FEATURE - DER WINTERTOURISMUSORT ISCHGL IM TIROLER PAZNAUNTAL IM LOCKDOWN 2 UND OHNE EROEFFNUNG DER WINTERSAISON

© Kurier / Kurier/Bildagentur Muehlanger

Chronik Österreich
03/07/2021

"In Tirol hat man gar nichts gelernt"

Peter Kolba vertritt 1.000 Geschädigte, die sich in Ischgl mit Corona angesteckt haben.

von Michaela Reibenwein

Der Wiener Peter Kolba hat mit Skifahren nichts am Hut. In Ischgl war er noch nie. Dort würde man ihn vermutlich auch nicht allzu freundlich empfangen. „Da bräuchte ich einen Bodyguard“, sagt der Jurist lachend. Kolba vertritt mit seinem Verbraucherschutzverein mehr als 1.000 Personen aus der ganzen Welt, die sich (großteils) in Ischgl mit Corona angesteckt haben oder die Angehörige verloren haben, die dort waren und an Corona gestorben sind und die nun Schadenersatz fordern. Am 9. April beginnt im Landesgericht für Zivilrechtssachen in Wien der erste Musterprozess.

KURIER: Herr Kolba, wie ging es Ihnen, als der Tiroler Landesrat Bernhard Tilg im TV-Interview erklärt hat, Tirol habe alles richtig gemacht?

Peter Kolba: Das war ein Schlüsselsatz, der unglaublich viele Menschen empört hat. Die Geschädigten sind ja nicht zu uns gekommen, weil sie unbedingt Geld haben wollten. Die waren sprachlos über diese Aussage. Da sind die Leute richtig haaß geworden.

Warum haben Sie sich als Verbraucherschützer in dieser Sache eingebracht?

Wir haben gleich nach der chaotischen Räumung eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft gemacht. Und wir haben überlegt: Entweder wir sammeln jetzt gleich die Geschädigten ein, oder sie verlaufen sich in alle Winde. Also haben wir auf unserer Homepage ermöglicht, dass sich Geschädigte einmelden. Aber mit diesem Umfang habe ich nicht gerechnet.

Wie viele waren es?

Letztlich waren es 6.000 Einmeldungen aus 45 Staaten, von allen Kontinenten. 75 Prozent der Geschädigten waren in Ischgl. Und wir haben über 1.000 entsprechende Vollmachten gekriegt um rechtliche Interessen zu vertreten.

Der erste Prozess beginnt im April ...

Der Fall von Hannes Schopf ist ein zugespitzt dramatischer Fall. Er war Chefredakteur der Furche, hat sich in Ischgl mit Corona infiziert und ist gestorben. Weil so ein hohes Medieninteresse erwartet wird, findet die erste Verhandlung im Festsaal des OGH statt. Aber es ist nicht der einzige Fall, in dem wir Hinterbliebene vertreten. Wir begleiten die Familien von 32 Verstorbenen.

Sie wollen unter anderem auch Bundeskanzler Kurz vorladen lassen?

Ja. Als Zeugen. Aber auch den Gesundheitsminister und den Tiroler Landeshauptmann.

Wie viele Klagen haben Sie eingebracht?

Bisher insgesamt vier. Zwei für Hinterbliebene von Verstorbenen. Dann haben wir einen Mann, der schwer erkrankt ist und die Nachwirkungen noch heute spürt und einen Handelsvertreter, der nur kurz dort war und sich trotzdem angesteckt hat. Was zeigt: Ischgl war zu dem Zeitpunkt schon so durchseucht, dass das überall passiert ist. Aber wir haben insgesamt 100 Verfahren in der Pipeline, die wir der Reihe nach einbringen werden.

Ischgl wird die Justiz also noch lange beschäftigen?

Ja. Allein das, was ich jetzt abschätzen kann, ist eine Aufgabe. Da muss man aber auch der Justiz vorwerfen: Seit 2005 weiß man, dass es Massenverfahren gibt. Ein Entwurf liegt in der Schublade.

Was haben Sie vor Corona mit Ischgl verbunden?

Nicht viel. Dass es ein Hotspot für Party-Touristen ist, wusste ich nicht.

Wird es das Skifahren wie früher überhaupt noch geben?

Die Pandemie ist für uns alle ein Einschnitt. Darüber wird man in 100 Jahren im Geschichtsbuch lesen. Und vielleicht wird man gescheiter. Es gibt schon auch in Tirol kritische Stimmen. Man kann nicht immer mehr, mehr, mehr wollen.

Ischgl speziell, aber auch Tirol gesamt, fühlt sich vom Rest Österreichs zu Unrecht gebasht. Nachvollziehbar?

Was die Ereignisse im Februar und März betrifft, ist dieses Bashing nicht zu Unrecht passiert. Bis heute hat es keine personellen Konsequenzen gegeben. Im Gegenteil: Tirol treibt ein frivoles Spiel und versucht den Bund auszutricksen. Permanentes Schlawinertum nenne ich das.

Sie hören viele Leidensgeschichten. Was überwiegt bei Ihnen? Die Wut oder die Betroffenheit?

Die Wut über das Verhalten der Zuständigen. Die Gäste wurden von Hotels und vom Tourismusverband in der letzten Woche bewusst falsch informiert und beschwichtigt. Ihnen wurde gesagt, es gebe kein Problem. Das war wahrheitswidrig. Ischgl wird so schnell sein negatives Image nicht loswerden. Allein durch die laufenden Prozesse. Der Name wird immer wieder auftauchen. Und immer wieder als Pandemie-Hotspot.

Wie beurteilen Sie aktuell den Umgang mit der Pandemie?

In Tirol hat man schlicht und einfach gar nichts gelernt. Wenn der Tiroler Wirtschaftskammer-Präsident davon spricht, dass es nur acht Fälle der südafrikanischen Corona-Variante gibt, aber zu dem Zeitpunkt weitere 150 Verdachtsfälle vorliegen ... Das ist keine Pandemie-Bekämpfung.

Sie legen sich als Einzelkämpfer mit dem Staat Österreich an. Kann das gutgehen?

Ich bin kein Einzelkämpfer. Der Verbraucherschutzverein konnte im vergangenen Jahr fünf Teilzeit-Mitarbeiter anstellen, auch wegen Ischgl. Wir sind also ein kleines, gallisches Dorf. Und was wir tun, sorgt international für Interesse.

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