Die österreichischen Bauern hoffen auf Niederschlag.

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Chronik Österreich
04/30/2020

Klimaforscher: "Keine Rückkehr zum gewohnten Alltag" nach Corona

Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen werde sich der Klimawandel "weit katastrophaler" entwickeln als das schlimmste Covid-19-Szenario.

von Andreas Puschautz

Frühling 2020, das heißt in Österreich nicht nur Corona-Krise, das heißt auch extreme Trockenheit. In manchen Landesteilen wie Oberkärnten oder dem östlichen Flachland wurden nur 10 bis 15 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge erreicht - ein ernstes Problem für die Natur und für die Landwirtschaft.

Mitten in dieses Symptom der Klimakrise richten nun Österreichs führende Klimaforscherinnen und Klimaforscher einen offenen Brief an die Bundesregierung und nehmen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und sein Kabinett in die Pflicht.

"Sie haben in der Covid-19-Krise ein professionelles Krisenmanagement aufgezogen und sich nicht vor einschneidenden Maßnahmen gescheut", so beginnt das zweiseitige Schreiben. Dabei habe sich gezeigt, "dass professionelle, politische und im Sinn des Gemeinwohls notwendige Steuerung von der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet wird und Bereitschaft zu adäquatem Handeln besteht".

Eine "Rückkehr zum gewohnten Alltag" könne und dürfe es aber auch nach Corona nicht geben, schreiben die Wissenschaftler: "Denn auch wenn wir uns alle nach einer 'Zeit nach der Krise' sehnen – als KlimaforscherInnen wissen wir, dass die große Krise noch vor uns liegt."

Klimawandel gefährlicher als Corona

Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen werde sich der Klimawandel "weit katastrophaler" entwickeln als das schlimmste Covid-19-Szenario. Daher gelte es, die im Regierungsprogramm verankerte Klimaneutralität bis 2040 "ernsthaft und konsequent voranzutreiben".

In der Corona-Krise sei es selbstverständlich geworden, Entscheidungen aufgrund wissenschaftlicher Evidenz zu fällen - das müsse nun auch in der Klima-Krise geschehen, fordern die Unterzeichner. Schließlich seien die wissenschaftlichen Fakten "wesentlich klarer als in der Corona-Frage".

Die nächsten fünf Jahre würden "ganz wesentlich" über die Zukunft der Menschheit entscheiden, in diesem Zeitraum könne die Klimakrise durch konsequenten Klimaschutz noch so weit abgemildert werden, dass "große und irreversible Veränderungen und deren katastrophale Konsequenzen" vermieden werden könnten.

"Verantwortung liegt bei Ihnen"

Würden diese Maßnahmen jedoch nach hinten verschoben, "verspielen Sie (die Bundesregierung, Anm.) unwiederbringlich die Möglichkeit", die Menschen vor einem Anwachsen der Klimakrise zu einer Klimakatastrophe zu schützen. "Die politische Verantwortung dafür liegt bei Ihnen und die jetzt durch Sie getroffenen Richtungsvorgaben in der Bewältigung der COVID19-Krise sind auch für die
Klimakrise entscheidend", heißt es in dem Brief weiter.

Daher fordern die Forscherinnen und Forscher die Bundesregierung dazu auf, die zur Bewältigung der Corona-Folgen bereitgestellten Gelder an konkrete Klimaschutzziele zu koppeln - von Schritten hin zu einer Kreislaufwirtschaft seitens der Industrie bis zur Förderung der Biodiversität seitens der Land- und Forstwirtschaft (siehe Faksimile).

Dieselben Regeln müssten auch bei Finanzhilfen auf EU-Ebene gelten, darauf müsse Österreich ebenfalls drängen. "Sie, die österreichische Bundesregierung" würden derzeit als "eines der europaweiten Vorbilder" im Management der Corona-Krise gelten, die "EU schaut auf Österreich". Diese Chance müsse jetzt mit Weitblick genützt werden, um auch im Kampf gegen die Klimakrise eine Vorbildrolle einzunehmen.

Unterzeichnet wurde der offene Brief von den 22 Mitgliedern der Kommission Klima- und Luftqualität (KKL) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), koordiniert wurde das Schreiben von Georg Kaser (Uni Innsbruck) und Gottfried Kirchengast (Uni Graz).