Chronik | Österreich
23.07.2018

K.O.-Tropfen: "Eine Sekunde wegschauen und sie sind im Glas"

Betroffene schämen sich, darüber zu reden. Täter werden selten gefunden. Genau deshalb soll dafür sensibilisiert werden.

Eine junge Frau wacht frühmorgens ausgeraubt und voller Schmerzen in einem Hauseingang auf. Die ganze Nacht über hat ihr Freund sie verzweifelt gesucht. Ihre Mutter findet sie schließlich, nicht weit von ihrer Wohnung. Am Rücken hat sie blaue Flecken. An den inneren Oberschenkeln sichtbare Druckstellen und etliche Brandwunden, auch im Genitalbereich. Offenbar wurden Zigaretten an ihrem Körper ausgedämpft. Lisa kann sich bis heute nicht daran erinnern, was in der Nacht davor alles passiert ist. Aber sie weiß, dass es schlimm war. Dass etwas mit ihr gemacht wurde, das sie nicht wollte. Schreiende Männerstimmen tauchen immer wieder in ihrem Kopf auf. Der Großteil ihrer Erinnerung endet gegen 23 Uhr in einem bekannten Wiener Club, als sie mit Arbeitskolleginnen an der Bar geplaudert hat. Da waren zwei Männer, die hatten zu flirten begonnen. Sie trugen Schirmkappen. Mehr weiß Lisa nicht mehr. Die Erinnerung wird vermutlich auch nie wiederkommen.

Lisa, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist eines von zahlreichen Opfern so genannter K.O.-Mittel. Die Meldungen zu diesen Fällen haben weltweit in den letzten Jahren bedeutend zugenommen. Verschiedene nationale Stellen haben Informationskampagnen zur Prävention und zur Hilfestellung für Opfer initiiert . 2014 gab es eine Entschließung vom Nationalrat, bei der unter anderem eine Verstärkung der Präventionsarbeit speziell in Schulen angeregt wurde. Auch aktuell werden stetig entsprechende Workshops von der Polizei angeboten.

Lisa ist eine der wenigen Frauen, die den Vorfall zur Anzeige gebracht hat. Die Dunkelziffer dieser Verbrechen ist kaum abzuschätzen, dürfte aber enorm hoch sein, bestätigt auch Daniela Tunst von der Landespolizeidirektion Wien. Und sie bestätigt, dass diese Verbrechen vor allem im Bereich der Sexualdelikte vorkommen.

"Wertvolle Zeit geht verloren"

Scham, Erinnerungslücken, Angst, Schock und das Wissen, dass die Chance, die Täter zu finden, sehr gering ist, halten nach Expertenschätzungen 80 Prozent der Opfer davon ab, zur Polizei zu gehen. Dabei wäre genau das so wichtig, nämlich unverzüglich - am nächsten Tag. „Bei einer Beeinflussung des Erinnerungsvermögens kann das Opfer ermittlungsrelevante Geschehensabläufe nicht adäquat rekonstruieren. In der Hoffnung, dass das Erlebte wieder zurückkehrt oder aus Furcht, keine genauen Angaben machen zu können, wird oft mit einer Anzeige gewartet. Dadurch geht wertvolle Zeit im Hinblick auf das Nachweisfenster verloren“, erklärt Wolfgang Bicker vom Forensisch-Toxikologischen Labor (FTC) in Wien. „Es kann im Sinne einer effektiven Beweisführung, nicht nur die chemische Analytik betreffend, sondern etwa auch im Hinblick auf DNA-Spuren, nur appelliert werden, einen Verdachtsfall unverzüglich zur Anzeige zu bringen und unverzüglich Probenmaterial zu sichern“, so Bicker.

Blut- und Harnproben müssen abgenommen werden, denn sie bieten einen möglichen Beweis in einem Strafverfahren. Auch die Aufbewahrung der getragenen Kleidungsstücke im ungewaschenen Zustand in einem sauberen Papiersack ist wichtig.

Zusätzlich sollten Freunde, die zur selben Zeit am Tatort waren, kontaktiert werden, ob diese Beobachtungen zu den Geschehnissen gemacht haben. Das Erstellen von Gedächtnisprotokollen dieser Zeugen, aber auch des Opfers selbst, soweit es sich erinnern kann, wird ebenso von der Polizei empfohlen.

