Ein Asylquartier in Wien Alsergrund

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Insolvenz
12/20/2018

Millionenpleite eines Vereins für Asylbetreuung: 289 Jobs wackeln

Nach dem Versiegen des Flüchtlingsstroms ging die Auslastung zurück, außerdem soll das Land NÖ Flüchtlinge abgesiedelt haben.

von Kid Möchel, Gilbert Weisbier

Über den Verein menschen.leben (ZVR-Zahl 623233753) ist laut den Gläubigerschutzverbänden AKV und Creditreform ein Konkursverfahren am Landesgericht Wiener Neustadt beantragt worden. "Der Verein unterstützt seit dem Jahr 2006 Asylwerber, Migranten, Jugendliche und Kinder mit verschiedenen Projekten und Maßnahmen in den Bereichen Flüchtlingsbetreuung, Integration, Jugendarbeit und Kindergärten", heißt es dazu vom AKV. "Der Verein hat zu diesem Zweck 83 Bestandobjekte angemietet, die zum Teil jedoch bereits gekündigt wurden." 289 Mitarbeiter sind betroffen, ihre Gehälter wurden bis inklusive November 2018 bezahlt. Der Verein menschen.leben residiert in der Theresiengasse in Baden.

Der Vereinsvorstand besteht aus Klaus Neumann und Barbara Gerhart, der Aufsichtsrat aus Lothar Mayrhofer, der früheren Landtagsabgeordneten Erika Adensamer (ÖVP), Ronald Rosenmayr, Pius Strobl, Ahmadadolla Abdelrahimsai und Herbert Anderl.

Der Verein betreut Förderprojekte des Fonds Soziales Wien, des Land Niederösterreich, des Land Burgenland, Land Tirol, der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck, BMEIA, AMIF, BMI und von anderen Stellen. Der Verein ist im Jahr 2006 laut eigenen Angaben aus dem Verein SOS Menschenrechte hervorgegangen.

Verein erhebt Vorwürfe

"Der Verein hat im Zuge der Flüchtlingskrise erheblich expandiert - auf ausdrücklichem Wunsch diverser Landesregierungen, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe des Landes Niederösterreich", heißt es im Antrag aus der Feder des renommierten Sanierungsanwalts Stephan Riel (Kanzlei Riel & Partner). "Die Anzahl der Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stieg von fünf auf 18, in Niederösterreich von drei auf 8. Aufgrund des allgemeinen Rückganges der Zielgruppe war vorhersehbar, dass Einrichtungen geschlossen werden müssen." Bereits vor dem Sommer sollen sieben Einrichtungen österreichweit aufgelassen worden sein.

600.000 Euro Einnahmen entgangen

"Während in den anderen Bundesländern eine weitgehend geordnete und geplante Schließung in Absprache mit den Landesstellen durchgeführt werden konnte, war das in Niederösterreich nicht möglich", heißt es im Konkursantrag weiter. "Ohne rechtzeitige Information über notwendige Schließungen beziehungsweise trotz schließlich mündlicher Zusage zur Weiterfürhung von zumindest drei Einrichtungen wurden seitens des Landes Niederösterreich ohne rechtzeitige Vorankündigung neue Standorte durch andere Träger eröffnet und die bei der Antragstellerin untergebrachten Flüchtlinge dorthin verlegt, obwohl laut Verträgen ein Bemühen für eine Mindestauslastung in Höhe von 70 Prozent vereinbart war."

146.000 Euro Mietkosten im Monat

Der Verein musste aber weiterhin seine Aufwendungen begleichen, hatte aber einen Einnahmenentgang in Höhe von zumindest 600.000 Euro. Alleine der monatliche Mietaufwand beträgt rund 146.000 Euro. Die Verluste konnten nicht mehr abgedeckt werden. Eine angestrebte Lösung mit dem Land Niederösterreich soll nicht zustandegekommen sein. Die finanzierende Bank sperrte mittlerweile den Kreditrahmen.

Hohe Schulden

Die Schulden werden mit rund 1,769 Millionen Euro beziffert und setzen sich aus aus Kreditforderungen, Verbindlichkeiten gegenüber Vermietern und Lieferanten sowie fällig gewordenen Steuern zusammen. Die Banksschulden werden mit 989.251 Euro beziffert, die durch eine Hypothek (350.000 Euro) und eine Zession besichert sind. Bei den Lieferanten und Vermietern steht der Verein mit 280.000 Euro in der Kreide und die Steuer- und abgabenschulden werden mit rund 500.000 Euro beziffert.

Die freien Aktiva beziffert Creditreform mit rund 370.000 Euro. Sie bestehen aus offenen Forderungen. Eine Liegenschaft des Vereins in Gainfarn, NÖ, ist an die finanzierende Bank verpfändet. Der Fuhrpark besteht aus 25 Fahrzeugen, es gibt aber auch Einrichtungsgegenstände in den Unterkünften und Kindergärten. "Die Weiterführung einiger Projekte wäre möglich, daher ist eine Sanierung nicht gänzlich ausgeschlossen", heißt von Creditreform weiter.

Indes wollte der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl (FPÖ), zuständige für die Asyslagende, auf Anfrage des KURIER keine Stellungnahme abgeben.

Die Zukunft

Im Konkursverfahren sollen nun rasch die großen Kostenfaktoren beseitigt werden, sprich das Personal abgebaut und Standorte geschlossen werden. Indes geht der Verein davon aus, dass Teilbereiche wie die Bildungseinrichtungen (Deutschkurse),  Betreutes Wohnen (Wien, Burgenland, NÖ, Tirol) die Jugendsozialstätten (Baden, Felixdorf, Hollabrunn, Sollenau) und die drei Kindergärten in Wien fortgeführt werden können, da dafür Förderzusagen vorliegen - von Gemeinden, Ländern (NÖ, Burgenland, Vorarlberg) und auch vom Bund (BMBWF, BMEIA, BMI). Zum Teil gehen diese Förderzusagen bis ins Jahr 2021.

Mit dem Fonds Soziales Wien werden laufend Projekte im Bereich Betreutes Wohnen & Wohnraum für Frauen durchgeführt. Mit der Stadt Wien gibt es unbefristete Förderverträge für drei Kindergärten (2. Bezirk, 12. Bezrik, 14. Bezirk)