Trotz Schlaganfallzeichen nicht aufgenommen worden: Eine 75-jährige Frau in Graz

© Mag. Adolf Horst Plankenauer

Ambulanzen
10/24/2013

Missstände in den Spitälern: "Zu hoher Arbeitsdruck"

Nicht verlegt, nicht aufgenommen, keine Operation: Immer mehr Beschwerden über Spitäler.

von Anna-Maria Bauer, Elisabeth Holzer

Eine Patientin wird nicht vom einem Grazer Spital in das andere überstellt. Aus Bettenmangel. Die 75-Jährige stirbt an einer Gehirnblutung.

Eine Seniorin kommt mit mit Schlaganfallsymptomen in das LKH Graz. Zwei Mal. Sie wird erst beim zweiten Anlauf in die Schlaganfallstation eingeliefert.

Ein 63-jähriger Salzburger soll trotz Gehirninfarkts aus der Christian-Doppler-Klinik heimgeschickt worden sein: Allein die Fälle, die jüngst bekannt wurden, erwecken Besorgnis über den Umgang von Patienten in Spitälern. Auch die Ermittlungen der Grazer Staatsanwaltschaft tragen nicht zur Beruhigung bei: Dialysepatient Andreas T., 48, starb 2012 an den Folgen eines Darmdurchbruchs, obwohl er schon zwei Wochen im LKH Graz lag. Sein bereits fixierter Not-Operationstermin wurde verschoben.

Witwe Petra T. ist fassungslos. „Der Chirurg hat gesagt, es wär’ ein Platz frei gewesen, aber es hat sich halt alles ein bisserl verschoben. Warum lassen die einen Menschen einfach sterben?“

13 Ärzte und die Krankenanstaltengesellschaft KAGES als Dienstgeber führt die Justiz in diesem Fall als Beschuldigte. Während technische Gutachten noch ausstehen, liegt ein Teil der vorläufigen chirurgischen Expertise vor: Wäre die Operation wie vereinbart durchgeführt worden, wäre ein Überleben des Patienten zu erwarten gewesen.

Die KAGES gibt keine Stellungnahme ab, es handle sich um ein laufendes Verfahren. Intern wird aber berichtet, dass es an diesem Tag zu einer immensen Häufung von gleichzeitigen akuten Fällen kam, wie sie nur alle fünf Jahre vorkomme.

Überfüllte Ambulanzen

Auch Patientenanwalt Gerald Bachinger bestätigt einen Anstieg an Beschwerden über Patientenabweisungen österreichweit um etwa fünf Prozent. „Der häufigste Grund für Abweisungen sind Diagnosefehler bei der Ersteinschätzung“, sagt Bachinger. Wie es dazu kommt: überfüllte Ambulanzen und übermüdetes Personal. Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz ergänzt: „Diagnosefehler entstehen oftmals durch einen zu hohen Arbeitsdruck.“

Karlheinz Kornhäusl, Obmann der angestellten Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer dazu: „Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass das ärztliche Personal in Spitälern überlastet ist und am Limit arbeitet. Schuld daran ist nicht zuletzt ein akuter Personalmangel.“

„Wir haben genug Ärzte“, widerspricht Pilz. Die Patientenanwälte orten das Problem an anderer Stelle. „60 Prozent der Ambulanz-Patienten benötigen die Spitalsinfrastruktur für ihre Behandlung gar nicht“, erläutert Bachinger.

Das derzeitige System in Österreich zwinge die Patienten jedoch in die Spitäler. Bachinger fordert daher den Ausbau von niedergelassenen Ärzten: „Weg von unkoordinierten Einzelkämpfern hin zu multiprofessionellen Behandlungsteams.“

Sigrid Pilz unterstützt diesen Ansatz: „Wir brauchen Versorgungszentren, in denen verschiedene Ärzte aber auch Pflegepersonal zusammenarbeiten. Die Stadt muss im niedergelassenen Bereich besser aufgestellt sein.“

Die ersten Pilotprojekte für solche Versorgungszentren sollen 2014 starten.

Alle Patientenanwälte im Überblick

Vergewaltigte musste im Spital sechs Stunden warten

Eine 35-jährige Wienerin wurde nachts nach einem Disko-Besuch von einem Lagerarbeiter überfallen, hinter ein geparktes Auto gezerrt und vergewaltigt, als sie sich gerade ein Taxi rufen wollte. Die traumatisierte Frau war geistesgegenwärtig genug, sofort ins Kaiser-Franz-Josef-Spital zu fahren, um sich untersuchen zu lassen. Doch ließ man sie dort geschlagene sechs Stunden warten. Erst dann wurde das Opfer behandelt.

Strafrichterin Susanne Lehr konnte das am Donnerstag beim Prozess gegen den Vergewaltiger nicht fassen. Sie sprach der Frau und einer vom selben Täter ebenfalls auf der Straße vergewaltigten 23-jährigen Wienerin je 3000 Euro Schmerzensgeld zu. Der 28-Jährige (Verteidigung Rudolf Mayer) wurde zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

„Das ist ein bisschen ein Dachschaden bei mir gewesen“: So verantwortete sich der Angeklagte. Erst am nächsten Tag sei ihm bewusst geworden, dass er „etwas Schlechtes“ gemacht habe.

Weggeschickt: Bein verloren

Nachdem man dem Familienvater das rechte Bein samt Hüfte amputiert hatte und er nach 22 Operationen und zehn Tagen Tiefschlaf wieder aufwachte, ließen ihn die Ärzte in der Uni-Klinik in Graz wissen: „Wenn Sie drei Stunden früher gekommen wären, hätte man das Bein retten können.“

Armin Breitler war viel früher gekommen, mit der Rettung, mit rasenden Schmerzen. Aber im LKH Bruck/Mur wurde der 48-Jährige weggeschickt, erst beim zweiten Anlauf aufgenommen. Als man den durch einen Kratzer übertragenen Keim (Gasbrand) endlich erkannte und Breitler nach Graz überstellte, war es zu spät.

Seit April 2011 ermittelt die Staatsanwaltschaft Leoben schleppend gegen Ärzte und den Spitalserhalter KAGES (Verbandshaftung). Ein für das Spital vernichtendes Gutachten liegt längst vor, die Anklage ist überfällig, doch Breitler und sein Rechtsbeistand Nikolaus Lehner werden nur hingehalten.

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