 

Bicker betont, dass es schon lange nicht mehr „die speziellen“ K.O.-Tropfen gibt. „Weit mehr als 100 Substanzen verfügen zumindest ansatzweise über Eigenschaften, die sich ein Täter für den Missbrauch als K.O.-Mittel zu Nutze machen kann.“ Neben dem klassischen Trinkalkohol, also Ethanol, der in großen Mengen auch betäubend wirken kann, ist GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) die bekannteste Betäubungssubstanz. Vor etwa 20 Jahren fand GHB Einzug in den Bereich der Missbrauchsdrogen und wird auch als Liquid Ecstasy bezeichnet. GHB wirkt in Dosierungen von etwa einem Milliliter mild euphorisierend, sozial öffnend und sexuell stimulierend. Der Drogen-Schwarzmarkt hat daraufhin schnell entdeckt, dass sich diese Chemikalie relativ einfach aus dem Lösungsmittel Gamma-Butyrolacton (GBL) synthetisieren lässt. Man kennt die Substanz aus dem KFZ-Bereich, etwa Felgenreiniger. Da es sich bei diesen Stoffen um wichtige Industriechemikalien handelt, sei eine gesetzliche Kontrolle kaum möglich.

Doch auch Psychopharmaka, die die Täter selbst verschrieben bekommen haben, schwere Herzmittel, Schlafmittel oder Benzodiazepine werden als K.O.-Mittel verwendet. Diese Mittel sind in Kombination mit Alkohol, was oft der Fall ist, in zu hoher Dosierung sogar lebensgefährlich.

Was all diese Stoffe gemeinsam haben, ist die extrem enthemmende Wirkung und der anschließende Filmriss. Sie alle wirken auf das Zentralnervensystem und schränken die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit massiv ein. Schwindel, starke Verhaltensänderung, Benommenheit, Übelkeit, vermeintlich übertrieben gute Laune. „Die Opfer können unter der Substanzwirkung manipulierbar sowie willenlos und wehrlos sein“, so Bicker.  

Streift man durch das Wiener Nachtleben und befragt die Menschen dazu, so stellt man fest, dass fast jeder mindestens eine Person kennt, die schon einmal eine Erfahrung mit K.O-Mitteln hatte. Auch Daniela, die wir am Wiener Naschmarkt treffen. „Es ist auf einem der vielen Straßenfeste hier geschehen. Nicht in einem Club. Es war noch hell und ich habe immer gesagt, mir passiert so etwas nicht.“ Daniela hatte Glück. Ihr Freund war kurz darauf da und hat sie nach Hause gebracht. „Er hat gesagt, er hätte mich noch nie so gesehen, ich hätte mich verhalten wie ein anderer Mensch. Total überdreht und wild. Ich will gar nicht dran denken, was alles hätte passieren können, wäre ich alleine gewesen.“ Am nächsten Tag konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Ihre Pupillen waren groß und sie erkannte anfangs nicht einmal ihr eigenes Schlafzimmer. „Nein, das war kein klassischer Kater vom Alkohol, das fühlte sich ganz anders an.“ Abgesehen davon hatte sie an dem Abend nur ein paar Spritzer getrunken. „Das einzige, woran ich mich erinnere, da waren diese zwei Männer…“ Auch sie fragt sich immer wieder, wann und wie es wohl passiert ist. "Eine Sekunde wegschauen und die Tropfen sind im Glas. Die Täter beobachten ihre Opfer zuvor genau", sagt Daniela. Einige Kellner erzählen, dass sie immer wieder kleine Pipetten beim Zusammenräumen auf den Toiletten oder unter den Tischen finden. 

„Wir haben die Übergriffe im Taxi“

Angelika Breser empfängt ihre Klientinnen hier in dieser Wiener Geheimadresse des 24-Stunden-Frauennotrufs. Ein schöner Altbau hinter dessen Fassaden die hässlichsten Geschichten erzählt werden. Breser ist Klinische- und Gesundheitspsychologin, ihr Schwerpunkt liegt auf sexualisierter Gewalt. „Wir haben das Thema K.O.-Mittel schon sehr lange am Radar. Im letzten Jahr hatten wir dazu 175 Beratungen. Das ist viel.“ Bei Breser rufen jene Frauen an, die tatsächlich einen Übergriff erlebt haben. Sie erhalten umgehend tiefgehende Betreuung.

Die Telefonate beginnen alle recht ähnlich. Eine Frau ist aufgewacht, auf einer Wiese, auf einem Gehsteig oder auch zuhause. Viele haben sichtbare Spuren von Gewalt am Körper, Schmerzen im Unterleib. Und viele rufen erst nach einem Tag an. „Diese Frauen brauchen die Zeit, um das Geschehene einordnen zu können, um zu verstehen, was passiert ist. Und alle beschreiben ihren Zustand recht ähnlich. Anders als einen Vollrausch und dass er nicht in Relation zu setzen sei mit der Menge Alkohol, die getrunken wurde“, erzählt Breser. Auch wenn die Nachweisbarkeit bei vielen Substanzen nach einigen Stunden schwierig ist, empfehlen Breser und ihr Team immer ins Spital zu fahren und sich untersuchen zu lassen. Im Idealfall sogar in das Labor von Dr. Bicker, weil dort auf weit mehr Substanzen getestet wird. Allerdings sind die Kosten von 540 Euro für Bluttest und Urintest auf eigene Rechnung zu tragen. Selbst bei einer Anzeige wird der Betrag nicht rückerstattet. Nur, wenn es zur Verhandlung kommt, der Täter verurteilt und einem der Betrag zugesprochen wird. Das schreckt natürlich viele ab.

