Mathematik-Matura zu schwer? Lehrer alarmiert

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Erste Auswertungen der Mathematik-Matura liegen vor: Lehrer sind alarmiert ob der schlechten Ergebnisse

43.000 Schüler haben am 9. Mai die viereinhalbstündige Mathematik-Zentralmatura geschrieben und warten nun gespannt auf ihre Ergebnisse. Offiziell werden sie erst am 4. Juni bekannt gegeben. In ersten Schulen sind die Lehrer jedoch mit dem Korrigieren fertig – und alarmiert: Selbst Vorzeigeklassen haben schlecht abgeschnitten.

„Wir haben am Wochenende Telefonkonferenzen abgehalten, wie wir die Arbeiten beurteilen sollen“, erzählt ein HTL-Lehrer (Name ist der Redaktion bekannt). Insgesamt gab es 48 Punkte zu erreichen, für jedes Beispiel einen Punkt. „Das heißt, auch bei komplexeren Beispielen hatte man nur die Wahl, einen oder null Punkte zu geben“, fährt er fort. Im Endeffekt mache es keinen Unterschied, ob jemand nur vergessen habe, die Einheit hinzuschreiben oder überhaupt keine Ahnung vom Lösungsweg habe. Eine Abstufung fehle. Dies in Verbindung mit dem veränderten Notenschlüssel hätte die Noten deutlich nach unten gedrückt. „Viele Schüler wurden bei der heurigen Matura schlechter beurteilt, als es ihnen zusteht. Das Leistungsbild wurde in Richtung schlechterer Note verzerrt, das betrifft selbst extrem gute Schüler“, entrüstet sich der Pädagoge.

Dem KURIER liegen bereits erste Ergebnisse aus berufsbildenden höheren Schulen (BHS) vor. Ein Beispiel ist besonders eklatant: Der Lehrer berichtet, dass vorrangig Vorzugsschüler diese Klasse besuchen. Hatte im Abschlusszeugnis kein einziger ein Nicht Genügend in Mathematik, sind bei der Matura nun 38 Prozent der Schüler negativ. Ein Sehr Gut haben nur zwei Schüler geschafft (vier Prozent) – zum Vergleich: Im Vorjahr waren es zwölf Prozent. „Diese Klasse besuchen ausschließlich hervorragende Schüler. Ihre Bewerbungsaussichten sind durch diese Mathe-Noten nun beeinträchtigt“, sagt der Lehrer.

„Weniger Anspruchsvolles“

Peter Simon, der im Bildungsministerium für die Zentralmatura verantwortlich ist, bestätigt, dass der Notenschlüssel verändert wurde. „Spekulativ kann es sein, dass sich dadurch die Noten verändert haben, aber wir wissen es erst am 4. Juni“, sagt er. Der Notenschlüssel werde den Eigenschaften der zu lösenden Aufgaben angepasst. „Gibt es mehr Beispiele, die zu den Basics gehören, erhöht sich dadurch die Punktezahl für das Minimum. Wenn die Aufgaben schwieriger sind, brauche ich weniger, um ein Genügend zu bekommen. Das heißt, es muss mehr von weniger Anspruchsvollem erfüllt werden“, erklärt er.

Doch war die Matura leichter? „Ich hab sie nicht allzu schwer gefunden, aber unser Klassenvorstand hat uns schon gesagt, dass es weder Sehr Gut noch Gut bei uns gibt“, sagt Konstantin K. (Name geändert) aus Kärnten. „Es war einfach extrem umfangreich. Viele in meiner Klasse sind nicht fertig geworden und fast niemand konnte dann noch etwas kontrollieren. Ich finde es unfair, dass die Mindestpunktezahl für Genügend und Befriedigend angehoben wurde“, sagt auch Cecilia L. (Name geändert) aus Wien.

Roland Gangl, Vorsitzender der BHS-Lehrergewerkschaft, kritisiert, dass so eine hohe Lesekompetenz gefragt war: „Lehrer haben gesagt, dass die Fragen sehr trickreich gestellt waren. Wenn man nur ein Wort übersehen hat und deswegen einen falschen Ausgangspunkt beim Rechnen nimmt, hat man keine Punkte bekommen, obwohl rein mathematisch alles richtig war. Insofern war es dieses Jahr schwieriger.“

Auch AHS-Gewerkschaftschef Herbert Weiß hat von seinen Kollegen das Feedback bekommen, dass die Mathe-Matura dieses Jahr schlechter ausfallen dürfte – unter anderem, weil Formulierungen der Aufgaben zu Problemen geführt haben.

Gangl plädiert dafür, die Zentralmatura mehr den Ausbildungen der Schüler anzupassen. „Ist die angewandte Mathematik in der BHS wirklich angewandt?“, fragt er. Zur Erklärung: Die Mathematik-Reifeprüfungen an AHS und BHS unterscheiden sich grundlegend. Es gibt sowohl andere Aufgaben als auch andere Bewertungsschemata. Innerhalb der AHS ist die Mathe-Matura einheitlich, an den BHS gibt es einen gemeinsamen schulformenübergreifenden Teil sowie einen je nach Schultyp unterschiedlichen.

Die Zentralmatura steht also auch im dritten Jahr in der Kritik. „Es war von Anfang an verfehlt, der Zentralmatura so einen hohen Stellenwert zuzuschreiben“, ist Bildungswissenschafter Stefan Hopmann überzeugt. Er plädiert dafür, sie zurückzustufen und als Bestandteil eines Paketes zu sehen, bei dem die Gesamtleistung auch aus lokalen Prüfungen besteht.

 

Die Aufgaben der Zentralmatura.

( kurier.at , rieg ) Erstellt am 18.05.2018