Jenny ist eine der wenigen, die so einen Sturz überleben.

© Ella Ramakic

Chronik Österreich
08/08/2019

K.O.-Tropfen: Als eine junge Frau vier Stockwerke in die Tiefe stürzte

Jenny hat ein katastrophales Erlebnis hinter sich. Wie durch ein Wunder überlebt sie. Koma und 14 Operationen liegen hinter ihr. Doch der Kampf ist nicht vorbei.

von Yvonne Widler

Es waren 21,5 Meter, die sie aus dem Fenster ihrer Wohnung in die Tiefe gestürzt ist. An die zwei Sekunden freien Fall, den Aufprall am Boden und daran, was unmittelbar danach in dieser kalten Februarnacht passiert ist, kann sie sich nicht mehr erinnern. Auch die Stunden davor sind verschwunden, denn Jenny wurde allem Anschein nach Opfer von K.O.-Tropfen, die ihr in einem Getränk verabreicht wurden.

Dass Jenny noch lebt, ist ein Wunder. Das sagt der Arzt genau mit diesen Worten. Die 29-Jährige heißt eigentlich anders, hat aber darum gebeten, in der Zeitung „Jenny“ zu schreiben – es sei ohnehin nur eine leichte Abwandlung ihres Namens und „einfach nur Jenny, das klingt doch schön“, sagt sie und lächelt. 

Ob es ihr schwerfällt, über den 9. Februar 2019 zu reden? „Ich habe diese Ereignisse schon öfter reflektiert, das macht es sicher etwas einfacher“, sie streicht sich die langen, rotbraunen Haare hinter die Ohren. Goldene Creolen blitzen hervor.

Sie blickt hinab auf ihr bodenlanges, geblümtes Kleid, das ihre Beine und Füße verdeckt, holt einmal tief Luft und beginnt ihre Geschichte zu erzählen.

Die Geschichte von dem Abend, der ihr Leben für immer verändert hat. 

Kann sie so stark betrunken sein?

Jenny, ihre Mutter, ihre Schwester und eine Freundin wollten an diesem Abend feiern gehen. Die Prüfungen an der Uni hatte sie so gut wie geschafft. Feierlaune. Dass sie schließlich in diesem Club in der Nähe des Gürtels gelandet sind, nennt sie heute „Schicksal“. Ursprünglich wollten sie ein Konzert besuchen, das wurde aber kurzfristig abgesagt. Ein danach angesteuertes Lokal hatte geschlossen, also entschied sich die Frauenrunde für diese Location. Jenny war schon einige Male zuvor hier.

Sie nehmen an einem der Tische Platz, die Musik ist laut, die Stimmung gut. Das Lokal ist stark besucht an diesem Abend. Gemeinsam teilen sie sich eine Flasche Wein, danach holen Jenny und ihre Schwester Wodka Red Bull von der Bar. Am Nebentisch sitzen drei Männer. Ab und zu werfen sie flirtende Blicke herüber. Jenny holt etwas später eine Packung Zigaretten von dem Automaten, der sich im Lokal befindet. Ein Kellner lädt sie im Zuge dessen auf einen Shot ein. Sie bedankt sich.

Während sie auf das Getränk wartet, steht sie an der Bar. Ein alter Bekannter kommt auf sie zu. Sie unterhalten sich allerdings nur kurz, danach nimmt Jenny den Shot vom Kellner und kehrt damit zurück zum Tisch. Sie prostet ihrer Schwester zu und kippt das Stamperl hinunter.

Es muss fast zeitgleich gewesen sein, als die Männer vom Nebentisch ebenso Getränke für die Frauenrunde spendieren. „Von da an habe ich kaum noch Erinnerungen. Mama sagt, ich habe total überdreht getanzt. Sie war ganz verwundert, weil das sehr untypisch für mich ist. Ich sei dabei ziemlich wild geworden und hätte anderen gezeigt, wie sie sich bewegen sollen“, sagt Jenny und wird etwas rot im Gesicht. 

