Hand with pistol isolated on white background

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Chronik | Österreich
07/12/2013

Land der Revolverhelden?

In drei Fällen griffen Opfer zur Waffe, zwei Räuber starben. Das heizt eine Notwehr-Debatte an: Wie soll man sich verhalten? Was ist richtig? Die Polizei warnt vor „falsch verstandenem Heldentum“.

Schmuckhändlerin Silvia Brandstetter ist einiges gewohnt. Unbekannte Juwelen-Diebe rasten mit einem Auto gegen die Auslage ihres Geschäfts in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt. Mit Räubern lieferte sie sich eine wilde Balgerei. „Ich hab’ es mir kurz überlegt, ob ich mir eine Pistole zulege“, erklärt sie. Zum Schutz. „Noch bin ich dazu nicht bereit.“

Andere sind es. In den vergangen fünf Wochen zogen Opfer drei Mal ihre Waffe. Ein offenbar mit einem Messer bedrohter Taxler erschoss seinen Gegner. Auch die von einem Juwelier abgegebene Kugel hatte letale Folgen für den 20-jährigen Täter, der mit einer echt aussehenden Spielzeugpistole bewaffnet war. Und in der Nacht auf Freitag drückte ein Imbissstuben-Besitzer in Tirol ab (siehe Zusatzbericht unten).

In allen Fällen stellen sich zwei Fragen: War das Notwehr oder wurde sie überschritten? Darauf werden die Staatsanwaltschaften eine Antwort geben.

Die zweite liefert genügend Stoff für eine sehr allgemeine (Notwehr-)Debatte: Ist es legitim, jemanden zu erschießen, um sein Eigentum zu schützen?

Die Front verläuft entlang der Waffen-Befürworter und Gegner. Publizistische Hardliner gratulieren den Schützen und freuen sich über die Todesnachrichten. Ihnen stehen jene gegenüber, die vor Selbstjustiz warnen und die fortschreitende Bewaffnung der Bevölkerung kritisieren.

„Es ist nicht die Lösung für ein Sicherheitsproblem, mit Privatwaffen zur Selbstverteidigung zu greifen. Für mich wäre es besorgniserregend, wenn das zu stärkeren Bewaffnung führen würde“, sagt Albert Steinhauser, Justizsprecher der Grünen, und „kein Freund des Privatwaffenbesitzes“.

Genau das ist aber längst passiert, zumindest, wenn man der militanten „Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht Österreich“ (IWÖ) Glauben schenkt. Generalsekretär Georg Zakrajsek berichtet, dass sich zunehmend „Taxifahrer, Gewerbetreibende und Trafikanten“ für den Waffenerwerb interessieren. Ein „rein gefühlsmäßiger Befund“, denn mit Zahlen kann er es nicht belegen.

Registrierung läuft

Damit ist er nicht allein. Noch wissen nicht einmal die Behörden, wie viele Waffen unter heimischen Kopfpolstern liegen. Vergangenen Oktober startete eine zentrale Registrierung (Waffenregister), die 2014 abgeschlossen ist. So lange werden unvollständige Statistiken kursieren: Rund 237.000 Faustfeuerwaffen (Waffenbesitzkarten und Waffenpässe) sind im Umlauf. Aber: Eine Berechtigung erlaubt den Besitz mehrerer Waffen. Und: Gewehre, von denen weit mehr existieren, sind noch nirgends erfasst. Ein Trend lässt sich nicht ablesen.

Die Behörde will nun nicht nur wissen, wer eine Waffe besitzt, sondern auch, weshalb. „Selbstverteidigung“ dürfte ein prominent vertretenes Motiv sein. Gedeckt ist sie durch den Notwehr-Paragrafen (§ 3 Strafgesetzbuch). Er erlaubt viel, um sich und auch sein Vermögen zu schützen.

„Falsches Heldentum“

Das Prinzip dahinter ist einfach: Der Staat verbietet es im Allgemeinen, jemandem zu schaden, außer, man befindet sich in einer Notlage. Doch selbst die Polizei rät davon ab, alles Mögliche auszuschöpfen. Ein allgemeiner Erklärungsversuch aus dem Innenministerium: „Ohne jemandem das Recht auf Notwehr absprechen zu wollen, warnen wir vor falsch verstandenem Heldentum“, sagt Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck. Es sei jedenfalls günstiger, auf Vermögen zu verzichten, als sich in Gefahr zu bringen.

Georg Zakrajsek vom IWÖ würde den Ratschlag nicht beherzigen: „Wenn jemand mit dem Messer auf mich zukommt, dann schieße ich. Ist ja berechtigt.“

Wie es einem erging, der die Linie zur Notwehr überschritten hat, weiß Rechtsanwalt Werner Tomanek. Sein Mandant, ein Trafikant, feuerte mit einem Schrotgewehr auf den Täter und wurde deshalb zu einer bedingten Haftstrafe wegen Körperverletzung verurteilt. Tomanek sagt: „Je mehr Räuber es gibt, umso öfter wird das vorkommen.“

Ein einfacher Befund, den auch Blogger Andreas Unterberger teilt. Es klingt so, als ob jemand, der auf die schiefe Bahn gekommen ist, automatisch sein Recht auf Leben verwirkt hat.

Albert Steinhauser hält solche vereinfachten Darstellungen für problematisch. „Man sollte gut aufpassen, dass kein Klima entsteht, in dem solche Fälle als normal angesehen werden.“

Würstelverkäufer schoss mit „Wild-West“-Pistole auf Dieb

Ich habe um mein Leben gefürchtet“, behauptet jener Würstelbudenbesitzer, der in der Nacht auf Freitag in Iselsberg einem 20-Jährigen in den Oberarm geschossen hat. Der junge Kärntner soll versucht haben, das Moped des 50-Jährigen zu stehlen. „Ich habe zuerst einen Warnschuss abgegeben. Dann ist er in meine Richtung gelaufen“, erzählt der Schütze dem KURIER seine Version. „Den zweiten Schuss habe ich nicht gezielt abgegeben. Ich weiß nicht, ob er sich gelöst hat, weil ich nervös war.“ Das Schussopfer wurde von der Polizei noch nicht befragt.

Bei der Waffe handelt es sich um eine Kleinkaliberpistole vom Typ Derringer 6 mm. „Die ist nur handtellergroß. Man kennt so etwas aus dem Wilden Westen“, sagt Walter Wilhelmer von der Polizei.

Der Schütze besitzt zwar einen Waffenschein, die Pistole war aber nicht gemeldet. Der Angeschossene konnte gestern das Krankenhaus verlassen, nachdem ihm das Projektil operativ entfernt worden war.

Würden Sie auf einen Verbrecher schießen?

Paul König, Wien: „Nein, das geht eindeutig zu weit. Im Prinzip fühle ich mich relativ sicher, und wenn ich keine Waffe besitze, dann komme ich auch nicht in Versuchung, auf jemanden zu schießen. Ich habe kein Verständnis für Selbstjustiz.“

Angelika D., Wien: „Ja, ich denke, es ist normal, dass man sich schützen will. Ich besitze selber zwar keine Waffe, aber ich habe einen Rottweiler zu Hause und fühle mich deshalb relativ sicher. Ich war früher als Taxilenkerin tätig und hatte immer einen Pfefferspray dabei.“

Georg Bauernfeind, Wien: „Nein, weil ich prinzipiell gegen die Bewaffnung der Gesellschaft bin. Im Endeffekt führt das zu noch mehr Gewalt. Es hat zwar jeder das Recht auf Selbstverteidigung, aber ich möchte nicht aus Angst im Alltag eine Waffe bei mir tragen.“