Chronik | Österreich
08.09.2018

Kinder bleiben jetzt öfter zu Hause

Bis zu 20 Prozent weniger in Nachmittagsbetreuung wegen Gebühren für Kindergärten.

Die Arbeiterkammer prophezeite es schon im März: 60 Prozent der Familien in Oberösterreich brauchen laut Erhebung Hilfe von Oma und Opa oder weiteren Verwandten, die sich während der Arbeitszeit um die Kinder kümmern.

Das war im März, ein paar Wochen nach der Einführung der umstrittenen Gebühren für die Nachmittagsbetreuung in den Kindergärten. Nun scheint sich diese Einschätzung zu bestätigen: Seit der Nachmittags-Kindergarten nicht mehr gratis ist, wurden zumindest elf Prozent der Drei- bis Sechsjährigen gänzlich abgemeldet.

Eltern scheinen sich die Betreuung für ihren Nachwuchs nicht mehr leisten zu können oder wollen. Immerhin geht es um bis zu 110 Euro monatlich, die je nach Einkommen für fünf Nachmittage zu leisten sind. Konkret soll es sich um 1806 Mädchen und Buben handeln, das sind 11,4 Prozent aller Kindergartenkinder. Dazu kommen noch einmal weitere 1368, die nicht mehr so oft wie bisher in die professionelle Nachmittagsbetreuung kommen, das sind 8,6 Prozent aller Kinder.

Präsentation folgt

Zusammen wären das also rund 3200 Kinder, die nicht mehr oder weniger häufig nachmittags im Kindergarten sind. Diese Zahlen stammen offenbar aus jener Studie, die die schwarz-blaue Landesregierung erstellen ließ. Sie wurden von einigen Medien kolportiert; die zuständige ÖVP-Landesrätin Christine Haberlander wollte sie am Samstag nicht kommentieren. Ihr Büro verwies auf eine Pressekonferenz am Montag.

Aber die Ergebnisse dürften durchaus korrekt sein, denn sie passen ins Bild und zu Schätzungen, die schon vor Monaten von Gemeindebund oder Bürgermeistern zusammengetragen wurden: Da gingen Lokalpolitiker davon aus, dass 3500 Kinder aus der Nachmittagsbetreuung fallen würden. Die Daten der neuen Studie stammen aus April und Mai. Das Land ließ bei sämtlichen Kindergartenbetreibern anfragen, 842 Einrichtungen oder 86 Prozent gaben freiwillig Auskunft.

Ein Fünftel fehlt

Laut der Medienberichte waren im Oktober 2017 15.841 Kinder nachmittags in einer Betreuungseinrichtung, wenigstens einen Tag pro Woche. Im April sollen es jedoch nur noch 14.035 gewesen sein. Zählt man jene Kinder dazu, die nicht mehr so oft wie bisher betreut werden, wurde insgesamt ein Fünftel ab- oder umgemeldet.

Die Reaktionen auf die ersten Ergebnisse fallen erwartungsgemäß heftig aus, denn die Gebühren waren von Beginn an umstritten. „Es gibt nichts zu beschönigen. Der Schaden ist enorm“, ärgert sich Landtagsabgeordneter Stefan Kaineder von den Grünen. „Die Einführung der Kindergartensteuer hat zu einem Einbruch beim Betreuungsangebot geführt. Das ist eine verheerende Entwicklung angesichts der Tatsache, dass die Arbeitswelt immer mehr Flexibilität fordert.“

SPÖ-Landesobfrau Birgit Gerstorfer nennt die Daten „alarmierend“: Oberösterreich sei seit vielen Jahren Schlusslicht in Bezug auf Kinderbetreuung. Die schwarz-blaue Landeskoalition habe „die Situation für Tausende Kinder und Eltern verschlechtert“, bedauert Gerstorfer, die auch Soziallandesrätin ist. „Hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr ÖVP und FPÖ an den Interessen der Kinder, Frauen und Familien sowie der Wirtschaft vorbeiregieren.“