Die Situation eskaliert

Die Mutter beobachtet ihre so befremdlich enthemmte Tochter. Kann sie so schnell dermaßen stark betrunken sein? So hat sie Jenny noch nie erlebt. Die Mutter sieht, wie der alte Bekannte, mit dem sich Jenny auch schon vorhin an der Bar kurz unterhalten hatte, erneut auf sie zukommt. Er nimmt ihren Arm, streicht seltsam über die mit der Handfläche nach oben gedrehte Hand.

Die Polizei wird später zu Jenny sagen, das könnte ein Indiz dafür sein, dass er Jennys Puls messen wollte. Der junge Mann verschwindet wieder von der Tanzfläche, weil Jenny ihn abblitzen lässt.

Kurz darauf mahnt die Mutter, sie solle lieber keinen Shot mehr trinken. Die Situation eskaliert. Jenny wird aggressiv, schmeißt die Getränke vom Tisch und brüllt ihre Mutter vorwurfsvoll an. Sie läuft wütend aus dem Lokal und will in ein Taxi einsteigen.

Ihre Mutter hält sie fest und versucht, sie zu beruhigen, doch Jenny stößt sie ruckartig weg und sagt dem Taxifahrer, er soll sofort losfahren, sie kenne diese Frau nicht. Der Mann tut, was Jenny möchte.

Jenny springt auf und will in die Küche

Die schockierte Mutter bleibt ratlos zurück. Die Schwester kontaktiert hilflos den Bruder und erzählt ihm, was gerade passiert ist. Er ruft Jenny sofort an, immer und immer wieder. Bis sie abhebt. Sie ist kaum imstande, ein Gespräch zu führen und reicht das Handy an den Taxifahrer weiter. Der Bruder sagt ihm, wo er Jenny hinbringen soll. Nach Hause. In ihre Wohnung.

Gegen 2.30 Uhr früh treffen Jenny und ihre Geschwister zeitgleich dort ein. Verwirrt und besorgt beobachten sie ihre völlig außer Rand und Band geratene Schwester, die mit Gegenständen um sich wirft. So war Jenny noch nie. Jeder Versuch, sie zu beruhigen, scheitert. Doch nach einer Weile hört sie auf. Sie wird leise, wirkt müde.

„Ich erinnere mich daran, dass mir jemand Wasser brachte. Doch ich wollte das Wasser selbst holen.“ Aufgrund dieser Gedanken springt Jenny auf und läuft durch die Küchentüre. Doch die vermeintliche Küchentüre ist das weit offenstehende Fenster, durch das Jenny 21,5 Meter in die Tiefe stürzt.

Die Kombination mit Alkohol kann tödlich sein

Die Medienberichte zu Opfern von K.O.-Stoffen haben in den letzten Jahren weltweit bedeutend zugenommen. In den meisten Fällen handelt es sich um Sexualdelikte an Frauen. Vergewaltigungen.

Verschiedene nationale Stellen initiierten Informationskampagnen zur Prävention und zur Hilfestellung für Betroffene. 2014 erfolgte eine Entschließung vom Nationalrat, bei der unter anderem eine Verstärkung der Präventionsarbeit speziell in Schulen angeregt wurde. Auch aktuell werden stetig entsprechende Workshops von der Polizei angeboten.

Die wenigsten der Opfer erstatten Anzeige. Scham, Erinnerungslücken, Angst, Schock. Und das Wissen, wie chancenlos es ist, die Täter zu finden. Bei einer Beeinflussung des Erinnerungsvermögens kann das Opfer relevante Abläufe nicht adäquat rekonstruieren. Es handelt sich um einen der heimtückischsten Angriffe überhaupt. 

In der Hoffnung, dass das Erlebte wieder zurückkehrt oder aus Furcht, keine genauen Angaben machen zu können, warten die Frauen mit einer Anzeige oder sie verzichten eben sogar darauf.

