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Chronik Österreich
10/18/2019

Medikamentenversorgung: Kampf um die Landapotheken

Mit einer Liberalisierung bei den Hausapotheken drohe ein Apothekensterben, warnen Pharmazeuten.

von Katharina Zach, Josef Gebhard

Die Medikamenten-Versorgung in Österreich ist in Gefahr – zumindest befürchten das die Apotheker. „Es ist eine dramatische Entwicklung“, warnt Jürgen Rehak, Präsident des Apothekerverbands. Doch was bringt die Pharmazeuten dazu, in Alarmstimmung zu verfallen?

Es ist eine brisante Empfehlung der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) als Rezept gegen den drohenden Ärztemangel am Land. Knapp 50 Prozent der Allgemeinmediziner werden nämlich in den nächsten zehn Jahren das Pensionsantrittsalter erreichen. Doch schon jetzt können viele Kassenplanstellen kaum nachbesetzt werden. Um Hausarzt-Ordinationen attraktiver zu machen, schlägt die BWB vor, den Apothekenmarkt zu liberalisieren.

Hausapotheken als Rezept

Konkret sollen Hausärzte jederzeit eine Hausapotheke aufsperren können. Derzeit dürfen sie diese nur betreiben, wenn es im Umkreis von vier bzw. sechs Kilometern keine öffentliche Apotheke gibt. Eröffnet eine Apotheke in dem Gebiet, muss die Hausapotheke innerhalb von drei Jahren schließen.

„Da gäbe es sofort 143 Apotheken weniger in Österreich“, meint Gerhard Kobinger von der Österreichischen Apothekerkammer. Weitere 450 wären gefährdet, der Verlust von 6.000 Arbeitsplätzen drohe. Die Sorge der Apotheker: Mit der Deregulierung würde die Zahl der Hausapotheken massiv zunehmen. Die Ärzte würden dann vorwiegend jene Medikamente verschreiben, die sie selbst lagernd hätten. Die Apotheken würde mit einem Schlag 80 Prozent ihres Umsatzes verlieren.

„Wenn ich meinen Wochenenddienst zur selben Zeit wie der Arzt mit Hausapotheke habe, kommt niemand mit einem Rezept zu mir“, erzählt etwa Alice Wittig-Pascher, Apothekerin aus Heidenreichstein (NÖ).

Aus Sicht der Apotheker würde mit der Deregulierung das Angebot für Patienten schlechter. Denn während Hausapotheken rund 200 verschiedene Medikamente lagern, gäbe es in Apotheken 6.000. Zudem würden die Apotheken mit längeren Öffnungszeiten – 50 bis 60 Stunden pro Woche statt 20 wie beim Hausarzt – sowie Nacht- und Wochenenddiensten die Patientenversorgung gewährleisten.

Mehr Kompetenzen

Auch das für die Patientensicherheit wichtige Vier-Augen-Prinzip gehe verloren. „Ich habe täglich 100 bis 120 Patienten. Zwei bis drei Mal pro Tag muss ich beim Arzt intervenieren“, berichtet Kammer-Vizepräsident Raimund Podroschko. Auch Ärzte könnten Fehler machen.

Studien würden zudem zeigen, dass Hausapotheken keinen Mediziner-Nachwuchs aufs Land locken, so die Standesvertreter. Ihrer Ansicht nach habe die BWB mit den Empfehlungen ihren Kompetenzbereich überschritten und gewisse Untersuchungen nicht berücksichtigt.

Wettbewerb oder Apothekensterben?

So hätten Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt, dass eine Deregulierung eine Verschlechterung bei der Apothekendichte zur Folge habe. Das sieht die BWB anders. Studien hätten keine Verschlechterung bei der Versorgung gezeigt, heißt es. In der Gemeinde Morlaix in Frankreich mit 14.800 Einwohner gebe es sieben Apotheken welche im Umkreis von 150 Metern  bis maximal 500 Metern fußläufig erreichbar sind, heißt es. Im etwa gleich großen Ternitz hingegen gebe es nur eine.

Die Wettbewerbsbehörde hält außerdem fest, dass in den vergangenen zehn Jahren 155 öffentliche Apotheken neu eröffnet wurden. 37 Eröffnungen hatten die Schließung von 62 Hausapotheken zur Folge gehabt.

Medikamente ans Krankenbett

Anstatt sich mit diesen Vorschlägen zu beschäftigen, hoffen die Apotheker auf eine Novellierung des Apothekengesetzes. Sie fordern seit 2017 eine Ausweitung der Öffnungszeiten, mehr Möglichkeiten, Medikamente ans Krankenbett zuzustellen und Erleichterungen beim Eröffnen von Filialen einzelner Apotheken.

Bei der Ärzteschaft, die sich von der BWB bestätigt fühlt, sorgen die Aussagen der Apotheker für Kritik. Ihnen gehe es nicht um Patienten, sondern um Eigeninteressen, sagt  Ärztekammer-Vizepräsident  Johannes Steinhart. Gerade am Land würden Hausapotheken eine unverzichtbare Rolle bei der Versorgung spielen.

 

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