© Walter Schweinöster

Braunau
07/10/2020

Historiker: Hitlerhaus weiter „Neonazi-Selfie-Spot“

Stadt schlägt Rat von Experten aus und will Mahnstein vor Hitlerhaus lassen. Historiker Rathkolb ist skeptisch.

von Raffaela Lindorfer

Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau wird bis 2023 komplett umgestaltet, dann soll die Polizei einziehen. Ziel ist, dass das Gebäude „neutralisiert“ wird.

Eines könnte dem Vorhaben des Innenministeriums in die Quere kommen: Der Mahnstein, der am Gehsteig vor dem Haus steht, wird nicht versetzt und auch nicht verändert. Das verkündete die Stadtgemeinde Braunau am Inn am Donnerstag. Sie schlägt damit den Rat einer Expertengruppe in den Wind.

Dieser Gruppe gehörte der Historiker Oliver Rathkolb an. Er akzeptiert die Entscheidung, bleibt aber skeptisch: „Ich hoffe sehr, dass die Präsenz der Polizei und die Veränderung des Ambientes ausreichen. Das Haus könnte Selfie-Spot für Neonazis bleiben.“

Der Stein aus dem ehemaligen KZ Mauthausen, so die Einschätzung der Experten, werde als „ideologischer Anknüpfungspunkt verkehrt“, anstatt abzuschrecken.

Stein als Wegweiser

Dazu kommt: „Eine Studie hat ergeben, dass der Stein auch von den Bürgern Braunaus nicht als Mahnstein gesehen wird, sondern als Wegweiser zum Hitlerhaus. Er hat im Alltag der Braunauer also eine völlig andere Funktion als beabsichtigt.“

Aber: „Die Braunauer wollen das so, also müssen sie damit leben.“

Inschrift veraltet

Der zweite Rat lautete, die Inschrift des Steins zu adaptieren. Der jetzige Text („Für Frieden, Freiheit und Demokratie – Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“) stamme noch aus einer Zeit, als Österreich als „das erste Opfer des Nationalsozialismus“ gesehen wurde, erklärt Rathkolb.

Er riet, auf diesen Kontext mittels Zusatztafel hinzuweisen und klarzustellen, dass die österreichische Gesellschaft eine Mitverantwortung trägt. Aber auch dieser Rat wurde in den Wind geschlagen.

Heikle Familiengeschichten

Nur der dritte Punkt soll umgesetzt werden: Die Stadtgemeinde plant eine „wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der Geschichte der NS-Opfer in Braunau“. Historiker Rathkolb begrüßt das – hielte es aber für „einen großen Fehler, wenn nur die Opferrolle und nicht die Täterschaft aufgearbeitet wird“.

Dass sich Kommunen im ländlichen Raum damit schwer tun, sei verständlich: „Sobald ich Täterfrage stelle, bin ich in Familiengeschichten der Braunauer drinnen. Man weiß genau, wer damals Ortsgruppenleiter oder SS-Offizier war.“ Der Historiker ist aber zuversichtlich, dass das Versprechen einer „fundierten Aufarbeitung“ bedeutet, dass man vor diesem Aspekt nicht zurückschreckt.

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