Chronik | Österreich
22.01.2018

Lawinengefahr: Arlberg-Orte in Vorarlberg nicht erreichbar

Die Wintersportorte Zermatt, St. Anton und Ischgl sind von der Außenwelt abgeschnitten. Arlbergstraße soll für zwei Stunden geöffnet werden.

  • Lech, Zürs, Stuben auf Straßenweg nicht erreichbar
  • Teilweise höchste Lawinenwarnstufe in Tirol und Vorarlberg
  • Hinteres Paznauntal nicht erreichbar
  • Westbahnstrecke zwischen Landeck und Bludenz noch den ganzen Tag unterbrochen
  • Warnstufe vier in Oberösterreich
  • Zermatt (CH) vollständig von der Außenwelt abgschnitten
  • Skiort Livigno (I) ebenfalls nicht erreichbar
  • Zweithöchste Warnstufe auf obersteirischen Bergen
  • Schneefall noch bis in die Nacht auf Dienstag
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Die enormen Schneefälle, die noch bis in die Nacht auf Dienstag anhalten sollten, haben die Lawinengefahr im Westen Österreichs erstmals seit Jahren wieder auf die höchste Warnstufe 5 ansteigen lassen. Fatale Abgänge blieben bis zum frühen Nachmittag aus. Zahlreiche Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschlossen, dort war die Stimmung aber durchaus gut.

Die Experten des Landes stuften das Lawinenrisiko in Tirol verbreitet mit Stufe "4" der fünfteiligen Skala ein, gebietsweise herrschte aber auch "sehr große" Lawinengefahr, die höchste Stufe. Diese war in Tirol zuletzt 1999 ausgegeben worden, im Jahr der Lawinenkatastrophe von Galtür. Ein Hubschrauber wurde in die Landecker Pontlatzkaserne verlegt. Zudem waren noch drei weitere Transport-Hubschrauber des Bundesheeres zur Stationierung in Landeck angefordert worden. Das Land Tirol riet in allen Gebieten mit Lawinenwarnstufe "5", ab sofort keine Outdoor-Veranstaltungen mehr durchzuführen sowie nicht notwendige Autofahrten und den Aufenthalt im Freien zu vermeiden.

Die Arlbergstraße (B197) soll am Montag, zwischen 15.00 und 17.00 Uhr für all jene geöffnet werden, die St. Anton verlassen wollen. Dies teilte ein Sprecher des ARBÖ der APA mit. Nach St. Anton hineinfahren wird jedoch weiterhin nicht möglich sein. Nach 17.00 Uhr soll die Straße aufgrund der großen Lawinengefahr wieder komplett gesperrt werden.

Paznauntal

Aufgrund der hohen Lawinengefahr war das hintere Paznauntal im Tiroler Oberland mit den Tourismusorten Kappl, Ischgl und Galtür am Montag nicht erreichbar. Rund 10.000 Urlauber waren vorerst im Tal eingeschlossen. In Galtür war die Situation trotz des Anstiegs der Lawinengefahr auf die höchste Stufe entspannt. Erinnerungen an die verheerende Lawinenkatastrophe aus dem Jahr 1999 kommen nicht hoch, sagte Bürgermeister Anton Mattle im Gespräch mit der APA: "Das war eine ganz andere Situation". Damals habe es drei Wochen lang intensiv geschneit, so Mattle: "Diesmal waren es drei Tage". Auch zu zahlreichen Straßensperren und einer Unterbrechung der Westbahnstrecke zwischen Landeck und Bludenz und der Mittenwaldbahn war es gekommen.

In Vorarlberg saßen am Montag geschätzte 10.000 Urlauber in den Vorarlberger Arlberg-Orten Lech, Zürs und Stuben sowie in Gargellen (Montafon) fest. Die entsprechenden Zufahrtsstraßen - die Arlbergstraße (L197), die Lechtalstraße (L198) sowie die Gargellener Straße (L192) - blieben wegen Lawinengefahr gesperrt, eine Freigabe der Verbindungen noch am Montag schien unwahrscheinlich. Auch die Arlbergbahnstrecke war zwischen Bludenz und Landeck-Zams noch bis mindestens Dienstagvormittag nicht befahrbar. In der Region Gargellen wurde erstmals seit Jahren die höchste Lawinenwarnstufe 5 ("sehr große Gefahr") ausgerufen, in den anderen Bergregionen des Landes bestand große Lawinengefahr der Stufe 4.