Dr. Wolfgang Bicker, Leiter des Forensisch-Toxikologischen Instituts (FTC) in Wien, beschäftigt sich täglich mit dem Thema. Er betont, dass es schon lange nicht mehr „die speziellen“ K.O.-Tropfen gibt. „Weit mehr als 100 Substanzen verfügen zumindest ansatzweise über Eigenschaften, die sich ein Täter für den Missbrauch als K.O.-Mittel zu Nutze machen kann.“ 

Enthemmung, Aggressivität, Halluzinationen

Neben dem klassischen Trinkalkohol, also Ethanol, der in großen Mengen auch betäubend wirken kann, ist GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) die bekannteste betäubende Substanz. Vor etwa 20 Jahren fand GHB Einzug in den Bereich der Missbrauch-Drogen und wird auch als Liquid Ecstasy bezeichnet. GHB wirkt in kleineren Dosen mild euphorisierend, sozial öffnend und sexuell stimulierend.

Der Drogen-Schwarzmarkt hat daraufhin schnell entdeckt, dass sich diese Chemikalie relativ einfach aus dem Lösungsmittel Gamma-Butyrolacton (GBL) synthetisieren lässt. Man kennt die Substanz aus dem KFZ-Bereich, etwa Felgenreiniger. Da es sich bei diesen Stoffen um wichtige Industriechemikalien handelt, sei eine gesetzliche Kontrolle kaum möglich.

Doch auch Psychopharmaka, die die Täter selbst verschrieben bekommen haben, schwere Herzmittel, Schlafmittel oder Benzodiazepine werden als K.O.-Mittel verwendet. Diese Mittel sind in Kombination mit Alkohol, was oft der Fall ist, in zu hoher Dosierung sogar lebensgefährlich.

Was all diese Stoffe gemeinsam haben, ist die extrem enthemmende Wirkung und der anschließende Filmriss. Sie alle wirken auf das Zentralnervensystem und schränken die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit massiv ein: Enthemmung, Schwindel, starke Verhaltensänderung, Benommenheit, Übelkeit, vermeintlich übertrieben gute Laune, Aggressivität – bis hin zu Halluzinationen.

Der Nachweis ist schwierig

78 mg/L – so viel GHB hatte Jenny um 7.30 Uhr am nächsten Morgen im Blut. Nach Auskunft von Laborleiter Dr. Bicker sagt dieser Wert allerdings nichts darüber aus, ob Jenny die Droge verabreicht wurde oder nicht, da er sich bereits im unauffälligen Bereich befinde.

Das große Problem: Das Mittel wird vom Körper extrem schnell abgebaut. Betrachtet man also rein den Zahlenwert, dann sei die Verabreichung in diesem Fall möglich, oder auch nicht.

Ein Blick auf Jennys Verhaltensweisen allerdings, die von etlichen Zeugen bestätigt wurden, verrät vermutlich mehr. In Kombination mit Alkohol könne es nach Bicker sicherlich zu den Zuständen führen, die Jenny erlebt hat. „In Kombination mit Alkohol ist das alles vorstellbar“, sagt der Laborleiter. 

Es sei daher enorm wichtig, innerhalb der ersten zwölf Stunden einen Urintest zu machen, so Bicker weiter. Darin könnte man GHB-Verabreichung besser und länger nachweisen als im Bluttest. Da Jenny allerdings sofort nach dem Sturz ins Koma gefallen ist und die Ärzte sich zuerst um ihre lebensgefährlichen inneren Verletzungen kümmerten, wurde kein Urinbefund gemacht.

Jennys Symptome in Kombination mit Alkohol decken sich jedoch exakt mit jenen, die zahlreiche Opfer auf der ganzen Welt und internationale sowie heimische Präventions- und Beratungsstellen berichten. 

Die schlimmsten Wochen

Jenny lag vier Tage im Koma und zwei Wochen im künstlichen Tiefschlaf. Wegen der Schmerzen durfte sie nicht aufwachen, die wären nicht zu ertragen gewesen. Jenny sagt, während sie im Koma lag, da wusste sie, dass sie im Koma lag. 

