Juwelier, Überfall, Mariahilfer Straße, Rudolfsheim-Fünfhaus, Polizei

© APA/HELMUT FOHRINGER

Wien
07/05/2013

Wien-Fünfhaus: Räuber von Juwelier erschossen

Geschäftsinhaber zog Pistole - Projektil traf Litauer offenbar von hinten: Notwehr oder Selbstjustiz?

von Dominik Schreiber, Anna-Maria Bauer

Der Juwelenräuber lief nur noch wenige Schritte aus dem Geschäft. Dann brach er leblos zusammen. Passanten und später auch Polizisten sowie zwei Rettungsärzte kämpften um sein Leben. Doch jede Hilfe kam zu spät. Um 12 Uhr mittags – exakt zu High Noon – wurde der vermutlich 43-jährige Litauer offiziell für tot erklärt. Am Samstag bestätigte die Polizei, dass auch ein möglicher Komplize festgenommen werden sei.

Zuvor hatte es am Freitag dramatische Momente bei „K. Uhren“ in der (äußeren) Mariahilfer Straße 215 gegeben. „Drei Männer mit Sonnenbrillen stürmten in das Geschäft, einer von ihnen war bewaffnet“, berichtete Polizeisprecherin Michaela Rossmann. Das Trio bedrohte den Juwelier und dessen Ehefrau Verena mit einer Pistole. Als der Litauer mit der Schusswaffe über das Pult in dem Geschäft sprang, dürfte der Juwelier Günter K. zu seiner Pistole gegriffen und mehrfach auf den Räuber geschossen haben. Ein Projektil traf ihn offenbar von hinten im Nackenbereich und blieb in seinem Kopf stecken. Daraufhin ergriffen die Männer ohne Beute die Flucht.

Zwei Räuber entkamen zunächst

Auf der Mariahilfer Straße, rund 30 Meter von dem Geschäft entfernt, brach der Balte zusammen. Seine beiden Komplizen ergriffen die Flucht - einer der mutmaßlichen Helfer konnte bereits geschnappt werden. Der Verdächtige, zu dessen Identität vorerst keine Angaben vorlagen, soll zugegeben haben, sich zum Tatzeitraum in der Nähe des Tatorts in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus aufgehalten zu haben. Ob es sich tatsächlich um einen der drei Räuber handelt, die maskiert und zumindest teilweise bewaffnet in das Geschäft gestürmt waren und den 43-jährigen Inhaber dazu veranlasst hatten, selbst zur Waffe zu greifen, soll sich bei seiner weiteren Befragung im Verlauf des heutigen Tages klären.

Da es keine Täterbeschreibung gibt, bittet die Kripo um Hinweise unter 313 10-33 800. Ex-Sanitäter Rudolf Müllner, 61, kam wenige Augenblicke später zum Tatort: „Ich wollte Erste Hilfe leisten, aber ich sah, das bringt nichts mehr. Außerdem waren schon andere Passanten mit der Herz-Massage beschäftigt“, schildert er.

Noch während die Tatortgruppe in einem eilends aufgestellten Zelt die Leiche untersuchte, wurde der Juwelier befragt. Laut Polizeiangaben besaß er seine Waffe legal. Die Polizei prüft derzeit, ob es sich um Notwehr handelt. Diese ist laut Gesetz erlaubt, wenn es sich um einen ... unmittelbar drohenden ... Angriff auf Leben, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Freiheit oder Vermögen von sich oder einem anderen handelt. Ansonsten kann es sich um Notwehrüberschreitung handeln.

In vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit kam es meist erst gar nicht zu Prozessen, in Österreich ist die Staatsanwaltschaft in diesen Fällen meist auf Seiten der Schützen gewesen. So hatte im Jänner 2010 ein 63-jährige Trafikant in der Vorgartenstraße (Wien-Leopoldstadt) einen Räuber erschossen, als dieser in die Geldlade griff. Im Juli 2004 hatte ein ebenfalls 63-jähriger Geschäftsmann einen mutmaßlichen Einbrecher mit einer Pistole durch die geschlossenen Rollbalken hindurch erschossen. Ein Pole brach tödlich getroffen zusammen. In beiden Fällen wurde Notwehr angenommen, und es gab keinen Prozess. Zur Waffe griff Anfang Juni auch ein Taxifahrer, als ihn ein junger Fahrgast von hinten am Hals gepackt hatte und mit einem Messer bedrohte, Der Fahrer zog laut Polizeiangaben eine Pistole aus dem Seitenfach des Wagens und gab rückwärts einen Schuss ab.

Neunter Juwelierraub

Oberstleutnant Robert Klug, er ist Raubreferent bei der Wiener Polizei, befürchtet, dass die Zahl der Juwelierüberfälle auch heuer wieder zunimmt. Der versuchte Raub am Freitag mit tödlichem Ausgang war bereits der neunte heuer, im Vorjahr waren es 13 Coups gewesen.

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Nicht der erste Todesschuss

Zuletzt hatte es im Jänner 2010 einen vergleichbaren Vorfall gegeben. Damals kam ein Mann mit einer Pistole in der Hand kurz vor Ladenschluss in eine Trafik in Wien-Leopoldstadt. Er forderte Geld. Trafikant Werner B., 63, sah die Waffe, drehte sich zur Seite als wolle er die Geldlade öffnen, packte seinen griffbereit liegenden Revolver und schoss. Auf kurze Distanz in den Oberkörper getroffen, taumelte der Unbekannte zurück, stolperte zur Tür hinaus und überquerte noch die Vorgartenstraße, ehe er zusammenbrach. Als der Notarzt eintraf, atmete der Räuber nicht mehr. Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg.

Geschossen wurde auch bei einem Überfall im Februar 2009. Damals hatten zwei Räuber einen Juwelier in Wien-Fünfhaus zu Boden geworfen und überwältigt – als das Opfer seine Gaspistole zog und zwei Mal in die Luft feuerte. Die zwei Täter ergriffen die Flucht.

Im Juli 2004 versuchten drei Blitzeinbrecher in der Meidlinger Hauptstraße ihr Glück. Geschäftsmann Erich E., 63, schoss daraufhin mit seiner Beretta durch die Rollbalken. Einer der Täter – ein Pole – erlitt dabei einen Kopfschuss und brach auf der Straße zusammen. Anklage gegen den Juwelier gab es keine, die Staatsanwaltschaft ging von Notwehr aus.

Zur Waffe griff Anfang Juni 2013 auch ein Taxifahrer, als ihn einer junger Fahrgast von hinten am Hals packte und mit einem Messer bedrohte, Der Fahrer zog laut Polizeiangaben eine Pistole aus dem Seitenfach des Wagens und gab rückwärts einen Schuss ab. Der Angreifer brach nach kurzer Flucht tot zusammen.

Glimpflicher verlief ein Zwischenfall im Jänner 2013, als ein Juwelier ebenfalls in der äußeren Mariahilfer Straße von einem bewaffneten Jugendlichen ausgeraubt wurde. Der Juwelier setzte sich aber zur Wehr, schindete Zeit, trödelte bei jeder Bewegung, und nahm dem Räuber die Waffe ab. Kurz darauf lagen sich die beiden in den Haaren. Im Gerangel löste sich ein Schuss aus der Waffe. Danach verfolgte der Händler den Täter auf der Einkaufsstraße und feuerte zwei Mal auf den Flüchtenden, der ohne Beute in der Haidmanngasse verschwand. Da es sich um eine Gaspistole handelte, konnte niemand ernsthaft verletzt werden. Der Täter war laut Zeugen „noch keine 18“ Jahre alt gewesen.

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