Pisten gefährden den Sommertouris­mus

Mountainbiker genießen Sommerwetter
Foto: APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas Lifte bringen auch im Sommer immer mehr Gäste auf den Berg. 

Gutachten zerpflückt Plan für Skischaukel. Einige Wintersportorte sehen Sommer bereits als Chance


Der Skibetrieb mag im Sommer stillstehen. Die Ausbauvorhaben von Bergbahnbetreibern gehen jedoch ungeachtet der Jahreszeiten ihre Wege durch die Instanzen. Am Bundesverwaltungsgericht (BVwG) läuft gerade das Beschwerdeverfahren gegen ein vom Land Tirol bereits genehmigtes Skifusionsprojekt. Dieses betreiben der Pistenriese St. Anton am Arlberg, der Teil des seit vergangenen Winters größten Skigebiets Österreichs ist, und der Zwerg Kappl im Paznauntal.

Um die beiden Orte miteinander zu verbinden, sollen eine Liftschaukel und mehrere Pisten und Skirouten in ein bisher noch unerschlossen Gebiet gebaut werden. Das würde auch das malerische Malfontal betreffen.Die Eingriffe sehen nicht nur Naturschützer kritisch. Eine vom BVwG eingesetzte Gutachterin zerpflückt nun das Projekt regelrecht.

Negativ-Effekte für Kappl denkbar

Sie kommt zum Schluss, dass insbesondere in Hinblick auf Kappl die Erwartungshaltungen in mögliche Nächtigungssteigerungen weit überzogen sind. Und im Gegensatz zu St. Anton sei für die kleine Gemeinde im Paznauntal sogar mit wirtschaftlichen Nachteilen zu rechnen. „Für Kappl sind in der gegenwärtigen Form auch Verluste von Gästesegmenten und negative Effekte auf längerfristige Entwicklungen möglich“, heißt es etwa.

Besonders kritisch werden die Auswirkungen der Einschnitte in bis dato völlig unerschlossene Naturräume gesehen. Das Potenzial für neue Produkte im Sommer werde „dauerhaft und unwiederbringlich zerstört“. Die Sachverständige ortet die Gefahr, dass das sommertouristische Kapital von Kappl „für die Interessen von St. Anton gefährdet wird“.

Das Angebot des großen Skiorts würde sich zwar „auch nicht wesentlich verbessern“. Die Verbindung mit dem Nachbarn im Paznauntal würde aber zumindest die Zahl der verfügbaren Betten und der Ersteintritte ins Arlberg-Skigebiet erhöhen. Für das Klientel von Kappl, das auf Familien spezialisiert ist, würden die schwierigen Pisten des neuen Gebiets keinen Reiz bieten. Und einem möglichen Gewinn von sportlichen Skifahrern stehe der potenzielle Verlust von Freeridern gegenüber, die durch die Erschließung „ihr Kernprodukt verlieren“.

Zu optimistisch

Hart geht die Sachverständige mit den Prognosen der Projektwerber ins Gericht, die sich ebenfalls auf ein Gutachten stützen. Die darin angenommenen Steigerungen der Nächtigungszahlen für Kappl würden „nicht nachvollziehbar begründet und liegen doppelt so hoch, wie in vergleichbaren Bewertungen“.

Während das Projekt laut dieser Einschätzung also keine nennenswerten Vorteile für den Wintertourismus bringe, wird mehrfach betont, wie sehr der Sommertourisums leiden könnte. Der entwickelt sich in Österreich seit Jahren positiv. Auch in klassischen Wintersportorten ist der Sommer kein ungeliebtes Stiefkind der Touristiker mehr.

Zweites Standbein

„Der Sommer ist ein zweites Standbein geworden“, sagt Petra Nocker-Schwarzenbacher, Tourismus-Spartenobfrau der Wirtschaftskammer. Dies sei auch dem „extremen Trend zurück zur Natur“ geschuldet. „Es ist undenkbar geworden, den Lift im Sommer nicht aufzusperren. Das wird irrsinnig angenommen“, meint die Branchensprecherin. Nicht nur von Wanderern – auch viele Mountainbiker schätzen die Möglichkeit, das Rad ohne Anstrengung auf den Berg zu transportieren.

In Saalbach-Hinterglemm habe man sich vor rund 20 Jahren auf diese Zielgruppe fokussiert, erklärt Tourismusobmann Wolfgang Breitfuß. Von den rund 750.000 Nächtigungen im Sommer entfallen etwa 20 Prozent auf Mountainbiker. Seit Jahren steige die Auslastung im Glemmtal – dadurch können die Betriebe auch höhere Preise erzielen.

Mittlerweile lasse sich in der Sommer-Hauptsaison ordentlich verdienen, sagt Breitfuß. Für die Hotellerie sei das wichtig, denn: „Man ist ohnehin fast gezwungen, dass man auch im Sommer offen hält – auch wegen der Mitarbeitersituation.“ Denn die Suche nach Personal sei einfacher, wenn man es das ganze Jahr über beschäftigen könne.

(Kurier) Erstellt am
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