„Ich war zwar in einer anderen Welt, habe aber teilweise mitbekommen, was außerhalb geredet wurde und habe diese Dinge mit anderen Gedanken vermischt.“

Es sei keine schöne Welt gewesen, in der Jenny drei Wochen lang gefangen war.

„Im Koma hatte ich ständig das Bild im Kopf, in dem ich Wasser holen will, aber keinen Boden unter den Füßen habe. Ich wusste, dass mir jemand Drogen gegeben hat, ich habe das alles mitbekommen, was im Spital rund um mein Bett gesprochen wurde. Ich wollte raus aus dieser Welt und aufgeweckt werden, ich hatte im Koma nämlich ganz grausame Begegnungen. Ich war in einer Welt, in der ich mit zwei Männern aus dem Fenster gesprungen bin, die sind beide gestorben und jemand wollte dafür Rache an meiner Familie üben und sie töten.“

Für Außenstehende möge das nun seltsam klingen, aber als Jenny in ihrer neuen Realität aufwachte, war sie erleichtert. Die Familie ist am Leben. Diese Welt ist zumindest besser als die Koma-Welt. 

Die kommenden Wochen sollten die schlimmsten in Jennys bisherigen Leben werden. Unvorstellbare Schmerzen und stundenlange Weinkrämpfe begleiten sie. Zuerst durfte sie sich nicht bewegen, nur liegen.

Ein Leben zwischen Bettpfannen, Urinbeuteln, Schläuchen und weißen Kitteln. Heute versucht sie diese Zeit mit Humor zu betrachten. „Schau mich an, ich bin ohnehin so ein Beauty-Fanatikerin, das war die Hölle für mich“, sie lächelt und kramt in ihrer Tasche einen kleinen Spiegel hervor, um Make-Up und Lippenstift zu kontrollieren. 

Die Zeit nach dem Aufwachen

Jenny liegt im Spitalbett und starrt an die Decke. Am rechten Fuß ein offener Bruch - über einen Monat lang kann die Wunde nicht geschlossen werden. Regelmäßig wird sie gewaschen und penibel ausgereinigt.

Die Brüche im linken Fuß waren noch schlimmer. Ein externer Fixateur wurde an den Knochen angeschraubt, damit die Frakturen komplett ruhiggestellt werden. Solche Vorrichtungen werden bei besonders komplizierten Brüchen, wie etwa Trümmerbrüchen oder bei Patienten mit Polytraumata, verwendet. 

Ein gebrochener Unterkiefer, ein gebrochenes Schlüsselbein und sieben gebrochene Rippen erlitt sie ebenso. Lebensbedrohlich waren Jennys innere Verletzungen. Durch den Sturz ist die Leber zerrissen, Hämatome an der Lunge und der Niere haben sich gebildet, die Lunge war mit Wasser gefüllt, zahlreiche innere Blutungen.

„Sechs Wochen lang hatte ich eine Schmerzpumpe im Rücken. Ich war generell sehr stark betäubt.“

Jenny wurde Haut vom Oberschenkel genommen, um damit den offenen Bruch zu schließen. An drei Stellen wurde ihr Haut verpflanzt. Sie wurde vorerst mit Klammern und Schwämmen am rechten Bein fixiert.

„Das waren die schlimmsten Schmerzen. Als sie mir diese Schwämme von der Transplantation entnommen haben. Sie steckten so tief im Bein, dass die Pflegekräfte mit der Zange bis ins Fleisch vordringen mussten, um sie herauszuholen. Das war wie eine Folter. Das wünsche ich wirklich niemandem.“

14 Operationen, um ihr Leben zu retten

Insgesamt wurde die junge Frau 14 Mal operiert und verbrachte 3,5 Monate im Krankenhaus. Die behandelnden Ärzte und Ärztinnen hatten zuerst ein Jahr Aufenthalt prognostiziert. Ohne die Garantie, dass sie jemals wieder gehen könnte. Jennys Genese ist fast einzigartig.

