TSCHECHIEN: UNWETTER - SITUATION NACH TORNADO IN MIKULCICE

© APA/HELMUT FOHRINGER / HELMUT FOHRINGER

Interview
06/25/2021

War das jetzt schon der Klimawandel?

Der Grazer Geophysiker Gottfried Kirchengast erklärt, warum Extremereignisse wie Hagel oder seltener Tornados öfter vorkommen - und was getan werden muss.

von Bernhard Gaul

Am Grazer Wegener Center für Klima und Globalen Wandel von der Uni Graz erreichte der KURIER den Institutsleiter Gottfried Kirchengast. Der Geophysiker erforscht seit Jahrzehnten die Erdatmosphäre. Im Gespräch erklärt er die Ursachen, warum Wetterextreme wie Hagel, Hitze und selten aber doch auch Tornados bei uns öfter vorkommen werden.

Wir hatten am Donnerstag einen tödlichen Tornado an der tschechischen Grenze, zerstörerische Hagel in Ostösterreich und zahlreiche andere Extremwetterereignisse. Wie schätzt das der Klimaphysiker ein?

Gottfried Kirchengast: "Was sich hier - durch den Klimawandel bedingt – verstärkt, wird tatsächlich durch den Temperaturanstieg und die zusätzliche Wärmeenergie ausgelöst. 

Man hat erstens mehr Feuchtigkeit und zweitens ist die verfügbare Energie für die heftigen Auf- und Abwinde, durch die sich die hohen konvektiven Wolken bilden, deutlich höher. Das führt zu heftigeren Extremwetterereignissen wie Hagel, oder seltener auch stärkeren Systemen wie Tornados.

Drittens ist in so einem Atmosphärensystem, das insgesamt durch mehr Wärmeenergie versorgt wird, die Art, wie sich solche hochreichenden Gewitterwolken ausbilden, so, dass sie kompakter sind, auf einem kleineren Raum. Und in eine kleinere Fläche fällt dann eine größere Regenmenge.

Wenn man diese durch den Klimawandel verstärkten Effekte zusammennimmt, führen sie dazu, dass man an einem konkreten Ort substanziell mehr Niederschlag haben kann. Das ist also der Grund für diese kleinräumigen Starkwetterereignisse, statistisch gesehen haben die bis zu 50 Prozent mehr Niederschlagsintensität."

Nun fällt aber auch auf, dass in kleinen Gebieten großer Hagel fällt. Wie kann man das erklären?

"Ja, der anderer Effekt ist, dass nun häufiger Hagel eingemischt ist, oder dass bei der gleichen Hagelmenge größere Hagelkörner entstehen und somit der Schaden durch den Hagel größer wird. Das hat damit zu tun, dass durch die heftigeren Auf- und Abwinde die gefrorenen Tropfen öfters eiskalte und wärmere Zonen passieren und das führt letztlich zu immer größeren Hagelkörnern."

Ist das eine Auswirkung des Klimawandel?

"Das ist diese zweite Seite des Klimawandels. Neben den bekannten Langzeiteffekten wie Meeresspiegelanstieg und Abschmelzen des Grönlandeises, und so weiter, ist das, was bei uns in Österreich und in Mitteleuropa eine starke Auswirkung hat und haben wird, diese ganz klar durch den Klimawandel bedingte Verstärkung thermodynamischer Effekte."

 

Haben solche Extremwetterereignisse zugenommen?

"Ja, diese haben bereits zugenommen und werden sich auch weiter verstärken. Das ergibt sich aus Analysen der Daten der letzten Jahrzehnte und aus physikalischem Verständnis."

Und werden sie weiter zunehmen?

"Ja, so wie die verfügbare Wärmeenergie durch den Klimawandel zunimmt, gerade wenn man solche Hitzeperioden wie jetzt hat, wird auch diese Verstärkung der Extremwetterereignisse weiter zunehmen. Und zwar so lange, bis es gelingt, durch Klimaschutz die Wärmezunahme in unserer Atmosphäre zu beenden."

Ohne Klimaschutz wird es also nicht gehen?

"Genau. Als grundlegende Lösung brauchen wir den Klimaschutz, weil wir den Prozess der Wärmezunahme stoppen müssen. Sonst werden auch diese Extreme so sicher wie das Amen im Gebet zunehmen."

Das heißt was?

"Wir müssen die Emissionen der Treibhausgase Richtung null bringen und damit eben auch die weitere globale Erderwärmung und damit auch die regionale Erwärmung stoppen."

Wir sind dem Extremwetter wie Hagel und jetzt auch Tornados schutzlos ausgesetzt?

"Ja, wir können diese Prozesse nur begrenzen und stoppen, indem ein drastischer Emissionsabbau, wie in den Pariser Klimazielen vereinbart, erfolgt. Wir sind dem also insofern ausgeliefert. Wenn wir es nicht schaffen, diesen Klimaschutz umzusetzen, können wir die Ursache des Problems nicht  begrenzen.

Das ist der Weg, um die immer weitere Verstärkung von Extremereignissen zu stoppen. Diese Wetterereignisse bleiben dann schon noch eine Zeit lang stark, über Jahrzehnte, aber sie verstärken sich nicht weiter, bis das graduell abnimmt. Aber das ist die Welt nach 2050, erst wenn wir die Pariser Klimaziele bis dort erreichen, kann das wieder abnehmen. Einen anderen Ausweg gibt es schlicht aus physikalischen Gründen nicht nicht."

Was, wenn das nicht passiert oder wir so langsam mit dem Klimaschutz weitermachen?

"Es gibt keine Alternativen zum Pariser Klimazielweg. Diese, salopp gesagt, absurde Hoffnung, das etwa mit Geo-Engineering in den Griff zu bekommen, würde mit Sicherheit zu lange dauern. Aber man kann insofern ein bisschen zuversichtlich sein, wenn man jetzt die gestarteten politischen Prozesse wie den Green Deal der EU anschaut, den US-Prozess von Präsident Biden oder den chinesischen Weg. Wenn das in dieser Richtung in Umsetzung kommt, und wirklich die Ziele verfolgt werden, können wir gegensteuern. Es muss aber klar sein, wir müssen Teil der Lösung sein und wir schlagen aus der Wissenschaft auch Wege vor. Die Politik ist dringend am Zug, ganz besonders in Österreich."

Gottfried Kirchengast (geb. 1965), ein gebürtiger Steirer, studierte Physik, Geophysik und Meteorologie an der Universität Graz, wo er 1992 sein naturwissenschaftliches Doktorat mit Auszeichnung abschloss. Aufbauend auf einer Stelle als Universitätsassistent in Graz und zahlreichen Forschungsaufenthalten im Ausland (z.B. Deutschland, USA, Australien, China), sowie auf dem Erhalt renommierter Forschungspreise und der Leitung internationaler Projekte, ist er seit 2003 Universitätsprofessor auf dem traditionsreichen Lehrstuhl für Geophysik (Gründungsinhaber Alfred Wegener, 1924-1930) und seit 2005 Leiter des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz (www.wegcenter.at). Er ist außerdem Honorarprofessor am National Space Science Center der Chinese Academy of Sciences, Adjunct Professor am Royal Melbourne Institute of Technology (Australien) und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Auf Basis seines reichen Schaffens ist Kirchengast seit 1992 Autor oder Mitautor von über 300 wissenschaftlichen Publikationen, Betreuer von über 35 Doktorarbeiten und liefert wiederholt bahnbrechende Forschung und international und national führende Beiträge zur Erdbeobachtung und Klimaforschung.

Mehr Information: http://homepage.uni-graz.at/gottfried.kirchengast/

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