Chronik | Österreich
25.10.2014

"Nicht alles wortwörtlich nehmen"

Tag der offenen Moscheen. Ein islamischer Religionsprofessor über Extremismus und neue Wege.

In Zeiten erschreckender Medienberichte über die Terrororganisation "Islamischer Staat" droht die Kluft zwischen den Religionen und Kulturen größer zu werden. Dem wollen die österreichischen Moscheen mit einem Tag der offenen Tür entgegenwirken. Am Samstag kamen rund 3000 Besucher, um sich über den Islam zu informieren. "Viele Menschen wollen am Stammtisch nicht mitreden, ohne sich über das Thema informiert zu haben", erklärt Carla Amina Baghajati, Mediensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Zekirija Sejdini lehrt islamische Religionspädagogik an der Innsbrucker Universität. Seine Studenten, die später als islamische Religionslehrer an Pflichtschulen unterrichten werden, sollen in ihrem Praktikum auch an katholischem Religionsunterricht teilnehmen.

Im KURIER-Interview spricht Sejdini über die Gefahr des Irrglaubens, die einzige Wahrheit besitzen zu können, und die Notwendigkeit von klaren Regeln für Moscheen und Imame.

KURIER: Wie schwierig ist es, ein Institut für Islamische Religionspädagogik aufzubauen, wenn der Islam wie zurzeit ständig mit Extremismus in Verbindung gesetzt wird? Zekirija Sejdini: Das ist natürlich nicht einfach. Wenn Emotionen hochkochen, ist es schwierig, auf wissenschaftliche Arbeit hinzuweisen. Aber es ist eine Chance, um zu sagen, dass es andere Wege gibt und wir den Ernst der Lage wahrnehmen und dementsprechend reagieren.

Welche Auslegung des Islams soll unterrichtet werden, um vielleicht auch schon extremistischen Tendenzen entgegenzuwirken?

Unser wichtigstes Anliegen ist es, eine Haltung der Pluralitätsfähigkeit entstehen zu lassen und entsprechende Kompetenzen zu fördern. Es gibt viele Texte und Lesevarianten im Koran oder anderen Quellen. Dabei ist entscheidend, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man sich diesen Varianten annähert. Wenn man eine Haltung hat, dass alles eindeutig sei und man alles wortwörtlich nehmen müsse, schadet dies nicht nur den Muslimen, sondern jeder Religion.

Das neue Islamgesetz sieht ein Verbot der Finanzierung von islamischen Religionsgemeinschaften aus dem Ausland vor. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass die Diskussion leider sehr falsch gelaufen ist. Es ist die Frage zu stellen, welches Bild des Islam man hier in Zukunft haben will. Auf Dauer ist eine Struktur, wie sie jetzt vorhanden ist, wo jeder Verein nur für sich verantwortlich ist, aber über den Islam sagen kann, was er will, nicht haltbar. Ob das Islamgesetz eine gute Lösung dafür ist, werden wir in den kommenden Jahren sehen.