„Irgendwann in dieser furchtbaren Zeit habe ich meine Einstellung geändert, das klingt jetzt total esoterisch, aber das hat mir sehr geholfen. Ich habe im Krankenbett viel meditiert und mich ausschließlich auf positive Gedanken fokussiert.“ Dass es tatsächlich ein Wunder ist, dass sie noch lebt, sei einer dieser Gedanken gewesen.

Wenn Menschen aus dieser Höhe stürzen, landen sie selten auf den Füßen. Und noch dazu landete Jenny nicht auf dem harten Beton, sondern auf einem Stück Rasen, das allerdings nicht direkt unter dem Fenster lag, sondern weiter weg.

Diese weiche Beschaffenheit der Aufprallstelle hat das Schlimmste verhindert. Das spricht dafür, dass sie tatsächlich „in die Küche gelaufen ist“. Vermutlich ist sie mit etwas Anlauf zum Fenster hin in dieser Nacht. „Es war auch ein riesiges Glück, dass jemand bei mir war. Mich hätte vielleicht sonst lange niemand am Boden liegend gefunden mitten in der Nacht im Dunklen.“

Doch es gibt noch einen weiteren Gedanken, der Jenny Mut gemacht und sie angetrieben hat, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. „Nein, die werden mich nicht fertigmachen. Frauen sollen wissen, ein Mann hat nicht das Recht, mir mein Glück zu nehmen. Ich bin glücklich, ich werde glücklich sein.“ Jeden Tag, bis heute, verinnerlicht sie diese Worte ein Stück weit mehr.  

Wird sie je herausfinden, was passiert ist?

Denn der Kampf, wieder gesund zu werden, ist nicht der einzige Kampf, den Jenny zu bewältigen hat. Ihr geht es wie den vielen anderen Frauen, die keine „Gerechtigkeit“ erfahren. Denn die Täter zu finden, ist schwierig.

Es war eine gute Freundin von Jenny, die den Club schließlich via Social Media mit dem Vorfall konfrontierte und der Belegschaft vorwarf, sich nicht einmal entschuldigt zu haben oder gar bei der Aufklärung mitzuhelfen. Dann wurde es hässlich. Sie betreibe Rufschädigung.

Es folgten Dementierung, derbe Beschimpfungen und Drohungen in Richtung der Freundin. Treue Gäste kommentierten, dass Jenny schließlich nicht von dem Club aus dem Fenster gestoßen wurde und sie solle aufhören mit der Hetzjagd.

Andere machten geschmacklose Witze über die Vergewaltigungsdroge. Ein User postete etwa, dass jede, der in dem Lokal ein mit GHB versetzter  Drink verabreicht wird, als Belohnung gratis Shots bekommt. Dem KURIER liegen Screenshots all dieser und noch weiterer Postings vor. Nach einer Weile reagierte der Club auf Social Media. 

 

Dem KURIER liegen zudem Nachrichten vor, die zeigen, dass sich andere betroffene Frauen bei Jenny gemeldet haben. Auch sie sollen in dieser Lokalität Opfer von K.O.-Tropfen geworden sein.

Der Manager des Lokals sagt nun in einem Telefonat, dass er nie geleugnet habe, dass dieser Zwischenfall passiert sei, das hätten er und seine Belegschaft nie dementiert. Die Polizei habe bereits am nächsten Tag bei ihnen aufgeschlagen und sie hätten sich äußerst kooperativ verhalten.

“Der Shitstorm, der uns erreicht hat, weil der Vorfall über Social Media verbreitet wurde, war enorm und für uns sehr heftig”, so der Lokalchef, der anonym bleiben möchte. Er betont aber, dass für ihn immer noch nicht hundertprozentig geklärt sei, dass die Verabreichung der Drogen tatsächlich in seinem Lokal stattgefunden habe, räumt dann aber ein, dass er eigentlich gar nicht wisse, was Jenny vor und nachher genau gemacht habe.

Jedenfalls aber habe man versucht bei der Aufklärung mitzuhelfen und auch Club-intern sei der Vorfall etliche Male diskutiert worden. “Wir beobachten unsere Gäste jetzt genauer, weil ganz ehrlich, niemand will, dass so etwas im eigenen Lokal passiert.”

