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Strahlenmedizin
04/09/2014

Krisengipfel zur Krebstherapie

Experten wollen unzumutbare Wartezeiten für Patienten endlich beseitigen.

von Josef Gebhard, Ernst Mauritz

Die Alarmrufe österreichischer Strahlenmediziner wegen überlanger Wartezeiten auf eine Strahlentherapie in Ostösterreich haben jetzt zumindest eine konkrete Folge: Ende April soll ein "Krisengipfel" mit Vertretern von Bund, Ländern und Patientenanwälten stattfinden. Dabei soll geklärt werden, wie die aktuell bestehenden Versorgungsengpässe behoben werden können.

"Es gibt in Ostösterreich Fälle etwa von Brustkrebspatientinnen, die 50 Tage lang auf eine Bestrahlung warten müssen", sagt der Strahlenmediziner Robert Hawliczek, Bundesobmann der Radioonkologen (Strahlenmediziner) in der Ärztekammer. "Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Da ist die Zeit vom Krebsverdacht bis zum ersten Kontakt mit der Strahlenmedizin noch gar nicht eingerechnet."

Offener Brief

Ganz neu ist das Problem allerdings nicht: Schon vor einem halben Jahr hatten Niederösterreichs Patientenanwalt Gerald Bachinger und seine Kollegen aus Wien und dem Burgenland in einem offenen Brief vor den Versorgungsengpässen in der Strahlentherapie gewarnt. "Konkrete Schritte gab es seitdem aber keine", sagt der Patientenanwalt.

Einmal mehr fordert Bachinger daher im Sinne der Patienten rasches Handeln, um unzumutbare Wartezeiten zu beseitigen. "Es handelt sich ja nicht nur um ein rein medizinisches Problem: Manchmal ist ja eine sofortige Therapie nicht zwingend erforderlich. Dennoch ist es für die Patienten psychisch enorm belastend, wenn vom Erstkontakt bis zur ersten Behandlung vier bis fünf Wochen vergehen, in denen nichts passiert."

43 Strahlentherapiegeräte sind derzeit in Österreich im Einsatz – nimmt man die "Planungsrichtwerte" im Österreichischen Strukturplan Gesundheit als Grundlage (ein Gerät pro 100.000 bis 140.000 Einwohner), müssten es 60 bis 85 Geräte sein. Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) sieht "Handlungsbedarf" bei den Bundesländern – diese weisen die Kritik postwendend zurück und sehen alle politischen Vorgaben erfüllt.

Vorlaufzeiten

"Im Grunde ist es egal, wer für das Problem zuständig ist, es darf nur nicht auf die Patienten abgewälzt werden", betont Patientenanwalt Bachinger. Angesichts der großen Vorlaufzeiten (etwa für die Ausbildung des nötigen Fachpersonals), die ein Ausbau der Strahlentherapie erfordere, müsse möglichst rasch etwas geschehen.

Unterstützung für die Strahlenmediziner kommt aber jetzt auch von der Österreichischen Krebshilfe: "Wenn es vonseiten der Politik immer heißt, dass jeder in Österreich – unabhängig von seinem Einkommen und seiner sozialen Stellung – die beste Therapie bekommen sollte, dann sehe ich dies angesichts der Engpässe bei den Geräten und auch beim Personal gefährdet", sagt Krebshilfe-Präsident Univ.-Prof. Paul Sevelda. "In Fachkreisen ist unumstritten, dass die Anzahl der Geräte in Österreich – umgerechnet auf die Bevölkerungszahl – nicht den internationalen Standards entspricht."

Das sei aber nicht das einzige Problem: "Wir sind schon jetzt damit konfrontiert, dass die guten Mediziner ins Ausland gehen. "

Österreich hatte bisher einen Spitzenplatz in der Krebstherapie "auch deshalb, weil neue Therapien immer sehr rasch verfügbar waren – dieser Spitzenplatz kann sehr schnell weg sein."

Angst vor weiteren Dienstrad-Streichungen.

Einmal mehr steigen die Ärzte des von Sparzwängen geplagten Wiener AKH auf die Barrikaden. Sie treffen sich Donnerstagfrüh zu einer Betriebsversammlung. Anlass ist die Streichung von elf Journaldienst-Rädern mit Beginn 2014 (der KURIER berichtete). Einige Abteilungen wie etwa die Gynäkologie haben deshalb ihre Versorgung bereits zurückgefahren.

Trotz der massiven Proteste der Ärzte gebe es seitens des Rektorats keinerlei Entgegenkommen, kritisiert Thomas Perkmann, Betriebsrat des wissenschaftlichen Personals an der MedUni. "Es wurde nicht einmal – wie vereinbart – evaluiert, wie sich die Einsparungen in der alltäglichen Praxis ausgewirkt haben.

Mehr noch: Laut einem Papier, das im AKH zirkuliert, könnte schon die nächste Sparwelle drohen. Demnach sollen zehn weitere Diensträder abgebaut werden. Betroffen wäre laut Papier etwa die Klinik für Anästhesie, die zwei Journaldienste verlieren würde. "Zwar wird das heftig dementiert. Doch wir sind bereits gebrannte Kinder", sagt Perkmann. Schließlich habe man auch die jüngste Streichung von Diensträdern durchgeboxt ohne die Mitarbeiter vorab einzubinden.

Weiteres Thema der Betriebsversammlung ist die EU-Arbeitszeitrichtlinie. Wie berichtet, arbeiten Österreichs Spitalsärzte viel zu lange. Der Republik droht daher eine Klage der EU. Das Dilemma: Um die Auflagen zu erfüllen, bräuchte es in den Spitälern wie dem AKH viel mehr Personal.

Polit-Debatte auf Kosten der Patienten

Im Extremfall 40 oder 50 Tage auf einen Bestrahlungstermin warten zu müssen: Das ist für einen Menschen, der an Krebs erkrankt ist, eine unfassbare – und nur schwer verkraftbare – Situation. Doch in Ostösterreich ist das vielfach Realität.

Es sind Spitzenmediziner mit Weltruf, die diese Missstände aufzeigen – zum Beispiel der Chef der Uni-Klinik für Strahlentherapie der MedUni Wien, Richard Pötter. Anfang der Woche erhielt er die höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Strahlenmedizin in Europa – für verbesserte, weniger belastende Therapien für Krebspatienten.

Doch was nützen solche Fortschritte, wenn Patienten wochenlang darauf warten müssen – und dann womöglich gar nicht die beste (zeitaufwendigere) Therapie bekommen können, weil einfach die Kapazitäten an Person und Geräten fehlen?

In Fachkreisen ist unumstritten, dass in Österreich Nachholbedarf an Strahlentherapiegeräten herrscht – eine europäische Vergleichsstudie, erschienen im renommierten Fachjournal The Lancet, hat das "amtlich" bestätigt. Österreich wird darin in einem Atemzug mit den meisten Staaten Ost- und Südosteuropas als "mangelhaft ausgerüstet" genannt.

Umso unverständlicher ist, dass sich Bund und Länder gegenseitig die Schuld zuschieben, wer dafür verantwortlich ist. Und dies nicht erst seit dieser Woche. Die Strahlenmediziner warnen seit Langem. Sie wollen, dass ihre Patienten die besten Chancen auf Heilung haben. Und dass auch ihre jungen Kollegen noch Zeit und Mittel haben, diese Chancen durch die Entwicklung wirksamerer und schonenderer Therapien weiter zu verbessern. In Österreich, nicht im Ausland.

ernst.mauritz@kurier.at

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