Dennoch war die Stimmung in den betroffenen Orten sehr gut. Viele Urlauber würden den Tag zum Skifahren und Winterwandern nützen. "Wir haben drei praktische Ärzte und einen Unfallchirurgen in Lech", verwies Lechs Bürgermeister Ludwig Muxel ebenso auf die gesicherte medizinische Versorgung und auf ausreichend vorhandene Verpflegung. Aus Gargellen verlauteten ähnliche Töne.

Salzburg

Im Bundesland Salzburg blieb die Lage angespannt. Abgesehen von den Lungauer Nockbergen bestand überall große Lawinengefahr. Etliche Straßenverbindungen mussten deswegen auch gesperrt werden, so etwa die Katschberg Bundesstraße zwischen Obertauern und Mauterndorf, die Salzachtal Bundesstraße über den Pass Lueg, die Pinzgauer Bundesstraße zwischen Lofer und Zell am See und die Hochkönig Bundesstraße zwischen Mühlbach und Dienten. Auf vielen höher gelegenen Straßen bestand Kettenpflicht, entweder für Lkw oder für alle Fahrzeuge. Mit einer Entspannung der Situation ist laut Meteorologen erst im Lauf der Woche zu rechnen. Zu großen Behinderungen mit Staus kam es Montagfrüh auch im Großraum Salzburg. Betroffen waren praktisch alle Einfallstraßen, sagte ein Mitarbeiter der Verkehrsleitzentrale der Polizei.

Oberösterreich

Die Lawinensituation in Oberösterreichs Alpenraum hat sich weiter verschärft. Der Warndienst des Landes hat für Höhen ab 1.400 Meter Lawinenwarnstufe 4 gegeben. Die Lage sei "sehr angespannt und kritisch", da sich der Neuschnee noch nicht setzen konnte. Der Pyhrnpass wurde für den Straßenverkehr gesperrt. In Teilen der Steiermark herrschte am Montag ebenfalls große Lawinengefahr, Schneefälle und Wind hatten die Situation verschärft. Auf fast allen Bergstraßen war Kettenpflicht für alle Fahrzeuge verhängt, die Straße zwischen dem salzburgischen Filzmoos und der steirischen Ramsau war wegen drohender Lawinen gesperrt. Auf den schneeglatten Fahrbahnen gab es etliche Unfälle.

In den Ybbstaler Alpen und im Rax-Schneeberggebiet oberhalb von 1.200 Metern wurde das Risiko mit Stufe 4 auf der fünfteiligen Skala beurteilt. Darunter und in den Türnitzer Alpen galt Stufe 3 ("erheblich"), teilte der Warndienst Niederösterreich mit. Die spontane Lawinenaktivität stieg an.

Zermatt abgeschnitten

In weiten Teilen der Schweiz wurde die höchste Lawinenwarnstufe ausgerufen. Seit 1999 habe es nichts Vergleichbares gegeben, sagte eine Sprecherin des Schweizer Wetterdienstes. Auch für den Westen Österreichs wird am Montag mit der höchsten Warnstufe gerechnet, es soll mindestens ein halber Meter Neuschnee dazukommen.

Die Region Zermatt war bereits das zweite Mal innerhalb von zwei Wochen weder per Bahn noch per Straße erreichbar. Ein Helikopter-Shuttle konnte wegen des schlechten Wetters nur einige Gäste, die abreisen wollten, ausfliegen. Viele Bergbahnen stellten ihren Betrieb ein, so dass nur wenige Pisten offen waren.

Zermatt hat die Menschen im Ort aufgerufen, wegen der Lawinengefahr in ihren Häusern zu bleiben oder sich im Dorfzentrum aufzuhalten. Helikopterflüge in den per Straße und Schiene nicht mehr erreichbaren Ort waren zunächst nicht möglich. Bis mindestens 11.00 Uhr am Montag könne keine Luftbrücke in Betrieb genommen werden, hieß es auf der Webseite von Zermatt Tourismus. Gründe seien schlechte Sicht und Staublawinen. Winterwanderwege und das Skigebiet sind geschlossen.

