Nataliia mit ihrem Mann Maksym und der gemeinsamen Tochter: „Meine Tochter vermisst ihren Vater sehr. Mir fehlt meine Hälfte, meine bessere.“   

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Fernbeziehungen
07/02/2022

Liebe in Zeiten des Krieges: Zwei Frauen erzählen

Rund 35.000 Vertriebene aus der Ukraine in Österreich sind Frauen. Irina (36) und Nataliia (41) erzählen, wie sie die Trennung bewältigen.

von Josef Kleinrath

78.000 Vertriebe aus der Ukraine sind in Österreich registriert, 70 Prozent weiblich, 63 Prozent volljährig. Zwei Ukrainerinnen erzählen stellvertretend für die vielen Frauen, was die Trennung für sie, für ihren Mann, für die Kinder bedeutet.

Die Frauen

Das ist die Geschichte von Irina 36, Mutter von Zwillingen (11), aus Krywyi Rih, die jetzt in einer Pfarre in Wien lebt. Ihr Mann Oleg (41) ist als Soldat im Krieg.

Und es ist die Geschichte von Nataliia, 41, Mutter eines 16-jährigen Mädchens, aus der Hauptstadt Kiew. Ihr Mann Maksym (44) ist an der „Arbeitsfront“ in Kiew. Nataliia hat in Wiener Neustadt in Niederösterreich Zuflucht gefunden.

In Angst

„Ich habe große Angst um ihn, ich schlafe nicht gut, wir leben von Nachricht zu Nachricht von ihm“, fasst Irina ihren Gemütszustand in einem Satz zusammen.

Die Angst prägt auch die Fernbeziehung von Nataliia: „Alle Hoffnung liegt auf dem Zwei-Wände-Schutz, denn es gibt zu wenig Schutzräume und Bunker.“

Die Männer

Nataliia kennt ihren Mann Maksym seit 21 Jahren. „Am zweiten Tag hat er mir eine Liebeserklärung gemacht. Was für ein komischer Mann, habe ich gedacht“, erinnert sie sich mit einem Lächeln zurück. Nach zwei Jahren haben sie geheiratet: „Er ist ein ruhiger, intelligenter, hilfsbereiter Mann mit einem guten Sinn für Humor.“ Seinen Job hat er aufgeben müssen, weil die Firma wegen des Krieges die Ukraine verlassen hat, er ist jetzt an der Arbeitsfront.

Irina, Schriftstellerin und Astrologin, Tochter eines Offiziers, ist mit Oleg (41) verheiratet. Sie lernten einander im Alter von 16 Jahren kennen. „Ich verliebte mich in ihn wegen seiner guten, freundlichen Augen“, erinnert sie sich daran, als ein Klassenkollege sie einander vorgestellt hat: „Der ist 2014 gestorben, als er die Ukraine in der Region Donezk verteidigt hat.“ Auch ihr Oleg war damals im Krieg, bis 2016. Vor diesem Krieg war er in einer Bank, danach Möbeltischler.

Im Krieg

„Am ersten Tag der Invasion kehrte er zu den Streitkräften zurück. Oleg sagt, dass Männer das Mutterland, unsere Häuser, unsere Familien verteidigen müssen. Wer außer uns?“, erzählt Irina. Wo Oleg ist, das fragt sie ihn nicht: „Er kann es sich ja nicht aussuchen.“ Und er erzähle auch nichts über den Krieg, wenn sie Video-Chatten oder einander schreiben. Wann immer es wegen des Krieges geht. „Fast täglich kommunizieren wir über Messenger, aber wenn es länger keinen Kontakt gibt, wird es schwierig. Eine Million Gedanken in meinem Kopf.“

Nataliia weiß zum Glück, wo ihr Mann ist. In Kiew. „Ich habe trotzdem Angst um ihn. Raketen schlagen ununterbrochen in unserer Stadt ein.“ Maksym erzähle ihr regelmäßig vom Krieg: „Davon hängt ja unser Schicksal ab.“

Die Trennung

Zu gehen war „wahrscheinlich die schwierigste Entscheidung meines Lebens“, erinnert sich Irina, auch wenn ihr Mann sofort einverstanden war. „Nach einem Monat war mir klar, dass meine Kinder nicht im Krieg leben sollen“, sagt sie. „Meine Söhne sind 11 Jahre alt, sie haben genau verstanden, was passiert. Sie haben Menschen, ja, auch Kinder sterben gesehen. Es ist Krieg, wir haben keine Wahl. Unsere Männer müssen bleiben, um das Land zu schützen.“

Nataliia war verwirrt, frustriert und traurig, als klar war, dass Männer nicht ausreisen dürfen: „Andererseits ist es eine Selbstverständlichkeit.“ Dass sie geht, sei klar geworden, „als wir verstanden haben, dass die europäische Welt diesen Krieg nicht für den gemeinsamen hält“. Mit einem langen, tiefen Blick habe sie sich mit ihrem Mann darauf verständigt.

