© Screenshot Endchan

Chronik Österreich
09/08/2019

Inside "Endchan": Im Maschinenraum des Rechtsterrors

In einem kleinen, anonymen Forum fand der KURIER eine Anschlags-Ankündigung, eine Einladung von deutschen Neonazis zum Aufbau einer globalen Terror-Infrastruktur und die „identitäre Kriegserklärung“.

von Christoph Schattleitner

Bevor sich Philip M. im August 2019 eine schusssichere Weste anlegt und mit mehreren Waffen eine Moschee in seiner Nachbarschaft nahe Oslo stürmt, haut er in die Tasten. „Freunde, es ist Zeit für mich“, schreibt er auf Endchan.xyz und kündigt seinen Anschlag an.

Über dieses anonyme Forum ist zu diesem Zeitpunkt nichts öffentlich bekannt, nur ein paar dutzend Insider dürften es kennen.

„Der Holocaust ist nie passiert – danke für die Aufmerksamkeit“, ist der aktuellste Kommentar auf der Seite einen Tag danach. Nachdem weltweit Medien über den Anschlag berichten, distanzieren sich die Macher von Endchan.

Wer hinter dem Forum steckt, verschweigt Endchan. Als Gründer wird der anonyme Twitter-Nutzer „SnakeDude5“ mit 15 Followern angeführt. Auf eine Anfrage reagiert Endchan nicht.

Die digitalen Spuren der Seite führen zu einem Server in Panama. Im Forum wird hauptsächlich auf Englisch kommuniziert, teilweise auf Russisch. In der Selbstbeschreibung der Seite steht, dass man „Ideen zur Identität fördern“ wolle.

Der KURIER findet auf Endchan nicht nur "identitäre" Werbefotos, sondern auch die digitale, englischsprachige Version des Buchs „Die Identitäre Generation – eine Kriegserklärung an die 68er“ des gebürtigen Österreichers Markus W.

"Inoffizielle Programmschrift" der "Identitären"

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) nannte Markus W. im Jahr 2014 den „Chefideologen“ der deutschen „Identitären Bewegung“, sein Buch sei die „inoffizielle Programmschrift“ der rechtsextremen Gruppierung.

Nicht nur in Österreich kennt man den jungen "Identitären": Rob May, der in London zu internationalem Rechtsextremismus forscht, nennt Markus W. 2017 eine "Schlüsselfigur" der Gruppierung.

Auf Endchan haben in den vergangenen Wochen meist kaum mehr als 100 User gepostet. Die Gruppe an Menschen, die sowohl Endchan als auch Markus W. kennen, dürfte klein sein. Wer hat das Buch – vor dem Anschlag – hochgeladen? Der Arktos-Verlag, der es herausgibt, antwortet auf eine Anfrage nicht.

Mit Online-Aktivismus kennt sich der Verlag jedenfalls bestens aus; er ist für Metapedia, "dasWikipedia der Rechtsextremen", verantwortlich. Und der Verlags-Gründer ist bestens mit der amerikanischen Alt-Right-Bewegung vernetzt, die eine eigene Online-Kultur für ihre politischen Ziele entwickelt hat.

Auf Endchan finden sich unzählige Hinweise auf die Alt-Right-Kultur: Etwa "Pepe der Frosch" oder der Slogan "Kill All Normies" (siehe nächstes Bild).

 

Sellner: "Noch nie" von Endchan gehört

Der 26-Jährige Schärdinger Markus W. hat jedenfalls keine Online-Präsenz (mehr), und auch der Verlag wollte keinen Kontakt herstellen.

Der Wiener Martin Sellner, der de facto die „Identitären“ europaweit anführt, richtet dem KURIER aus, dass Markus W. 2013, als das Buch erschien, nicht mehr in der Gruppe aktiv gewesen sei. Von Endchan habe er noch nie gehört, so Sellner.

 

Dass Endchan aber auch von heimischen Rechtsextremen genutzt wird, legen nicht nur deutschsprachige Zeitungsartikel auf der Plattform nahe.

