Notausstieg: Hier gelangten Personen ins Freie.

© KURIER/Johannes Weichhart

Verlorene Tür
09/27/2016

Keine Kontrolle vor dem Zugunglück

Wagentechnische Untersuchung der russischen Garnitur fehlte / Unfälle auf Schiene "stark steigend".

von Dominik Schreiber

Wer etwa im Urlaub ein Mietauto übernimmt, wird zunächst eine Runde um das Fahrzeug machen, um dieses auf mögliche Beschädigungen zu überprüfen. Auch Flugkapitäne kontrollieren ihre Jets vor Abflug auf diese Weise. Schließlich ist es gefährlich, wenn Teile während des Fluges plötzlich herabfallen.

Bei Zügen ist das offenbar anders.

Die ÖBB übernahmen einen russischen Zug auf dem Weg von Nizza nach Moskau, ohne so eine "wagentechnische Untersuchung" durchzuführen. Prompt verlor der russische Nachtzug danach am Freitag eine Tür – die von einem deutschen ICE angefahren wurde. Und das ausgerechnet in einem Tunnel auf der Westbahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke nahe der Ortschaft Rassing in Niederösterreich. Dass es dabei keine Verletzten gab, war wohl ein Glück. Denn der deutsche ICE ist zumindest mit einer Achse entgleist, wie der KURIER aus gut informierter Quelle erfuhr.

Damit müsste es auch eine ausführliche Untersuchung des Verkehrsministeriums geben. Darüber hinausgehend handelt es sich bereits um den fünften Vorfall mit (mehr oder weniger) demolierten Türen auf der 2012 neu eröffneten Hochgeschwindigkeitsstrecke. Betroffen davon waren die verschiedensten Züge, von der privaten Westbahn über einen Intercity bis zum Railjet. Die Westbahn baute daraufhin ihre Türen um. Die ÖBB bekamen hingegen acht "dringende Sicherheitsempfehlungen" aus dem Verkehrsministerium zugestellt. Darin geht es unter anderem auch um die Versperrung und Kontrolle von Türen der Waggons.

Bei dem aktuellen Fall des Türverlusts handelt es sich zwar um einen russischen Zug, durchgeführt wurde die Verbindung allerdings von den ÖBB – mit ihrem Personal.

"Die Zugverbindung (Moskau–Nizza, Anm.) wurde in Österreich von den ÖBB durchgeführt", werden auch im Büro von Verkehrsminister Jörg Leichtfried entsprechende KURIER-Recherchen bestätigt. Ein Vorverfahren wurde bereits eingeleitet. Darin könnte geklärt werden, ob die ÖBB tatsächlich eine derart wichtige Sicherheitsempfehlung des Ministeriums missachtet hat. Auch die Arbeiterkammer hatte bereits 2011 auf drohende Sicherheitsdefizite wegen mangelnder Wagenkontrolle aufmerksam gemacht (siehe dazu auch Bericht rechts).

Dass es eine derartige Häufung von Vorfällen mit Türen (und laut Insidern auch mit verschiedenen anderen Bauteilen) ausgerechnet auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke gab, bei der das Höchsttempo 230 km/h erreicht wird, wurde bisher stets heruntergespielt. Ein Mal soll ein (unbekannter) Fahrgast eine Tür entriegelt haben, ein anderes Mal waren die schlechten Schließmechanismen der Westbahnzüge in der Verantwortung. Meistens handelte es sich – zufällig oder nicht – um die letzte Tür eines Zuges. Nun ist bereits der vierte Wagentyp betroffen. Sind das alles tatsächlich nur mehr Einzelfälle, die nichts miteinander zu tun haben als zufällig den fast identen Ort?

Unfallzahlen steigen

Ein Blick in die aktuelle Unfallstatistik auf der Schiene ergibt folgendes Bild: Im Vorjahr wurden 1183 Unfälle im Bahnverkehr registriert. Das entspricht einer Steigerung von mehr als 27 Prozent zum Vergleichszeitraum 2014. Laut Verkehrsministerium ist die Ursache für die "starke Steigerung" nur eine erhöhte Meldekultur der betroffenen Unternehmen.

Wagenuntersuchung stand schon öfters in der Kritik

„Mehr wagentechnische Untersuchungen“, fordert der ÖBB-Betriebsrat. „Wir können froh sein, dass dieses Mal alles glimpflich ausgegangen ist“, heißt es bei der Gewerkschaft.

Das sind keine Statements zum aktuellen Vorfall mit dem Nachtzug von vergangenen Freitag, sondern sie stammen von kurz nach Ostern. Am Ostermontag hatte eine Schnellbahngarnitur auf der Südbahn einen Kompressor verloren, auch damals entgleiste ein Zug. Mangelnde Kontrolle wurde in diesem Falls ebenfalls als eine der vermutlichen Ursachen ausgemacht.

Schon 2011 warnte die Arbeiterkammer vor einer Aufweichung der Verordnungen, die dann tatsächlich so umgesetzt worden sind: Das „unternehmensinterne Wagenuntersuchungskonzept ist mit einem sicheren Zugbetrieb nicht vereinbar“, hieß es damals in einer Stellungnahme.