In der Fernbeziehung

„Mir fehlt der physische Kontakt, der Rückhalt. Mir fehlt meine Hälfte, meine bessere.“ Auch diesen Satz begleitet Nataliia mit einem liebevollen Lächeln. Die Trennung schmerzt, auch wenn der technische Fortschritt Kommunikation rund um die Uhr ermöglicht, denn noch nie waren sie und Maksym so lange voneinander getrennt. Entfremdet der Krieg das Paar? „Nein“, sagt Nataliia entschieden, „wir sind uns so nahe, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Die Trennung entfalte neue Fähigkeiten: „Bei mir technisches Können, und er lernt unter meiner Online-Aufsicht kochen.“ Und da ist wieder dieses Lächeln.

In Österreich
398.000 Personen sind seit Kriegsbeginn eingereist
326.000 wieder weitergereist
78.000 Menschen sind in Österreich registriert
70 Prozent davon sind weiblich
37 % der Vertriebenen sind minderjährig

Weltweit
5,2 Millionen Menschen aus der Ukraine haben im Ausland Schutz gesucht
6,2 Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine geflüchtet

„Es ist nicht einfach. Wir versuchen, die Aufregung zu halten, weil wir uns lieben“, beschreibt Irina ihre Fernbeziehung. „Ich erzähle ihm, wie gut es uns geht, aber auch, dass es schwierig ist. Ich bin eine Frau, bin emotional, und es ist gut, ihn daran zu erinnern, damit er weiß, für wen er kämpft und dass er überleben muss. Aber er sagt mir jedes Mal, dass er mich liebt und mich sehr vermisst.“

Sie hat Angst, dass der Krieg sie entfremdet: „Die Familie ist ganz, wenn sie einen gemeinsamen Tagesablauf hat. Wenn wir unser Leben nicht miteinander verbringen, ist das ein Problem. Wir sind gezwungen, wieder getrennte Leben zu führen. Aber der Krieg ist das größere Problem. Lasst das bald enden, und wir werden versuchen, alles wieder aufzubauen. Unsere Familien und unser Land.“ Ihrem Mann fehlen die Umarmungen und Küsse, die Spiele mit den Kindern, ihre tausend Fragen: „Es ist hart für ihn, am meisten vermisst er unser Geschwätz, das Lachen, sogar unseren Streit. Ich fühle das.“

Mit den Kindern

Für die Kinder sei am Anfang alles ein großes Abenteuer gewesen, sagt Irina: „Aber nach zwei Wochen haben sie gemerkt, dass alles sehr kompliziert war. Das Schwierigste ist, dass wir uns alle große Sorgen um das Leben ihres Vaters machen. Meine Kinder vermissen Papa, und deshalb weint mein Herz jeden Tag.“

Auch Nataliias Tochter vermisst ihren Vater sehr: „Aber sie kann hier auch die Sprache lernen und Freunde finden. Kinder sind viel anpassungsfähiger.“

(Ein) wenig Hoffnung

Pläne für die Zukunft schmiedet Nataliia zurzeit nicht: „Das ist schwer, wenn Flugzeuge Richtung Kiew fliegen und das Leben vieler zerstören können. Wir hoffen, dass der Terrorist besiegt wird und unsere Kinder nicht mehr gegen ihn kämpfen müssen.“

Irinas Pläne? „Zurück können, unser Leben wieder aufbauen. Und mit den Kindern in die Türkei fahren. Das haben wir ihnen versprochen, nur hat es nicht geklappt. Aber in meiner Seele ist ein riesiger Abgrund, der Krieg hat mir einen Teil meines Lebens genommen. Mir scheint es gut zu gehen, aber ich habe ein Loch in meinem Herzen.“

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