Für Jenny und ihr weites Umfeld gibt es keinen Zweifel daran, wo die Verabreichung der Droge stattgefunden hat. Dennoch wird, so wie es derzeit aussieht, der mutmaßlich Schuldige davon kommen.

“Es ist so eine heimtückische und niederträchtige Attacke”, sagt Jenny und blickt auf ihre Krücken.

Die Ermittlungen laufen

Ein Kriminalbeamter besuchte Jenny, nachdem sie wieder ansprechbar war, im Spital. "Das Opfer wurde zum Sachverhalt zunächst befragt. Es wurde dem Opfer mitgeteilt, dass sich in diesem Falle die Ermittlungen und die Beweisführung bei K.O.-Tropfen schwierig gestalten könnten, jedoch wird alles zur Aufklärung  versucht", so die Polizei auf KURIER-Anfrage. 

Das Lokal sei zudem unmittelbar nach dem Vorfall umgebaut und auch die Videoanlage getauscht worden, weshalb keine Videoaufnahmen mehr vorhanden waren und sichergestellt werden konnten.

"Es wurde ein Screenshot von drei Personen übermittelt, die bis dato noch nicht namentlich ausgeforscht werden konnten. Grundsätzlich gibt es natürlich keine rechtliche Verpflichtung für Lokale oder andere private Orte, Videoaufnahmen überhaupt anzufertigen oder zu speichern", heißt es von Seiten der Polizei weiter.

Ein Toxikologischer Befund und der Tatort seien für Ermittlungen hilfreich, aber alleine aufgrund der in Österreich geltenden Gesetze nicht ausreichend, um eine Person einer Tat überführen zu können.

"Es gibt keinen konkreten Tatverdacht gegen eine bestimmte Person. Es gab diverse Hinweise, denen natürlich nachgegangen wurde, es konnte sich aber kein konkreter Verdacht gegen eine bestimmte Person verhärten. Es waren zur Vorfallszeit viele Gäste in dem Lokal anwesend, der Kreis möglicher Täter ist enorm, die Identitäten vieler Gäste ist nicht bekannt."

Notrufstellen haben das Thema am Radar

„Das Thema K.O.-Mittel hat in der Öffentlichkeit in letzter Zeit durchaus wieder mehr Brisanz und Aufmerksamkeit bekommen. Auf Betreiben der Wiener Frauenstadträtin Kathrin Gaál wurde im Sommer 2018 eine entsprechende Kampagne gestartet“, erklärt Martina K. Steiner, stellvertretende Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufs in Wien.

Ein weiteres Projekt namens „Ich bin dein Rettungsanker!“ arbeite zudem mit Gastronomiebetrieben zusammen. Securities und Mitarbeiter würden darin geschult, vor Ort adäquate Hilfe für Opfer sexueller Belästigung anzubieten. „Wir haben das Thema K.O.-Mittel schon sehr lange am Radar. Im letzten Jahr hatten wir dazu 131 Beratungen“, sagt Steiner weiter.

Die Dunkelziffer sei viel, viel höher. Martina Steiner und ihr Team empfangen ihre Klientinnen an einer Wiener Geheimadresse. Ein schöner Altbau hinter dessen Fassaden die grausamsten Geschichten erzählt werden.

Sujet der Kampagne

Sujet der Kampagne

Da die Verabreichung von K.O-Tropfen in über 80 Prozent der Fälle mit einem Sexualdelikt einhergeht, sagen viele Frauen gar nichts. Reden mit niemanden und versuchen, zu vergessen. Durch die meist fehlende Nachweisbarkeit, trauen sie sich nicht, Anschuldigungen auszusprechen und zweifeln eher noch an sich selbst. Ob sie nicht doch zu viel getrunken haben? War der Rock vielleicht wirklich kurz? Habe ich es mit dem Flirten übertrieben?

