Bei dem schweren Hagelunwetter in Schrattenberg wurden zahlreiche Dächer zerstört.

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Chronik Österreich
06/26/2021

Mehr Wetterextreme "so sicher wie das Amen im Gebet“

Nach den Unwettern der vergangenen Tage sind Schrattenberg und Allentsteig zu Katastrophengebieten erklärt worden.

von Bernhard Gaul, Petra Stacher

Nach den heftigen Unwettern der vergangenen Tage ist noch längst kein Alltag eingekehrt. Besonders gilt das für Schrattenberg und Allentsteig. Die beiden niederösterreichischen Orte sind seit Samstag Katastrophengebiete.

In Schrattenberg (Bezirk Mistelbach) etwa hatte bereits am Donnerstag der Hagel 250 Objekte durchlöchert. Freitagabend folgte die nächste Katastrophe: Starkregen überflutete ausgerechnet jene Gebäude, die keine intakte Dachkonstruktion mehr haben. Bis in die Nacht hinein verzeichnete die Feuerwehr 110 Einsatzstellen. Am Samstag wurde schließlich von der zuständigen Bezirkshauptmannschaft Schrattenberg als Katastrophengebiet ausgewiesen.

Aufräumarbeiten

So auch in Allentsteig (Bezirk Zwettl). Hier fielen ebenfalls dutzende Dächer dem Hagel zum Opfer. Auch Soldaten des Bundesheers sind bei den Aufräumarbeiten im Einsatz. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) machte sich am Samstag vor Ort ein Bild.

Alleine in der Landwirtschaft würden die Schäden 20 Millionen Euro betragen, 26.000 Hektar seien betroffen, sagte der zuständige Landeshauptmannstellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP).

Ähnlich hoch ist der Schaden in OÖ. Dort beträgt er geschätzte 22 Millionen Euro. 1.200 Feuerwehrleute waren am Samstag damit beschäftigt die Trümmer aufzuräumen. Schwerpunktbezirke sind Urfahr-Umgebung und Grieskirchen. Hilfe bekommen sie von speziellen Feuerwehr-Katastropheneinheiten.

Klimawandel schuld?

In seinem Grazer Büro sitzt derweil Gottfried Kirchengast und blickt besorgt auf seinen Computer. Der 56-jährige Professor ist Leiter des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel der Uni Graz. Er studierte einst in seiner Landeshauptstadt Physik, Geophysik und Meteorologie und sagt von sich selbst: „Ich bin persönlich Zeuge des Klimawandels, und das hat in gewisser Weise auch etwas Furchterregendes: Ich habe keinen Sand mehr, in den ich meinen Kopf stecken kann.“ Bezeugen könne er den Klimawandel, weil er selbst mit Forschungsteams seit 1995 im Klimamonitoring das „Fieber der Erde“ – die in den vergangenen Jahrzehnten stetig anwachsende Menge Wärmeenergie in der Lufthülle – sehe.

Aber ist die Verbindung so einfach? Einige Hagelereignisse und ein Tornado, und das sei sicher eine Auswirkung des Klimawandels? „Was sich hier – durch den Klimawandel bedingt – verstärkt, wird tatsächlich durch den Temperaturanstieg und die zusätzliche Wärmeenergie ausgelöst“, sagt Kirchengast im Gespräch mit dem KURIER.

1916
Am 10. Juli  ereignete sich der bisher schlimmste Tornado in Österreich. Bei dem Wirbelsturm starben in Wiener Neustadt (NÖ) 35 Menschen.

1994/98
Nach dem Tornado 1916 gab es noch drei weitere Wirbelstürme der Kategorie F3 (Wind bis 300 km/h): 1994 im Bezirk Güssing (Burgenland) und 1998 zwei Mal in der Steiermark.

2002
Schleichend begann die Hochwasserkatastrophe im August 2002. Niemand hatte damit gerechnet. Letztendlich waren jedoch zahlreiche Orte quer durch Österreich von der Außenwelt abgeschnitten.

2012
Im steirischen St. Lorenzen im Paltental ging im Juli 2012 nach starken Regenfällen eine riesige Mure ab. 60 Gebäude wurden teils komplett zerstört.

2013
Anfang Juni kam es  nach sechs Tagen sintflutartigen Regens zu einem historischen Jahrhundert-Hochwasser. Die großen Flüsse wie die Donau traten  über die Ufer und fluteten ganze Landstriche (Bild oben). Von OÖ bis ins Burgenland wurden mehrere tausend Häuser überschwemmt. Das Heer stand im Katastropheneinsatz.

2015
Ein heftiges Gewitter hinterließ im Juni 2015  im Sellraintal und See in Tirol  eine Spur der Verwüstung.  Muren gingen ab, der Bach trat über die Ufer, Häuser wurden evakuiert.

Und dann beginnt er zu erklären: Es gebe mehr Feuchtigkeit, zweitens sei die verfügbare Energie für die heftigen Auf- und Abwinde, durch die sich die hohen Wolken bilden, deutlich höher. Drittens würden im Atmosphärensystem die Gewitterwolken nun kompakter sein, was zur Folge habe, dass auf eine kleinere Fläche eine größere Niederschlagsmenge falle – Starkregen.

Immer größere Hagelkörner

Ein anderer Effekt sei, dass nun häufiger Hagel eingemischt ist, oder dass bei der gleichen Hagelmenge größere Hagelkörner entstehen und deshalb der Schaden größer werde. Das habe damit zu tun, dass durch die heftigeren Auf- und Abwinde die gefrorenen Tropfen öfters eiskalte und wärmere Zonen passieren.

„Das ist diese zweite Seite des Klimawandels. Neben den bekannten Langzeiteffekten wie Meeresspiegelanstieg und Abschmelzen des Grönlandeises  ist das, was bei uns in Österreich und in Mitteleuropa eine  starke Auswirkung hat und haben wird, diese ganz klar durch den Klimawandel bedingte Verstärkung thermodynamischer Effekte.“

Man müsse damit rechnen, dass solche Extremwetterereignisse öfter vorkommen werden. „Und zwar so lange, bis es gelingt, durch Klimaschutz die Wärmezunahme in unserer Atmosphäre zu beenden. Sonst werden auch diese Extreme so sicher wie das Amen im Gebet zunehmen.“

Kurze Verschnaufpause

Vorerst dürfen die von in Österreich Unwetter gebeutelten Orte aber einmal verschnaufen. Laut Niklas Zimmermann vom Wetterdienst Ubimet beruhigt sich die Lage am Sonntag und Montag nicht nur, sondern es wird auch richtig heiß: Während in Oberösterreich und Niederösterreich Temperaturen bis zu 34 Grad möglich sind, könnten im Süden Österreichs sogar bis zu 36 Grad erreicht werden.

Nur im Westen des Landes bleibt es unbeständig. Am Dienstag setzen bis auf Kärnten wieder im ganzen Land Gewitter ein – teils inklusive Hagel. „Nach derzeitigem Stand dürften diese aber nicht so schlimm werden wie jene vergangene Woche“, sagt Experte Zimmermann.

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