Chronik | Österreich
03.11.2018

Neue Lifte in unberührter Natur

In Tirol ist wieder die Debatte darüber entflammt, wie sehr sich Skigebiete noch ausdehnen sollen.

Markus Zijerveld und Gerhard Angerer sind an diesem Freitagvormittag sicht- und hörbar aufgebracht. Der Ärger der Bürgermeister von Weer und Weerberg im Inntal richtet sich gegen die Tiroler Grünen und deren Klubobmann Gebi Mair. „Ich lasse mir das Dorf nicht aufhetzen“, empört sich Angerer. Und Zijerveld setzt nach: „Mair macht Stimmung gegen etwas, dass er selber mitbeschlossen hat.“

Stein des Anstoßes ist ein Postwurf der Grünen, den die Bewohner der Dörfer diese Woche erhalten haben. Darin wird vor einem Mega-Liftprojekt gewarnt, das die Gemeinden im Inntal mit Skigebieten im hochtouristischen benachbarten Zillertal verbinden soll. Auf einer skizzierten Trasse wird auch der Sktiourenberg Gilfert berührt. Im Tal ist ein riesiger Parkplatz eingezeichnet. Tagesgäste des verkehrsgeplagten Zillertals sollen so nach Weer umgeleitet werden, wird in dem Schreiben prophezeit.

Ermöglicht würde das durch das neue „Seilbahnprogramm“. Das steckt, wie berichtet, die Grenzen für die Erweiterungen und Zusammenschlüsse von Skigebieten ab. Und die wurden deutlich aufgeweicht. Am Freitag ist die Begutachtungsfrist abgelaufen.

Den Entwurf haben ÖVP und Grüne verhandelt. Die Weichen dafür wurden bereits im Koalitionsabkommen gestellt. Was sie selbst in der Regierung nicht durchsetzen konnten, wollen die Grünen jetzt über Mobilisierung der Bevölkerung erreichen.

„Da wird der Anschein erweckt, dass es da ein ganz großes Projekt gibt“, sagt Bürgermeister Zijerveld, der den Grünen vorwirft „mit Falschinformationen“ zu arbeiten. „Fakt ist, es gibt kein konkretes Projekt. Das ist auf Lügen aufgebaut und wir müssen das ausbaden“, sagt Angerer, laut dem es derzeit in den Gemeinden bei Gesprächen praktisch kein anderes Thema mehr gibt.

Kein Ja, kein Nein

Beide versichern, dass über den Gilfert niemals ein Lift führen werde: „Das wird es jetzt nicht geben und auch in Zukunft nicht.“ Ein kategorisches Nein zu einer Liftverbindung ins Zillertal gibt es von den beiden hingegen nicht. Damit würde man sich auseinandersetzen, wenn tatsächlich ein konkretes Projekt vorgelegt werde. Zijerveld hält aber fest, dass „wir weniger Verkehr im Ort wollen und nicht mehr“.

Die Neuauflage des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms (TSSP) bewertet Projekte mit derartigen Verlagerungseffekten eindeutig positiv. Die Kriterien erscheinen wie für dieses oder ähnliche Vorhaben geschrieben.

Im schwarz-grünen Koalitionsabkommen wird zudem explizit eine Verbindung der Zillertaler Skigebiete Hochfügen-Tux „mit Anbindung Pill/ Weer“ angeführt. Und als eines jener „bekannten Projekte“ bezeichnet, die „bei Vorliegen rechtskräftiger Genehmigungen umzusetzen“ sein werden.

„Im Regierungsprogramm heißt es, dass allfällige Projekte zu ,bewerten‘ sind“, sagt Gebi Mair dazu. „Dabei kommt es natürlich ganz wesentlich auf Bürger vor Ort an“, erklärt der grüne Klubobmann die Postwurf-Aktion und meint: „Beteiligung braucht immer Information, und dazu soll die Diskussion auch dienen.“ Zum Vorwurf der Lügenpropaganda, die sich vor allem an der Trassen-Skizze entzündet, hält er den Bürgermeistern entgegen: „Das ist ein Symbolbild. Aber irgendwo wird die Trasse ins Zillertal ja verlaufen müssen.“

Koalitionsgeknister

Diese tälerübergreifende Verbindung ist allerdings nur eine von mehreren, die theoretisch durch eine Neufassung der TSSP ermöglicht werden könnten. Die Grünen würden nach Ende des Begutachtungsverfahrens gerne noch einmal mit der ÖVP verhandeln. Die zeigt dem Koalitionspartner freilich die kalte Schulter.

Besonders plakativ hat das Franz Hörl – Zillertaler, Seilbahn-Sprecher und ÖVP-Wirtschaftsbund-Chef – gemacht. Auf Facebook veröffentlichte er ein Foto des grünen Postwurfs in der Mülltonne. Und warf den Grünen Lügen und Angstmache vor. Die Debatte ist damit allerdings noch nicht beendet.

950 Tiroler Seilbahnen und noch kein Ende in Sicht 

Neue Regeln. Die ÖVP beschwichtigt. „Es wird in Tirol keine neuen Skigebiete geben“, sagt etwa Landeshauptmann Günther Platter in der nun wieder neu entflammten Debatte um Ausbaugrenzen. Doch Naturschutzorganisationen sehen in der neuen Version des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms (TSSP) eine  Hintertüre aufgestoßen, um großflächig bisher unberührte Naturräume zu erschließen.

„Das von der Politik versprochene Verbot von Neuerschließungen ist in Wahrheit ein Etikettenschwindel“, kritisierte am Freitag der WWF. Der Alpenverein stößt ins selbe Horn und fordert eine „Nachdenkpause“ und klare „Ausbaugrenzen“.

 

Mit den nun vorgelegten Regeln könnte die Skigebietsfläche Tirols theoretisch verdoppelt werden, warnen sie. Das, was bisher als Neuerschließung verboten war, könne unter dem Titel Erweiterung ermöglicht werden, so die Sorge. „Künftig soll ein Zusammenschluss von Skigebieten bis zu zwei Gebirgskämme, ein Tal und einen Bergrücken neu beanspruchen können“, zitiert der WWF aus dem vorliegenden Entwurf des Programms. Tatsächlich ist die Dichte an Skigebieten in Tirol enorm. 93 sind es laut offiziellen Zahlen des Landes. Rund 950 Liftanlagen stehen im Betrieb.  

Geplante VerbindungenDerzeit gibt es Bestrebungen, den Pitztaler und den Ötztaler Gletscher zu verbinden. Drei neue Seilbahnen und 64 Hektar Pisten sollen alleine dabei entstehen. Über den Zusammenschluss von Kappl im Paznauntal mit dem Mega-Skigebiet am Arlberg wird in Bälde das Bundesverwaltungsgericht entscheiden. Tirols Landesumweltanwalt und der Alpenverein hatten gegen dieses Vorhaben Beschwerde eingelegt.