Chronik | Wien
09.08.2015

"Eines Tages war Mohamed einfach weg"

Der Vater des Austro-Dschihadisten berichtet im KURIER-Interview, wie sich sein Sohn als Jugendlicher radikalisierte.

Zwei mit Leintüchern überzogene Sofas. Ein einfacher Tisch. Alles sehr schlicht gehalten. Daneben ein Bücherregal mit goldenen arabischen Schriftzeichen und ein Bild von der Hadsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka. Im Wohnzimmer dieser schlichten Gemeindebauwohnung in Wien-Rudolfsheim saß einst der nunmehrige IS-Terrorist Mohamed Mahmoud und diskutierte mit seinem Vater Sami über Osama bin Laden.

Jetzt, nach dem Freitagsgebet, sitzt nur mehr Sami hier. Er ist "richtig böse". Auf die Zeitung Österreich, die "einfach irgendein Interview mit mir erfunden hat". Und noch mehr auf seinen Sohn: "Ich habe mit ihm gebrochen. Dieses Video ist einfach nur schrecklich, ein abscheulicher Mord." "So etwas macht man doch nur, wenn man feig ist", ist Mohameds Bruder Abdelrahman angewidert.

Mohamed-Mail aus Syrien

Vor gut einem Monat erhielt Sami Mahmoud, der ehemalige Imam einer Moschee in der Lindengasse, das letzte Lebenszeichen von seinem Sohn. In einem eMail aus Syrien entschuldigte sich der 30-Jährige bei seinem Vater. "Bitte sei mir nicht böse und verzeihe mir", schrieb ihm Mohamed nur ganz kurz. Geschrieben wurde das Mail offenbar nur wenige Tage vor dem aufbesagtem Video festgehaltenen Mordan den zwei Geiseln. Samir wusste noch nicht, dass ein Video auftauchen wird. Trotzdem hatte er nach all den Jahren nicht mehr die Kraft, dem Sohn zu antworten.

"Das ist doch alles Blödsinn"

"Es ist unnötig, mit ihm zu reden", sagt er. "Jetzt attackiert Mohamed Österreich, und im Jahr 2003, als er im Iran in Haft gesessen ist, hat ihn dieses Land herausgeholt." Dazu diese Lügen, dass Muslime in Österreich wegen ihrer Religion inhaftiert sein würden. "Das ist doch alles Blödsinn."

Was mit seinem Sohn schief gelaufen ist und wie dieser zum (mutmaßlichen) Mörder wurde, versteht der Ex-Imam nicht. Er kann keine Erklärung dafür geben. Nach dem 11. September habe er mit Mohamed oft über Osama bin Laden gesprochen. "Bin Laden hat ihn fasziniert, vor allem dass er reich war, aber wie ein armer Mensch lebte. Mohamed verehrte ihn" Doch jedes Mal, wenn er ihn auf die vielen unschuldigen Toten ansprach, wechselte Mohamed das Thema.

Die Familie meint, dass sich der Austro-Dschihadist "in mehreren Stufen radikalisiert hat". Gegen die immer bizarrer werden Ansichten anzugehen, sei nicht möglich gewesen. Falsche Freunde und das Internet verschärften es, ist sich die Familie sicher.

"Flucht" nach Bergamo

2002 ging Mohamed in Wien-Brigittenau ins Gymnasium. "Eines Tages war er einfach weg", berichtet sein Vater. Er ging in die Schule und kam nicht mehr zurück. Die Polizei und der Verfassungsschutz wurden eingeschaltet und suchten vergeblich. Offenbar hatte sich Mohamed nach Bergamo, Italien, zu ägyptischen Freunden abgesetzt. "Als ich ihn dort suchen wollte, hat er es mitbekommen und ist abgehauen."

Zwei Monate später erhielt der Vater ein eMail, dass Mohamed im Iran im Gefängnis sitze. Über die Botschaft konnte seine Freilassung erwirkt werden. Was der damals 17-Jährige in der Zwischenzeit gemacht hat, ist unklar. Seiner Familie erzählte er, er habe in einem iranischen Hafen gearbeitet, um Geld für eine Hochzeit zu verdienen. Der Verfassungsschutz glaubt, er war im Irak – in einem Ausbildungscamp von El Kaida.

Ein kurzes Telefonat

"Im März 2003 kam Mohamed zurück, drei Monate später war er volljährig", sagt sein Vater. Und er gründete seine erste radikale Jugendgruppe. 2006 und 2007 fertigte er Drohvideos für El Kaida an und plante einen Anschlag auf die Fußball-Europameisterschaft 2008. Spätestens beim Prozess drei Jahre später war der Zusammenhalt der Familie zerbrochen, als die Eltern hörten, was Mohamed trieb. Das letzte Mal hörten sie seine Stimme als der Vater vor eineinhalb Jahren eine Hüftoperation hatte. Da saß Mohamed in einem Lager in der Türkei und wartete auf seinen Gefangenenaustausch, um zum IS zu gelangen. "Das waren aber nur drei oder vier Worte", sagt der Vater. Mohamed wollte nur wissen, ob es ihm gut gehe.

"Manche Leute kann man überzeugen, manche nicht", sagt Sami Mahmoud. "Mohamed gehört zur zweiten Gruppe. Uns interessiert nicht mehr, was er macht."