In seltenen Fällen übernimmt das Krankenhaus die Kosten. „Wäre es meine Tochter, würde ich es dennoch machen, auch mit dem Risiko, dass ich auf dem Geld sitzen bleibe.“ Denn ohne medizinischen Befund und Spurensuche nach DNA und Sperma klage nun mal kein Staatsanwalt an. Dennoch gibt Breser zu, dass die Chance, die Täter zu finden, sehr gering ist. „Erstens, was zeigt man an, wenn man nichts mehr weiß und sich wahnsinnig geniert? Zweitens muss man glaubhaft machen, dass man sich gewehrt hat, was durch die enthemmende Wirkung der Substanzen ein Problem ist. Drittens kann der Mann immer sagen, es war freiwillig und Zeugen gibt es selten. Und viertens sehen wir oft, dass derjenige, der die Mittel verabreicht hat, gar nicht der Täter des Sexualdeliktes ist. Wir haben die Übergriffe oft im Taxi“, sagt Breser kopfschüttelnd und laut. „Aufeinander aufpassen, nicht ins Taxi setzen, mit heimfahren, nachfragen auch bei fremden Frauen, wenn sie sehr zugedröhnt wirken, ob sie den Begleiter gut kennen. Sie werden es nicht glauben, aber viele der Täter machen sich da einen Spaß draus. Die tropfen das Zeug ins Glas und schauen, was passiert.“

Eine weitere Anlaufstelle für Betroffene ist der „Verein Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen“. Ursula Kussyk ist diplomierte Sozialarbeiterin und leitet den Notruf. Wie auch beim Team von Breser erhalten die Opfer hier juristische, psychosoziale und auch Verfahrensbegleitung, sollte es soweit kommen.

Kussyk hat in letzter Zeit einen leichten Anstieg der Vorfälle wahrgenommen. Doch was kann man dagegen tun? „Da sich die Verabreichung solcher Mittel meist im Freizeit- und Partybereich abspielt, ist es schwierig, oft glauben die Opfer ja sogar, dass sie selbst schuld sind, was natürlich nicht der Fall ist.“ Dass es für ein Lokal oder einen Club nicht von Vorteil ist, ein großes Thema aus diesen Vorfällen zu machen, liegt auf der Hand. Dennoch könnten Lokalbetreiber ihr Personal dafür sensibilisieren. „Wir würden da auch unsere Hilfe anbieten, aber auf uns zu gekommen ist leider noch nie jemand.“

Dabei spielen Kellner, Barkeeper oder Securities beispielsweise eine Schlüsselrolle. „Wie sie reagieren, wenn sich jemand hilfesuchend an sie wendet. Dass sie die Freiheit haben, einer Frau zu helfen, genau hinzuschauen, auch wenn viel los ist“, sagt Kussyk. Da könnte ein Lokalchef handeln und auch Verantwortung tragen. So wie Warnungen vor Taschendieben auf Schildern angebracht seien beispielsweise könnte man ebenso hier warnen. Auch Vincenz Kriegs-Au, Pressesprecher des Bundeskriminalamts, betont, wie wichtig es ist, auf das Thema hinzuweisen – und damit auch die Zivilcourage zu fördern. Denn das könne wirklich jedem passieren. Die Statistiken des Bundeskriminalamts zeigen im Übrigen, dass auch Männer betroffen sind, allerdings weit seltener und eher im Bereich der Raubdelikte und nicht der Sexualdelikte.

Nun heißt es warten

Lisa konnte seit dem Vorfall nicht arbeiten, sie wird derzeit psychologisch betreut. Sie leidet unter schweren Angstzuständen. Es sind all die schlimmen Fantasien, die sie nicht aus dem Kopf bekommt und die sie nicht mehr schlafen lassen. Derzeit wird Lisas Fall untersucht. Spermaspuren wurden keine gefunden, aber fremde DNA. Videoaufnahmen bei dem Club und in der Nähe der U-Bahn werden aktuell gesichtet. Wenn so ein Übergriff geschieht, dann leidet das Opfer gleich unter zwei Traumata. „Einerseits muss man verarbeiten, dass dir ein vermutlich fremder Mensch gegen deinen Willen diese Substanz verabreicht hat. Das für sich ist schon schlimm genug, auch wenn keine Vergewaltigung passiert“, sagt die Psychologin Breser. Wenn zudem noch ein Übergriff passiert, dann sei das katastrophal für die Betroffenen. „So etwas ist wirklich sehr schwer zu verarbeiten. Diese Fantasien abzustellen. Und sich damit abzufinden, dass man es vielleicht nie erfahren wird.“ Denn gerade die Rekonstruktion der Geschehnisse sei so wichtig, um den Vorfall zu verarbeiten und irgendwann damit abzuschließen.