Bei Steiner und ihrem Team rufen jene Frauen an, die tatsächlich einen sexualisierten Übergriff erlebten oder solch einen vermuten. Sie erlitten einen kompletten Filmriss und glauben, dass sie Opfer von K.O.-Tropfen wurden. Diese Anruferinnen erhalten umgehend tiefgehende Betreuung.

„Der Wunsch der Opfer, dass ihnen in juristischer Hinsicht ‚Gerechtigkeit‘ widerfährt und somit eine gewisse Entlastung für sie entsteht, ist aufgrund der meist mangelhaften Beweislage leider selten gegeben. Mangels aussagekräftiger Sachbeweise werden die meisten Verfahren eingestellt“, erklärt Steiner. Auch mit dieser Frustration müssten Betroffene leben lernen. „Wir helfen ihnen so gut es geht, dennoch bestmöglich damit abschließen zu können.“ 

  • Wahrnehmungsschwierigkeiten
  • Wahrnehmungsverschiebungen, optische Störungen
  • Halluzinationen
  • Bewusstseinstrübung, Dämmerzustand ("Gefühl, wie in Watte gepackt")
  • Willenlosigkeit
  • Eingeschränkte Beweglichkeit bis hin zur Regungslosigkeit
  • Erinnerungslücken bis hin zur Amnesie
  • Euphorie (anfänglich)
  • Plötzlicher Schwindel und Übelkeit
  • Untypisches wildes oder aggressives Verhalten

Dass bei Jenny im Krankenhaus kein umgehender Urintest durchgeführt wurde, wundert Steiner nicht. Dort würde in erster Linie dem kurativen Auftrag gefolgt, also: Leben retten. Einen gesetzlichen Auftrag zur Beweismittelsicherung gebe es dort nicht. Gerichtstaugliche Beweisführung sei für das Spital keine Pflicht oder anders gesagt: die Unterlassung werde nicht sanktioniert. 

Für Steiner und ihr Team stehen K.O-Mittel und ihre Folgen auf der traurigen Tagesordnung. Es gebe noch so viel zu tun. “Die Sensibilisierung der Krankenhäuser hierfür ist ein riesiges Thema für uns. Da müssen wir eine flächendeckende Vorgangsweise erreichen.”

Doch da seien wir noch lange nicht angelangt. Hinzu kommt, dass Jennys Familie innerhalb der ersten 12 Stunden noch nicht in den Sinn kam, dass sie unter Einfluss von Drogen stehen könnte. Es dauerte eine Zeit, bis ihnen dies als einzig logische Antwort auf all die Fragen und Erklärung für all ihre seltsamen Verhaltensweisen wie Schuppen von den Augen fiel. 

“Dachte, das wird die beste Zeit meines Lebens”

Jenny besucht keine regelmäßige Beratung oder Therapie. Zweimal war sie bei dem bekannten Psychologen Georg Fraberger zum Gespräch. „Er wurde ohne Arme und Beine geboren und hat mir sehr viel Mut gemacht."

Nach dem zweiten Besuch entschied sie, ihn dennoch nicht mehr zu konsultieren. „Ich habe ihm gesagt, ich komme damit zurecht.“ Vor allem die Meditation habe ihr enorm geholfen.

Gesund zu werden, sei anstrengend. „Es fühlt sich so an als würde ich durcharbeiten, auch wenn ich nicht arbeiten kann wegen all dem.“ Durch den Unfall hat sie auch ihre Wohnung verloren. Sie lebt nun bei ihren Eltern, da sie ohnehin viel Hilfe im Alltag benötigt.

“Meinem Vater und meiner Mutter geht es nicht gut, sie nehmen beide Antidepressiva. Mama hat mich gestern erst wieder weinend angerufen. Ich denke, sie macht sich einige Vorwürfe, aber wir haben das bisher nie thematisiert.“

Jenny will nicht ruhig sein

Auch das Geld ist knapp geworden, nicht alle Behandlungen werden von der Krankenkasse bezahlt. Viel ist privat zu entrichten. Und auch an die Zukunft denkt sie besorgt, was das Finanzielle betrifft, es kommen noch viele tausende Euro Kosten auf sie und ihre Familie zu. Eine Freundin hat daher eine Spendenkampagne für sie gestartet.

