Herwig Schuster lässt das Wasser in der Gurk beproben. „Die Blaukalk-Deponie in Brückl gibt permanent Giftstoffe ab“, sagt der Chemiker.

© /Arnold Pöschl/Greenpeace

Kärntner Umweltskandal
03/07/2015

"Erwarte HCB-Auffälligkeiten im Blut"

Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster befürchtet, dass weitere Bomben platzen.

von Thomas Martinz

Die Umweltorganisation Greenpeace hat im Skandal um die Verseuchung des Kärntner Görtschitztals mit Hexachlorbenzol (HCB) stets die Rolle des Aufdeckers übernommen. Letzte Woche wurden Beprobungen des Gurk-Flusses in Auftrag gegeben, der durch Brückl fließt. Dort lagern bekanntlich weiterhin Tausende Tonnen Blaukalk. Der KURIER sprach mit Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster über aktuelle Untersuchungen und die Zukunft des Tals:

Greenpeace lässt das Wasser aus dem Gurk-Fluss beproben. Befürchten Sie, dass Giftstoffe im Fluss gefunden werden?

Schuster: Wir wissen, dass die Deponie permanent Gift abgibt. Die Frage ist: In welchen Mengen werden welche Giftstoffe abgegeben? Messergebnisse von Fichtennadeln haben ja auch einen Anstieg von HCB-Luftemissionen aus der Deponie während der Aufbereitung des Blaukalks bei der Donau Chemie ergeben. Die Sonneneinstrahlung ließ die Gifte verdunsten. Es ist erwiesen, dass im Untersuchungszeitraum HCB-Konzentrationen im Görtschitztal von Norden nach Süden abnahmen – um bei der Deponie (Brückl liegt im Süden, Anm.) wieder anzusteigen.

Greenpeace hat am Donnerstag Proben entnommen, Mitte nächster Woche rechnen Sie mit Ergebnissen. Das Land benötigt oft Wochen und Monate, um Resultate zu erlangen.

Wir haben den Vorteil, dass wir die Amtswege nicht einhalten müssen. Unser Labor ist vorgebucht, während die Kärntner Behörden die Proben drei Mal rund um die Welt schicken und die Labors mit vielen Proben, die gleichzeitig eingeschickt werden, überfordern.

Wie ist es aber möglich, dass die Bevölkerung im Görtschitztal seit Monaten auf die Ergebnisse der Bluttests wartet und erst nächste Woche aufgeklärt wird?

Das ist für die besorgten Menschen eine Zumutung. Offensichtlich waren das Umweltbundesamt und die Med-Uni Wien überfordert.

Ärzte haben den Menschen vor Ort geraten, das Blut nicht auf HCB untersuchen zu lassen. Das Argument lautete, dass man aus medizinischer Sicht sowieso keine Möglichkeit zum Abbau des HCB sehe. Verstehen Sie diesen Rat?

Nein. Wir sollten auch ein Bild bekommen und abschätzen können, über welchen Pfad HCB ins Blut gelangt ist. Wie man hört, sollen HCB-Werte jenseits des Grenzwerts die Regel sein. Ich erwarte HCB-Auffälligkeiten im Blut. Wenn das stimmt, müssen weitere Bluttests folgen, dann muss man in die Breite gehen. Es wäre ja interessant, wie viel HCB im Körper eines Klagenfurters auftritt, der Produkte aus dem Görtschitztal konsumiert hat und wie viel im Fall eines Bauern oder eines Kindes vor Ort. Man wird beispielsweise beurteilen müssen, ob Stoffwechselerkrankungen mit HCB zusammenhängen könnten. Oder eventuell Störungen des Hormonsystems. Da ist die Wissenschaft aktuell noch nicht gut genug informiert.

Glauben Sie, dass der Skandal nun seinen Höhepunkt erreicht hat, oder dass weitere Bomben platzen könnten?

Ich hoffe, dass keine Bombe mehr platzt. Wenn, dann wohl eher aus der Historie heraus, weil es sich zeigen könnte, dass Leute von diesem Skandal gewusst und einfach ein riskantes Spiel betrieben haben. Entscheidend für die Aufarbeitung des Skandals und einen Neustart im Görtschitztal wird die erste Heuernte 2015 sein – entscheidend wahrscheinlich für die gesamte Landwirtschaft in dieser Region. Wenn man keine HCB-Belastung findet, kann der Neustart gelingen. Ansonsten besteht für viele weitere Jahre ein Problem, denn die Halbwertszeit bei HCB im Boden ist leider prinzipiell lange.

Ein Problem liegt auch bei der Donau Chemie, denn niemand weiß, was mit den Tausenden Tonnen teilweise kontaminierten Blaukalks passieren soll.

Diese Deponie ist eine der gefährlichsten in ganz Österreich. Sie gehört beseitigt, und zwar möglichst schnell. Nach der Kündigung des Vertrags von Seiten der Wietersdorfer Zementwerke würde eine Neuausschreibung zur Blaukalk-Entsorgung Jahre dauern, der Vertrag könnte wieder und wieder beeinsprucht werden. Da besteht ein gewisser Zeitdruck, das muss verhindert werden.

Ist das ein Appell, die Blaukalk-Verbrennung weiterhin in Wietersdorf durchzuführen?

Nein. Ich interpretiere den Vertrag zwischen Donau Chemie und den "w&p"-Zementwerken in Klein St. Paul so, dass Wietersdorfer nicht verpflichtet ist, das giftige Material selbst zu verbrennen, sondern auch einen Subunternehmer damit beauftragen könnte. Wopfing in Niederösterreich ist natürlich ein Kandidat, aber dieses Zementwerk schafft zwei Tonnen pro Stunde – da würde die Entsorgung des Kalkschlamms aus Brückl 20 Jahre dauern. Man müsste zwei, drei Zementwerke gleichzeitig mit der Aufarbeitung des Kalks aus dieser Deponie beauftragen.

Testergebnisse: Hohe Werte bei zehn Prozent der Betroffenen

Die ersten Bluttests aus dem Kärntner Görtschitztal sind ausgewertet. Die Landessanitätsdirektion beginnt nun , die Betroffenen zu informieren und Beratungstermine zu vereinbaren, um die Ergebnisse zu besprechen.

Zwischen 12. Jänner und 3. Februar 2015 wurden insgesamt 120 Blutproben genommen. Diese wurden im Umweltbundesamt in Wien ausgewertet und an der Med-Uni Wien analysiert.

„Bei etwa einem Fünftel der Betroffenen liegen die Werte in einem Bereich, in dem empfohlen wird, für längere Zeit auf Milch- und Fleischprodukte zu verzichten. Bei zehn Prozent sind sie hoch, stellen aber keine Gesundheitsgefährdung dar“, sagte HCB-Krisenkoordinator Albert Kreiner. Bei einem Großteil der Betroffenen seien die Ergebnisse unter den Referenz- und Vergleichswerten gelegen.

Die persönlichen Gespräche über die jeweiligen Befunde sollen ab nächster Woche stattfinden. Erst wenn diese abgeschlossen sind, will das Land mit allen Daten an die Öffentlichkeit gehen. In der Woche darauf soll die Medizinische Universität gemeinsam mit den Umweltorganisationen Global 2000 und Greenpeace eine Risikobewertung erstellen und ein Gesamtergebnis veröffentlichen.

Zusätzlich zu den Proben aus dem Görtschitztal wurden 97 Proben aus ganz Österreich, die von einer repräsentativen Ernährungsstudie aus den Jahren 2010 bis 2012 stammen und aufbewahrt wurden, zur Ermittlung von österreichischen Referenz-werten analysiert.

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