Zwei Skitourengänger sind im Berner Oberland von einem Schneebrett verschüttet worden. Beide konnten am Sonntagnachmittag nur noch tot aufgefunden werden. Bei den beiden Opfern handelt es sich um eine 50-jährige Schweizerin mit Wohnsitz in Monaco und einen 67-jährigen Schweizer aus dem Kanton Bern, wie die regionale Staatsanwaltschaft und die Berner Kantonspolizei am Montag mitteilten. Die beiden Tourengängern waren von Turbach in der Gemeinde Saanen aus gestartet. Am Samstagabend wurden die beiden als vermisst gemeldet. Daraufhin wurden die beiden per Helikopter und von Mitgliedern der Alpinen Rettung Schweiz im Gelände gesucht.

Italien

Auch der renommierte Skiort Livigno in der Lombardei ist abgeschnitten. Die Straße, die zur Ortschaft führt, musste wegen Lawinengefahr geschlossen werden, berichteten italienische Medien. Am Montagvormittag wollten die Behörden entscheiden, ob die Verbindung wieder geöffnet werden kann.

Schneefälle gingen auch in Südtirol und der Region Abruzzen nieder. In der Apennin-Ortschaft Roccaraso wurden zwei Skifahrer von einer Lawine erfasst. Einer der beiden wurde verletzt. Am Samstag war ein italienischer Wintersportler in der piemontesischen Ortschaft Sestriere in einer Lawine ums Leben gekommen.

Prognose

Der kräftige Schneefall und Regen in den Alpen, der die Lawinengefahr teilweise auf die höchste Stufe fünf ansteigen hat lassen, sollte noch bis in die Nacht auf Dienstag anhalten, warnte die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) am Montag. Erst danach dürfte eine leichte Entspannung eintreten und nach und nach alle Regionen wieder erreichbar sein.

Vor allem in Vorarlberg und Nordtirol sollten nochmals 50 bis 80 Zentimeter Neuschnee dazukommen, besonders oberhalb von etwa 1.500 Meter Seehöhe. In den tiefen Lagen Westösterreichs dürfte der Schneefall am Montag allmählich in Regen übergehen. In Salzburg, im Bergland von Ober- und Niederösterreich sowie im Norden der Obersteiermark kommen bis Dienstagfrüh noch zehn bis 30 Zentimeter Schnee dazu. Auch hier wird es in tiefen Lagen vermehrt regnen. Im übrigen Österreich schneit oder regnet es nur wenig, im Süden scheint zeitweise die Sonne.

Ab Dienstag sollte sich die Lage in den Alpen langsam wieder entspannen, wie etwa im Raum Zermatt und stellenweise in Vorarlberg und Tirol. Hier werden Schneefall und Regen rasch abnehmen und die Sonne kann hervorkommen. Auch am Mittwoch und Donnerstag ist es hier recht sonnig. Somit sollten die meisten gesperrten Straßen und Bahnlinien nach und nach wieder geöffnet werden können.

Im freien Skiraum wird die Situation aber auch die restliche Woche noch sehr gefährlich sein. Aufgrund der großen Schneemengen und der zum Teil starken Windverfrachtung bleibt die Lawinengefahr abseits der gesicherten Pisten in vielen Regionen sehr heikel, warnte die ZAMG. Schon ein Skifahrer oder Snowboarder kann eine Lawine auslösen. Die Informationen der Lawinenwarndienste sollten daher unbedingt beachtet werden.

Bereits am Freitag soll eine neue Schnee- und Regenfront die Alpen erreichen. Die genaue Zugbahn und Intensität ist noch unsicher, der Schwerpunkt des Niederschlags wird aus derzeitiger Sicht in Frankreich, der Schweiz und Italien liegen. In Österreich sollte es am Freitag vor allem in Osttirol und Kärnten schneien oder regnen.

In vielen Regionen hat es bereits jetzt mehr geschneit als in den vergangenen Jahren im gesamten meteorologischen Winter (Dezember, Jänner, Februar), sagte ZAMG-Klimatologe Alexander Orlik: "Die Summe aller Neuschnee-Mengen liegt zum Beispiel in Langen am Arlberg derzeit bei rund 480 Zentimetern, im vieljährigen Mittel sind es hier im gesamten meteorologischen Winter 447 Zentimeter. In Warth am Arlberg liegt die Neuschnee-Summe derzeit bei rund 430 Zentimetern, im Mittel sind es hier im gesamten Winter 370 Zentimeter."

