Chronik | Österreich
03.07.2018

Nach Routineeingriff liegt Mädchen im Wachkoma

Aufgewecktes Kind wurde Pflegefall. Klage auf Schmerzengeld und Anzeige bei der Justiz.

Der Eingriff dauerte bloß 20 Minuten. Leonie, zehn Jahre, kleinwüchsig geboren, wurden sogenannte Fixateure von den Beinen entfernt. Damit wurden sie gestützt, nachdem ihre Unterschenkel operativ im Spital verlängert wurden.

Das war vor einem Jahr. Doch Leonie kann nicht mehr gehen, kann nicht mehr kauen, kaum noch schlucken und nicht einmal mehr aufrecht im Rollstuhl sitzen - die Grazerin ist seit dem 12. Juni 2017 im Wachkoma.

Sie muss auch Schmerzen haben, befürchten ihre Eltern. Denn Leonie hat Muskelkrämpfe, die ihr offenbar weh tun. Genau wissen können es die Steirer nicht, denn Leonie, bis zur Operation ein aufgewecktes Mädchen, kann sich nicht mehr artikulieren. Sie kann nur noch schreien.

Zu kurz überwacht

Die Grazer Rechtsanwältin Karin Prutsch vertritt Leonies Eltern. In ihrem Namen klagt sie 250.000 Euro Schmerzengeld sowie weitere Pflegekosten für deren Tochter ein: Nach der Operation in einem Wiener Spital sei Leonie nicht korrekt überwacht worden. Außerdem wandte sich Prutsch am Dienstag an die Staatsanwaltschaft Wien und brachte eine Sachverhaltsdarstellung ein. Es geht um den Verdacht der Körperverletzung, die sich „gegen verantwortliche Entscheidungsträger des Krankenhauses richtet“.

Leonie, die wegen des kurzen, aber schmerzhaften Eingriffes eine Vollnarkose brauchte, sei nämlich nur 25 Minuten in der Aufwachstation gelegen. Danach sei sie auf eine normale Station verlegt worden, allerdings ohne ihren Puls mittels sogenannter Pulsoxymetrie zu kontrollieren.

Dort hörte sie plötzlich auf, zu atmen. Das fiel Leonies Mutter auf, die neben ihrer Tochter am Bett saß und selbst feststellen musste, dass ihr Kind keinen Herzschlag mehr hatte.

Die Kleine wurde von den Ärzten reanimiert und auf die Intensivstation verlegt. Doch laut einem von Prutsch eingeholten Privatgutachten eines Experten für Intensivmedizin und Anästhesiologie soll das Mädchen viel zu früh aus der überwachten Station gebracht worden sein: „Das entspricht nicht dem Stand der medizinischen Wissenschaft“, zitiert Prutsch. Wenigstens den Puls auf der Normalstation zu überwachen hätte „die Katastrophe“ verhindern können, wie es der Gutachter formuliert. Somit wäre Leonies Atemstillstand vermeidbar gewesen: Laut Sachverständigem war der Sauerstoffmangel „sehr ausgeprägt und langdauernd“ er berechnete bis zu 75 Minuten.

Seitens des Spitals hieß es, dass Leonie eine Stunde lang im Aufwachraum war. Sie habe geatmet und sei im Bett gesessen. Deshalb habe „für weiteres Monitoring auf der Normalstation keine medizinische Notwendigkeit bestanden“.