„Ich dachte, das wird die beste Zeit meines Lebens, stattdessen ist es die schlimmste. Aber ich habe dadurch gelernt, dass ich alles überstehen kann, egal was kommt. Ich habe vor nichts mehr Angst.“

Jenny möchte mit ihrer Geschichte, anderen Frauen Mut machen. „Mir ist das nicht passiert, damit ich jetzt ruhig bin.“ Als es ihr im Spital langsam besser ging, verspürte sie immer mehr den Drang, die Öffentlichkeit an ihrer Entwicklung teilhaben zu lassen und postete hin und wieder ihre Fortschritte auf Instagram.

Die Teilnahme war überwältigend. Viele bedankten sich bei ihr für die offenen Worte. Ihr schrieben Frauen, die selbst gerade Operationen hinter sich hatten oder solche, die Opfer von K.O.-Tropfen wurden.

Aber auch hasserfüllte Kommentare erreichten sie. Sie solle ihr Schicksal nicht für Instagram-Fame missbrauchen und das Lokal als Sündenbock in Ruhe lassen. “Diese Kommentare verletzen mich heute nicht mehr, das sollen alle wissen.”

Ein User, der vermutlich in Verbindung mit dem betroffenen Club steht, habe Jenny vorgeworfen, sie würde mit dieser Geschichte einen Selbstmordversuch vertuschen und missbrauche das Lokal nun dafür. „Das macht mich heute noch sprachlos, dieser Unfall hat alle meine Pläne zerstört.“

Seit kurzem ist Jenny nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kann mit so genannten Aircast-Walkern und Krücken selbständig gehen und darf nun vorsichtig beide Füße belasten.

Allerdings hängt es sehr von der Tagesverfassung ab, wie weit sie es schafft. Im linken Kiefer stecken Titanplatten, die fühlten sich beim Reden noch komisch an. Das Schlüsselbein schmerze immer noch. Auch die Beine tun Jenny noch weh.

„Ich trainiere im Bett fast jeden Tag zwei Stunden lang, mache ein Ganzkörper-Workout mit Hanteln und Fitnessbändern. Ich versuche, alle Muskelgruppen zu trainieren, das ist mir sehr wichtig.“ Die transplantierte Haut ist am rechten Bein mittlerweile gut angewachsen.

Die Unterschenkel sind noch etwas dünn, aber das sollte besser werden, denn ein fünfwöchiger Reha-Aufenthalt startet nun. Das Ziel: Ohne Krücken und Aircasts gehen zu können. „Aber ich will mich nicht zu sehr unter Druck setzen.“

Nach der Reha möchte Jenny ans Meer fahren. Ihre Füße und die Wunde am Oberschenkel dürfen nicht in die Sonne, daher hat sie bereits Tauchschuhe und eine lange Tauchhose mit UV-Schutz gekauft. 

Ein schwieriger Kampf

Jenny hat bisher keine Anzeige erstattet. Unsicherheit. Fehlende Beweise. Keine Kraft und Energie. Schmerzen. Einschüchterung. Die Angst vor den Konsequenzen. All das habe sie bisher zurückgehalten.

Jenny wurde nicht vergewaltigt. Jenny hat eine andere katastrophale Erfahrung machen müssen. An ihrem Fall wird die Bredouille, in der sich Opfer von K.O.-Mitteln befinden, auf eine andere Weise sichtbar. Denn Jenny schämt sich nicht für diesen Abend. Sie sagt auch, sie wisse ganz sicher, wo der Übergriff passiert ist. Trotz dieser Punkte, die sie massiv von den meisten der betroffenen Frauen unterscheiden, müsste sie einen sehr schwierigen, aufreibenden Kampf gegen ein System führen, das für solche Opfer keine Lösungen oder gar ausreichende Sensibilität bereitstellt. 

Sie will nach der Reha Anzeige erstatten. “Ich denke, dann fühle ich mich stark genug.”