Chronik | Österreich
03.07.2017

"Abartiger politischer Hass"

Der gewaltsame Tod eines Linzer Ehepaares macht auch Politiker betroffen.

Reaktionen von Spitzenpolitikern auf Gewaltverbrechen sind selten. Doch der Fall in Linz ist eine Ausnahme: Jener Mann, der ein Ehepaar getötet haben soll, gestand zwar, schob die Schuld aber Gesellschaft und Politik sowie der FPÖ im Speziellen zu. Als Ausländer und Moslem sei es ihm nämlich in Österreich schlecht ergangen.

Bundeskanzler Christian Kern reagierte bestürzt. "Verbrechen wie diese zerstören das Vertrauen in den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und sind auf das Härteste zu verurteilen", betonte der SPÖ-Chef. "Wenn Menschen wegen einer echten oder fiktiven Nähe zu einer Partei ermordet werden, müssen alle gemeinsam gegen eine solche Entwicklung auftreten." Auch der Linzer FPÖ-Chef Detlef Wimmer ist betroffen. "Es ist unglaublich, aus abartigem politischen Hass derartige Verbrechen auch nur anzudenken." Dies wirke wie eine "billige Ausrede".

Schuld und Scheitern

Der Politiker meint damit den Schlüsselsatz in der Aussage: Der 54-jährige mutmaßliche Täter habe einen regelrechten "Hass" auf die FPÖ verspürt. Ein Gefühl, das seit 2011 stetig gewachsen sei: Damals wurde der Tunesier von einem Nachbarn angezeigt, weil zwei Katzen in einem Fensterspalt verendet sind es setzte später eine gerichtliche Geldstrafe wegen des Verdachts der Tierquälerei. Der Tunesier vermutete, der Nachbar sei FPÖ-Parteimitglied und machte seither die Blauen laut Polizei für sein Scheitern verantwortlich: Jobverlust, angeblich erfolglose Vermittlung durch das AMS, geringere finanzielle Unterstützung des Staates. An dem Ehepaar wollte er ein "Exempel statuieren", gestand der Verdächtige.

Hildegard, 85, und Siegfried Sch., 87, hatten jedoch ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm. Er belieferte sie wöchentlich mit Gemüse. Das Paar half mit Geld und mit einem Rat, als sich der Tunesier über Misserfolge beklagte: Er solle doch mit seinem Sohn sprechen.

Dadurch dürfte der 54-Jährige das Ehepaar im Dunstkreis der FPÖ vermutet haben. Der Sohn leitet seit Langem eine Abteilung, die ressortmäßig bei FPÖ-Vizelandeshauptmann Manfred Haimbuchner angesiedelt ist. Doch er hat mit der Partei nichts zu tun.

Abstruse Motive

Psychiaterin Sigrun Roßmanith kann den aktuellen Fall aus der Ferne naturgemäß schwer analysieren. "Tatsache ist, er ist wütend. Jeder, der eine grausame Tat begeht, hat eine Rechtfertigung. Ob die stimmt oder nicht, ist dahingestellt." Die Frage des "politischen Motivs" sei genau zu prüfen. "Handelt es sich um eine Verlagerung anderer Faktoren auf dieses Ehepaar? Es kommt ja häufig vor, dass jemand eine Tat mit abstrusen Motiven rechtfertigt."