Chronik | Österreich
23.03.2017

Mohamed Mahmoud: Lebenszeichen des totgeglaubten Austro-Terroristen

Der Wiener taucht erstmals seit 2015 wieder auf - mögliche Verwicklung in Anschlag.

"Austro-Dschihadist Mohamed Mahmoud ist tot." So titelten im November 2015 Boulevardmedien. Auch verschiedene Experten – von renommiert bis äußerst dubios – berichten das bis heute. Selbst Geheimdienste wollten zuletzt weder bestätigen, dass Mahmoud lebt, noch dass er gestorben ist. Doch nun gibt es offenbar das erste bestätigte Lebenszeichen seit dem angeblichen Raketenangriff auf ihn. Der 31-jährige Salafist hat die Todesnachricht offenbar genutzt und arbeitet seither im Verbogenen. Auch gibt es mögliche Verbindungen zu einem geplanten Terroranschlag in Deutschland und zu jenen Terrordrohungen, die gegen prominente muslimische Vertreter in Österreich ausgesprochen wurden.

Seit gestern, Mittwoch, steht in Düsseldorf jedenfalls der 18-jährige Mikail S. vor Gericht. Er soll bis vergangenen Sommer als Übersetzer für Mohamed Mahmoudgearbeitet haben, bestätigt Frauke Köhler, Staatsanwältin beim Bundesgerichtshof. Wie genau die beiden in Verbindung standen, darüber wollte sie dem KURIER keine Auskunft geben. Dem jungen Deutschen wird aber vorgeworfen, Propagandatexte des Salafisten Mahmoud auf englisch und türkisch übersetzt zu haben sowie die deutschen Texte zu redigieren. Diese erschienen dann im Propagandamagazin Dabiq.

Propagandastelle

Das Magazin wird von der Medienstelle al-hayat der Terror-Miliz "Islamischer Staat" im syrischen Rakka herausgegeben. Mahmoud gilt als Architekt dieses IS-Propagandaarms. Die letzte Ausgabe von Dabiq erschien im Juli 2016 – zwei Wochen nachdem Mikail S. verhaftet wurde.

Nachfolgemedium von Dabiq war ab Frühherbst des Vorjahrs das Magazin Rumiyah – vom Layout ähnlich aufgemacht. Dieses sorgte kürzlich für Aufsehen, als in einem Bericht prominente österreichische Muslime mit dem Tod bedroht wurden. Die Texte sind bei beiden Zeitungen, die über das Internet verbreitet werden, nicht namentlich gezeichnet. Ob Mahmoud also hinter den aktuellen Drohungen steckt, ist unklar, aber durchaus denkbar. Die deutsche Bundesanwaltschaft bezeichnet den Wiener jedenfalls als "höherrangiges Mitglied" von al-hayat.

Spur nach Essen

Der Terrorist hat offenbar via Internet bzw. Messengerdienste mehr oder weniger regen Kontakt zu Salafisten in Europa. Zuletzt tauchte sein Name in einem Bericht des deutschen Tagesspiegel rund um einen geplanten Anschlag auf ein Essener Einkaufszentrum vor eineinhalb Wochen auf. Die zuständige Staatsanwaltschaft bestritt damals aber gegenüber dem KURIER vehement, dass es da einen direkten Kontakt zu Mahmoud gab.

Die Staatsanwaltschaft Wien wirft dem Salafisten aktuell achtfachen (statt zunächst neunfachen) Mord und Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung vor.

Der Weg seiner Radikalisierung

Mohamed Mahmoud wird im Juni 1985 in Wien als erster Sohn des Imams Sami Mahmoud geboren. Dieser lehrt in der rund 240 Quadratmeter großen Sahaba-Moschee in der Lindengasse – in einem Haus, das einem oscarnominierten Österreicher gehört. Über die Rolle, die der Vater damals spielt, gibt es unterschiedliche Aussagen. Die einen halten ihn für radikal, sogar eine Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft wird ihm unterstellt. Er selbst zeigte dem KURIER Pamphlets, in denen er Osama bin Laden ebenso verurteilt wie die Muslimbrüder. Er bestreitet entschieden, jemals ein Radikaler oder Muslimbruder gewesen zu sein.

Fest steht, dass es rund um die Sahaba-Moschee zur ersten Entfremdung von Mahmoud und seiner Familie kommt. Mahmoud war zuvor in einer saudi-arabischen Privatschule in Floridsdorf und besucht danach eine Hauptschule – dort lernt er mit 12 Jahren erstmals Deutsch. Er fühlt sich als Fremder, weswegen er später den Kampfnamen Usama (nach bin Laden) al-Gharib ("der Fremde") annehmen wird. In der Sahaba-Moschee unterrichtete auch Ebu Muhammad, der im Februar im Zuge einer riesigen Anti-Terror-Aktion in Wien verhaftet wird.
2003 ist Mahmoud jedenfalls volljährig und sein geistiger Führer, Abu Omar, wird in Mailand auf offener Straße von der CIA entführt. Danach fährt Mahmoud erstmals nach Syrien und in den Irak. Er behauptet, dort in einem El-Kaida-Camp gewesen zu sein. Wieder in Wien zurück, kommt es in der Sahaba-Moschee zu Auseinandersetzungen mit anderen Aktivisten. Diese halten bin Laden für zu wenig radikal. Mahmoud gründet erst die "islamische Jugend Österreichs" und danach die Globale Islamische Medienfront (GIMF), um bin Laden zu huldigen. Beide Organisationen bestehen aus ihm und seiner damaligen Frau Mona S. Hier nimmt Mahmoud seinen Kampfnamen al-Gharib an.

Erste Drohvidoes

Ab 2006 versucht er Journalisten zu kontaktieren, im ORF outet er sich als Urheber eines Drohvideos und gerät so ins Visier der Polizei. Es wird ein "Trojaner" eingesetzt, um seinen PC auszuspionieren. Als er Infos zu einem Terroranschlag während der EURO 2008 sammelt, wird er verhaftet. Nachdem er zu vier Jahren Haft verurteilt wird, versuchen die Entführer zweier Österreicher in der Sahara, ihn freizupressen.

Bereits in Haft knüpft Mahmoud Kontakte zum deutschen Rapper "Deso Dogg" (alias Daniel Cuspert). Sie gründen die Salafistensekte Millatu Ibrahim, die in Deutschland verboten wird. Doch seither gilt Mahmoud als Popstar der Szene.

Auf der Flucht nach Syrien verbrennt Mahmoud 2013 seinen österreichischen Pass und wandert in der Türkei in Haft. 2014 wird er entlassen und flieht nach Syrien. Dort erschießt er 2015 bis zu acht Menschen (vermutlich Soldaten der Armee) und heiratet Aham Al-Nasr – sie gilt als die prominenteste IS-Hetzerin und -autorin. Gemeinsam gründen sie offenbar al-hayat, die IS-Medienstelle.