Ende April 2019 hat sich das „Staatsstreichorchester“ – genau wie Philip M. – auf der eigentlich anonymen Plattform namentlich vorgestellt: „Wir sind eine deutsche, terroristische Neonazigruppe“, schreiben sie unverblümt, offensichtlich im Glauben, hier auf Gleichgesinnte zu treffen, „unser Ziel ist es, den Nationalsozialistischen Untergrund wiederzubeleben.“

"Globale Infrastruktur, um Morden zu erleichtern"

Die Gruppe wolle eine „dezentrale, globale Infrastruktur“ aufbauen, um „das Morden von Juden, Muslimen und N*** zu erleichtern.“ Alle, die „Invasoren töten wollen“, seien in der geheimen Chatgruppe willkommen. Sie posten einen Zugangscode zur verschlüsselten Geheim-Gruppe; und sind sich offenbar sehr sicher, auf Endchan auf Gleichgesinnte zu treffen.

Man wolle mit dieser Rekrutierungsoffensive zur größten rechtsextremen Terrororganisation der Welt werden, schreiben sie weiter, „alle Brenton Tarrants da draußen sollen den Weg zu uns finden“.

Tarrant ist nach Adolf Hitler die wohl am häufigsten genannte Person auf Endchan. Der Australier stürmte im März 2019 in Neuseeland zwei Moscheen und tötete über 50 Menschen. Auf Endchan findet sich das unzensierte Video seines Attentats sowie sein Hass-Manifest „The Great Replacement“.

Verbindungen zwischen Sellner und Tarrant

Die als Verschwörungtheorie widerlegte These vom „Großen Austausch“, wonach die jüdische Elite in Form von muslimischen „Invasoren“ Europa kolonialisieren wolle, bildet den Kern der „identitären“ Ideologie.

Nachdem Tarrant auch 1.500 Euro an Sellner spendete und sie sich Mails schrieben, ermittelt die Staatsanwaltschaft Graz, ob es weitere Überschneidungen oder gar ein Treffen in Wien gab.

So lange die Ermittlungen laufen, ist zu vermuten, dass Sellner unschuldig ist; er bestreitet jegliche Terror-Zusammenhänge oder eine persönliche Bekanntschaft zu Tarrant.

Experte: "Identitäre" sind wie Salafisten

Thomas Grumke hat früher beim deutschen Verfassungsschutz gearbeitet und forscht nun als Politikwissenschaftler an der FH für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen zu Rechtsextremismus. Er hält die „ideologische Nähe“ von Rechtsextremen und Terroristen für relevanter als die Frage, ob sie sich persönlich getroffen haben.

„Ich sehe definitiv Zusammenhänge zwischen der ‚identitären‘ Ideologie und rechtsextremen Anschlägen“, sagt Grumke, nachdem er sich genannte Passagen aus dem Buch von W. angehört hat. „Da gleicht ein Ei dem anderen.“

Was sind Imageboards wie Endchan?

Meist wird in diesen Foren mittels Bildern („images“) zu verschiedenen Themengruppen („boards“) diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich von großen Imageboards wie „4chan“ thematisch spezialisiertere „chans“ gebildet. Lange galt 8chan als das Netzwerk von rechtsextremen Terroristen, viele Anschläge wurden dort angekündigt.

Warum passiert dort so viel Kriminelles?

Imageboards gelten als dunkle Ecke des Internets, weil dort meist Inhalte stehen bleiben, die anderswo sofort gelöscht werden würden: Kinderpornografie, Drogenhandel und Terrorplanung.

Warum werden sie nicht verboten?

Teilweise weiß man nicht, wer sie gegründet hat oder welches Land rechtlich zuständig ist. Bei „8chan“ wurde ein Verbot angestrebt, aber Experten gehen davon aus, dass die User einfach zu einer neuen Plattform – etwa zu Endchan – weiterziehen würden.

So schreibt W., dass die „Islamfrage“ den Frieden in Europa gefährde. Er behauptet, die „Identitären“ hätten eine Antwort auf die „die größte Frage unserer Zeit“. Er schreibt aber nur: „Wir finden eine Lösung“  ohne zu sagen, wie diese herbeigeführt wird.

Der Massenmörder Tarrant schreibt ähnlich über Muslime, wird aber deutlicher: In Europa „gehören sie entfernt – wie ist egal“, steht in seinem Manifest. 

