Chronik | Österreich
29.12.2017

Illegales Glücksspiel: "Das ist Organisierte Kriminalität"

Polizei kämpft gegen professionelle Täter, die Verwaltungsstrafen schrecken wenig ab.

Der Kampf gegen das illegale Glücksspiel ist für die Finanzpolizei und die Kripo eine Sisyphus-Arbeit. Denn jedes beschlagnahmte Zock-Gerät wird in kürzester Zeit durch ein neues ersetzt. Und selbst Polizeisiegel werden aufgebrochen. Die (steuerfreien) Gewinne, die Bosse und ihre Handlanger einstreifen, sind – wie gestern berichtet – enorm. Selbst Drogenhändler können da mitunter neidisch werden.

"Wir haben kürzlich eine Kontrolle in Wien-Favoriten durchgeführt und da ist es uns gelungen, die Automaten im Vollbetrieb mit Spielern anzutreffen", berichtet Franz Kurz, der Chef der Wiener Finanzpolizei. "Auf einem Computer haben wir eine Liste der Einspielergebnisse vorgefunden und es hat sich herausgestellt, dass in den letzten 20 Tagen mit zwei Geräten mehr als 40.000 Euro Umsatz und 23.000 Euro Reingewinn gemacht wurden." Bereits zwei Tage nach der Razzia wurde in diesem Lokal an neuen Geräten wieder gezockt. "Die Lokale werden immer wieder nachgerüstet", sagt Kurz.

Strohmänner

Die Betreiber sind vor allem slowakische und ungarische Gesellschaften mit Strohmännern als Geschäftsführern. Gert Schmidt, Betreiber der Homepage www.spieler-info.at, hat sich seit vielen Jahren dem Kampf gegen das illegale Glücksspiel verschrieben. Mit Unterstützung des Novomatic-Konzerns und Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer geht er zivilrechtlich gegen die Bosse vor – denn diese sind durchwegs Österreicher.

Schmidt beschäftigt dazu einen versierten Glücksspiel-Techniker, der erst kürzlich bei einer Erkundungstour durch Oberösterreichs Zocker-Lokale von drei Männern niedergeschlagen wurde. Außerdem arbeitet für Schmidt der Berufsdetektiv Hans Schaffer, über dessen Erkenntnisse der KURIER gestern berichtet hat. Um die Hintergründe des illegalen Glücksspiel aufzudecken, observierte der ehemalige Mordermittler mit seinen Teams über Monate die österreichischen Glücksspiel-Drahtzieher, deren Logistikkette und ihre vielen Helfer.

Seine umfangreichen Erkenntnisse werden nicht nur in den Zivilprozessen als Beweismaterial vorgelegt, sondern auch dem Bundeskriminalamt und der Finanzpolizei übermittelt. Bei der Polizei durfte sich aber offiziell niemand dazu äußern.

"Es handelt sich dabei eindeutig um Organisierte Kriminalität, weil die Täter arbeitsteilig vorgehen", sagt Schaffer. "Die Hintermänner sind immer wieder dieselben", bestätigt Kurz. "Es sind nicht nur Österreicher darunter, sondern es haben neben Tschetschenen mafiös strukturierte Bande vom Balkan ihre Finger im Spiel, die den Markt durch besonders brutales Vorgehen aufmischen."

Auch Geldwäsche

Mitunter geht das Zockergeschäft auch einher mit anderen Straftaten wie Menschenhandel, Waffengeschäften und Geldwäsche.

"So ein Automatengeschäft ist auch eine Geldwaschmaschine", sagt Kurz. Seine Finanzpolizisten haben in Wien eine Jugendbande ausgehoben, die Autoeinbrüche und Diebstähle begangen hat. Die Beute verkauften sie an einen Hehler, der ein illegales Glücksspiellokal betreibt. "Die haben das Geld, das er ihnen gegeben hat, gleich wieder in seinem Salon verspielt", sagt der Finanzermittler. "Die Beschaffungskriminalität ist ein großes Thema beim illegalen Glücksspiel. Wenn ein Spieler den Einsatz nicht hat, besorgt er sich ihn. Das ist wie mit den Drogen." Die besten Plätze für illegale Spiellokale sind deshalb nahe Drogenumschlagplätzen, wissen Insider zu berichten.

Im Gegensatz zu anderen Ländern gilt illegales Glücksspiel in Österreich lediglich als Verwaltungsübertretung. Das war einmal anders, allerdings wurden viele Verfahren wegen geringen Strafausmaßes und schwierigen Ermittlungen stiefmütterlich behandelt.

Die Verwaltungsstrafe beträgt in der Regel bloß 1500 Euro, im Wiederholungsfalle bis zu 60.000 Euro. Doch wie viel davon tatsächlich gezahlt wird, darüber sind offiziell keine Auskünfte zu erhalten.

Laut Kurz wurde heuer in Oberösterreich ein Lager mit 600 illegalen Geräten entdeckt, die für den Nachschub gebunkert wurden. Insgesamt wurden im Vorjahr 2300 Geräte beschlagnahmt, doch es gibt kein Nachschubproblem. "Die Automaten kommen meist aus dem osteuropäischen Raum, wo es anscheinend große Reserven gibt", sagt Kurz. "Diese Gerätetypen sind meist ältere Modelle, die nicht viel kosten." Der Verlust ist deshalb verschmerzbar.

Die Gegenseite würde Stück für Stück nachrüsten: Geräte wurden einbetoniert, bis die Finanzpolizei mit entsprechendem Werkzeug kam. Dann kamen Tränengassicherungen für die Automaten – und Gasmasken für die Beamten. Aktuell werden Elektriker benötigt, um Stromfallen zu beschlagnahmen. Die Gewaltspirale dreht sich nach oben, befürchtet Kurz.