Verbauungen für den Lawinenschutz

Rund zwölf bis 15 Millionen Euro werden im Schnitt jährlich für Lawinenverbauungen in Tirol ausgegeben. Die Tendenz sei leicht fallend, da die Masse der Lawinenstriche bereits verbaut sei, und es nur noch "einige wenige" gebe, die noch verbaut werden müssen, sagte Ivo Schreiner von der Tiroler Wildbach- und Lawinenverbauung am Montag im Gespräch mit der APA.

Derzeit würden im Oberland noch einige Lawinenanbruchgebiete verbaut werden und in Osttirol gebe es einige Verbauungen, die ergänzt werden. "Die großen Schutzbauten sind aber alle abgeschlossen", erklärte Schreiner. Nun investiere man eher in die Erhaltung der bereits bestehenden Bauten und in die Überprüfung der Verankerungen. Der große Boom sei aber vorbei, weil "alle maßgeblichen Lawinen" bereits verbaut seien.Obwohl im Paznauntal mit dem Ort Galtür seit der Lawinenkatastrophe im Jahr 1999 am Montag zum ersten Mal wieder die höchste Lawinenwarnstufe ausgerufen wurde, sei die Situation heuer mit der damaligen nicht zu vergleichen, betonte Schreiner. "1999 waren die Wetterbedingungen schon Wochen vor der Katastrophe sehr ungünstig", meinte der Experte. Heuer sei dies nicht der Fall.

Zudem sei nach dem Unglück sehr viel in die Lawinenverbauung investiert worden. So seien beispielsweise im Anbruchgebiet die Stützverbauungen ergänzt worden. "Außerdem wurden in Galtür selbst und auch in anderen Ortsteilen Schutzdämme errichtet", erklärte Schreiner. Die meisten Gebäude, die 1999 zerstört worden waren, wurden wieder an der gleichen Stelle aufgebaut. "Nur ein paar Gebäude, die etwas außerhalb standen, wurden nicht mehr errichtet", so der Experte.

Vorarlberg

Die Wildbach- und Lawinenschutzverbauung betreut in Vorarlberg nicht weniger als 1.550 Lawineneinzugsgebiete. Während der Schutz von Siedlungsgebieten das zentralste Anliegen überhaupt ist, so sind exponierte Straßen schwieriger zu schützen. Neben den bestens bewähren Lawinenverbauungen helfen auch Schutzwälder im Kampf gegen die Naturgefahren, so Andreas Reiterer, Zuständiger für Vorarlberg.

Bei den Siedlungen, wo mit permanenten Verbauungen gearbeitet wird, "sind wir schon sehr weit", sagte Reiterer am Montag auf APA-Anfrage. Bei Straßen hingegen kommen etwa im Arlberggebiet auch Lawinensprenganlagen zum Einsatz, oder man muss - wie derzeit - mit Straßensperren der Gefahr aus dem Weg gehen. Pro Jahr fließen in Vorarlberg laut Reiterer rund vier Millionen Euro in den Lawinenschutz.

An der Art der Schutzverbauung - nämlich der Stützverbauung - habe sich in den vergangenen Jahren praktisch nichts verändert, diese habe sich über Jahrzehnte hinweg bestens bewährt. Lediglich die Fundierung werde heutzutage anders bewerkstelligt. "Heute verwendet man Anker, die die Betonierung abgelöst haben", sagte Reiterer. Die Stützverbauungen in Vorarlberg seien für eine Schneehöhe von bis zu über fünf Meter ausgelegt, davon sei man aktuell weit entfernt. Derzeit liege etwa zwei Meter Schnee in den Verbauungen, im Lawinenwinter 1999 seien die Anlagen hingegen "ziemlich ausgereizt" gewesen. "Die Naturgefahren entwickeln sich", stellte Reiterer fest. Anpassungen seien immer wieder vonnöten.

Eine Stützverbauung hat eine Lebensdauer von etwa 100 Jahren, wo immer möglich, wird neben der Verbauung aber auch aufgeforstet. Durch die Aufforstungen wird der Schutzgrad der Schutzbauten weiter erhöht und der Schnee besser umverteilt und festgehalten. In vielen Fällen wird der Schutzwald eines Tages auch die Funktion der Stahlkonstruktionen übernehmen können.