Grumke möchte von einer „indirekten Verantwortung“ der rechtsextremen Theoretiker sprechen. „Natürlich distanzieren sich diese Leute offiziell von Terrorismus und würden selbst auch niemals einen Anschlag begehen.“ Aber: „Sie liefern potenziell das ideologische Rüstzeug für diejenigen, die dann zur Tat schreiten.“

Grumke verweist auf eine Parallele zum Islamismus: „Auch dort gibt es die politischen Salafisten, also die Theoretiker und Hassprediger, die aufstacheln, aber sich nicht selber die Hände schmutzig machen. Und dann gibt es die Dschihadisten, also die Einzeltäter, die die Theorie dann zu Ende denken und mit Gewalt ausführen.“

Markus W., Sellner und andere seien demnach die politischen Salafisten. Tarrant, Philip M. und andere rechtsextreme Terroristen die Dschihadisten.

Der deutsche Verfassungsschutz hat auf YouTube einen Kanal gestartet, um islamistischer Propaganda etwas entgegenzusetzen. In diesem Video zeigen sie, wie ähnlich sich "rechte Populisten und radikale Islamisten" sind, wenn es darum geht, um neue Mitglieder zu werben.

Ebenfalls sei das Bedrohungsszenario ähnlich, das gezeichnet wird, so Grumke. Die eigenen Anhänger sollen nach der Lektüre sagen: „Da kann ich nicht länger zuschauen.“

„Stellen Sie sich mal kurz vor, Sie glauben diese Verschwörung (vom "Großen Austausch", Anm.) wirklich“, sagt Grumke, „wenn Sie tatsächlich glauben, dass Sie und ihre Familie ‚ausgetauscht‘ werden, dass ihre Kultur bedroht ist: Was würden Sie tun?“. Selbst, wenn man selbst eine friedliche, demokratische Antwort auf diese Frage geben würde, „wird es einige Leute geben, die das nicht für ausreichend halten“.

Im Buch von W. wird das kryptisch angedeutet: Bei den „Identitären“ mitzumachen, „ist mit großem persönlichem Leid verbunden“, heißt es darin. Die „Identitären“ befänden sich im „Krieg“ gegen die Politik der 68er-Generation: „Wir müssen aufrüsten (…) und können jede Waffe gebrauchen, die wir in die Hände bekommen.“

Eine mutige, innovative Bewegung sei gefordert; „jeder von euch hat ein Talent, das er im Kampf einsetzen kann.“ Grumke sagt dazu: „In der Forschung nennen wir das Ideologie der Tat.“ Also: „Nur Reden reicht nicht. Jedes Mitglied muss persönlich Verantwortung übernehmen.“

Globalisierte Anti-Globalisten

Der Rechtsextremismusforscher beobachtet jedenfalls eine Globalisierung von politischen Ideen durch das Internet: „Vor 20 Jahren haben Extremisten ihre wirren Schriften viel weniger Leuten andrehen können."

Und nur weil es um Nationalisten gehe, heiße das nicht, dass sie nur bis zur Landesgrenze denken: „Es geht um einen globalen Krieg gegen die Verschwörung einer jüdisch gesteuerten Welt“, so Grumke.

Philip M. hat sich übrigens auch auf Tarrant bezogen und richtet den Usern auf Endchan aus: „Ihr müsst den Rassenkrieg raus aus dem Internet ins echte Leben tragen.“

Im Jahr 2013 schreibt der Verfassungsschutz: „Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Österreich ließen dem Rechtsextremismus im Jahr 2012 keinen Raum für eine politische Positionierung.“ Die rechtsextreme Szene stelle keine Bedrohung dar.

Im Jahr 2018 schreibt der Verfassungsschutz: „In Österreich ist ein potenzielles Risiko für die Störung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit durch rechtsextreme Gewalt gegeben. Zudem stellen das asyl- und fremdenfeindliche Meinungsklima sowie rechtsextreme Aktivitäten eine demokratiegefährdende Tatsache dar.“

Rechtsextremismusforscher Grumke verweist auf die Mitverantwortung des gesellschaftlichen und politischen Klimas; es habe einen Effekt, wenn ein Vizekanzler von „Bevölkerungsaustausch“ oder ein Beinahe-Bundespräsident von „Invasoren“ spreche. „Niemand verwendet diese Worte zufällig. Sie sind ganz eindeutig konnotiert und inhaltlich besetzt."

In Österreich haben sich rechtsextreme Delikte in den vergangen zehn Jahren verdoppelt (siehe Grafik oben). Einer Recherche des britischen Guardian zufolge könne man weltweit seit 2011 mindestens 175 Tote weißem rechtsextremen Terror zurechnen.