglich, Grund in Österreich zu erwerben“, erklärt Gammer.

Betrachtet man den desolaten Zustand einiger Objekte, sollte aber rasch gehandelt werden: „Wenn nicht jetzt etwas getan wird, dann ist es bald zu spät“, sagt Christian Aufreiter, der Bürgermeister von Langenstein, zu dem Gusen gehört.

Geschichte: Das vergessene Konzentrationslager

Unter dem Namen KZ Gusen sind drei Lager in Oberösterreich in der NS-Zeit zusammengefasst. Sie wurden als Außenlager des KZ Mauthausen geführt. Das Lager Gusen I wurde 1938/40 in Gusen (Gemeinde Langenstein) gegründet. 1944 folgten Gusen II in St. Georgen a. d. Gusen und Gusen III in Lungitz. Im KZ Gusen waren von 1944 bis April 1945 bis zu doppelt so viele Häftlinge untergebracht wie in Mauthausen – und es gab auch bedeutend mehr Opfer.

Während der sowjetischen Besatzung wurde  der Lagerkomplex weitergenutzt und  nicht zu einer Denkmalstätte erklärt, sondern als Betriebsstätte fortgeführt. Nach dem Abzug der Besatzungsmacht gingen die Grundstücke wieder an die ursprünglichen Eigentümer zurück oder wurden von der Republik Österreich veräußert. 

Überlebende westlicher Nationalitäten haben sich Ende der 1950er-Jahre dort ein Grundstück gekauft und selbst eine KZ-Gedenkstätte gebaut bzw. finanziert. 1997 wurde diese der Republik Österreich übergeben. 2004 wurde die Stätte um ein Besucherzentrum erweitert.