Lebensgefahr nach Orkan: Parks gesperrt

Ein 26-Jähriger wurde von der Fichte erschlagen © Bild: APA/ERWIN SCHERIAU

Ein Mann wurde in Graz von Fichte erschlagen. Genaue Kontrollen von Bäumen sind Pflicht.

Absperrbänder der Polizei hängen seit Dienstagnacht vor jedem Zugang zum Grazer Stadtpark. „Nehmen Sie das ernst“, mahnt Bürgermeister Siegfried Nagl. „Es geht um Menschenleben. Das haben wir schmerzvoll registrieren müssen.“

Ein junger Mann starb am Dienstag, kurz vor 18.30 Uhr, in dem Park: Er wurde von einer 40 Meter hohen Fichte erschlagen. Der 26-Jährige, in Graz lebende Rumäne, kam nicht schnell genug weg, als der Baum östlich des Brunnens von einer Sturmböe gefällt wurde.

Im Stadtpark als auch in der Kärntnerstraße wurden Windgeschwindigkeiten in Orkanstärke gemessen: 140 km/h. Der Sturm zog durchschnittlich mit 100 km/h Schneisen in Alleen: Gut 1000 Bäume dürften betroffen sein, schätzte die Feuerwehr, vor allem im Stadtpark und am Schlossberg, der ebenso gesperrt wurde wie Rosenhain und Leechwald. Dort herrscht Lebensgefahr: Bei jedem neuen Regen oder Sturm könnten auch diese Bäume fallen. Mitarbeiter der Holding Graz müssen jeden einzelnen Baum begutachten, ehe die Sperren aufgehoben werden können.

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Auch der Schlossberg ist Sperrgebiet © Bild: Elisabeth Holzer

Belastungsproben

22.000 Bäume stehen im Besitz der Stadt. Sie werden laut Holding einmal pro Jahr kontrolliert, dazu gehören bei großen Exemplaren auch Belastungsproben. Diese peniblen Kontrollen sind Folge eines Erkenntnisses des Obersten Gerichtshofes. Sturmtief „Emma“ schleuderte 2008 in St. Pölten einen Baum auf ein Auto, eine Frau starb. Strafrechtlich wurde eingestellt, doch das Zivilgericht befand, die Stadt muss Schadenersatz zahlen: Jeder große Baum sei potenziell gefährlich und müsse regelmäßig kontrolliert werden. Nur wer das nachweisen kann, hat ein Schlupfloch aus der Haftung. Das Urteil dürfte nun auch für den Fall des getöteten 26-Jährigen richtungsweisend sein.

Die Feuerwehr registrierte allerdings bis Mittwochvormittag 250 Zwischenfälle wegen Bäumen oder abgebrochenen Ästen. „Für Schadenersatz ist aber Verschulden nötig“, erläutert Bettina Schrittwieser, Konsumentenschützerin der Arbeiterkammer. Rechtlich gelten Elementarereignisse aber als höhere Gewalt: Der Besitzer eines geknickten Baumes könne für Schäden etwa an Autos nur haftbar gemacht werden, wenn der Baum schon vorher erkennbar morsch war oder nicht kontrolliert wurde. „Dann bleibt nur zu schauen, ob die eigene Kaskoversicherung zahlt“, beschreibt Schrittwieser.

Soforthilfe für Opfer

Was die Schadensabwicklung in den Unwettergebieten betrifft, hat das Kanzleramt angekündigt, Mittel aus dem Katastrophenfonds frei zu machen. Den Opfern soll rasch und unbürokratisch geholfen werden, sichert beispielsweise das Land Niederösterreich zu. Die nö. Arbeiterkammer stellt all ihren betroffenen Mitgliedern 1000 Euro Soforthilfe für Reparaturen zur Verfügung.

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Rosemarie Feuchtenhofer (re.) traf es besonders schlimm © Bild: Wammerl Patrick

Ein Video hat sich nach den schweren Unwettern in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer verbreitet. Es zeigt, wie 600 Kilogramm schwere Siloballen in einer Sturzflut an einem Haus vorbei treiben. Dieses Anwesen in Otterthal gehört Rosemarie und Peter Feuchtenhofer. Die kleine Ortschaft am Wechsel war am Dienstag einer der betroffensten Orte in dem zum Katastrophengebiet ausgerufenen Bezirk Neunkirchen in Niederösterreich.
Sturzbäche aus den umliegenden Bergen haben 21 Häuser und Anwesen in der Ortschaft geflutet.

„Die Heuballen sind wie Wasserbälle vorbei geschwommen. Das Erdgeschoß war bis zu einer Höhe von 115 cm überflutet, der Keller stand bis zur Decke unter Wasser“, erzählt Rosemarie Feuchtenhofer. Als das Wasser bereits hüfthoch war, musste die gesamte Familie samt Hund „Charlie“ aus dem landwirtschaftlichen Anwesen gerettet werden. Alle Habseligkeiten aus dem Erdgeschoß fielen der Flut zum Opfer.
Was die Familie fasziniert ist die  Welle der Hilfsbereitschaft. „Nicht nur die Feuerwehr, auch wild fremde Menschen sind gekommen um uns zusammen räumen zu helfen“, sagt die Betroffene.

Dramatische Lage

Doch kaum waren die ersten Schäden am Mittwoch beseitigt, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen. Eine derart dramatische Situation habe es seit Jahrzehnten nicht gegeben, heißt es von Seiten der Einsatzkräfte. Nach starken Regenfällen kam es erneut in den Bezirken Neunkirchen und Wiener Neustadt zu großräumigen Überflutungen. In den betroffenen Gebieten im Wechselgebiet gingen mehrere Muren ab, wieder wurden Keller überflutet. Erneut standen hunderte Feuerwehrleute im Einsatz, unterstützt von zwei Katastrophenhilfszügen.


Laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik war in gewissen Regionen bereits am Dienstag binnen drei Stunden so viel Regen gefallen, wie sonst in einem Monat. Rekordhalter war Puchberg am Schneeberg mit 116 Millimeter, in einem durchschnittlichen Juni sind es in dem Bereich etwa 120 Millimeter. Neben Teilen der Steiermark sowie dem Mittel- und Südburgenland war vor allem Niederösterreich von den Unwettern am stärksten betroffen. In den Bezirken Neunkirchen, Wiener Neustadt, Zwettl, Krems oder Gmünd waren an insgesamt 350 Einsatzorten etwa 1100 Feuerwehrleute stundenlang beschäftigt.


Das österreichische Blitzortungssystem Aldis registrierte heuer bereits rund 66.000 Blitzeinschläge in Österreich. Das ist der stärkste Start in die Blitzsaison seit dem Jahr 2009. Damals schlug bis Anfang Juni knapp 80.000 Mal der Blitz ein.

( kurier.at ) Erstellt am 13.06.2018