"Fasten der Ohren": Warum die Glocken vor Ostern schweigen

Rund 20.700 Kirchenglocken verstummen ab Gründonnerstag. Die schwerste ist die "Pummerin", weltweit liegt sie auf Platz 7.
Eine große Glocke hängt in einem metallenen Glockenstuhl vor einem hellen Fenster.

Und plötzlich sind sie still, die Glocken, über deren Lautstärke sich so mancher Anrainer hin und wieder, gelinde gesagt, ärgert. Aber nun ist es wieder Gründonnerstag und die Kirchenglocken - jedenfalls die der katholischen Kirche - sind stumm. Sie fliegen weg, heißt es im Volksmund, nach Rom.

Warum die Glocken Flügel bekommen

Woher dieser Spruch stammt, ist nicht überliefert; dafür gibt es so einige Interpretationen, wie er zustande gekommen sein könnte. Eine davon ist jene, wonach die Glocken den päpstlichen Segen "Urbi et Orbi" abholen und mit nach Hause tragen.

Wahrscheinlicher ist eine kindgerechte Erklärung dafür, weshalb der gewohnte Glockenklang für ein paar Tage verstummt.

Ratschen statt läuten

Denn auch wenn heutzutage das Fehlen der Glocken nicht mehr unbedingt auffällt - in weniger technologisch geprägten Zeiten war das Ausbleiben ihres Läutens ein Einschnitt in den Tagesablauf. Als Ersatz dienten Ratschen, eine Tradition, die sich bis in das 6. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Wieso läuten die Kirchenglocken nicht mehr?

Glocken wie auch Orgeln verstummen am Abend des Gründonnerstag, konkret mit dem "Gloria" der Gründonnerstagsliturgie. Die katholische Kirche umschreibt das als "Fasten der Ohren", vergleichbar mit dem "Fasten der Augen", denn auch Kreuze oder Bilder werden verhängt. Damit soll an das Leiden Christi erinnert werden. Die Glocken erklingen dann erst wieder am Karsamstag in der Osternacht. Eine Tradition, die nicht in allen christlichen Kirchen vorhanden ist. So lassen die evangelischen Pfarren ihre Glocken auch vor den Ostertagen erklingen, zumal der Karfreitag als höchster Feiertag der evangelischen Kirche gilt.

Wie viele (Kirchen-)Glocken gibt es in Österreich?

Eine exakte Zahl existiert nicht, aber es gibt Zählungen der Diözesen: Demnach besitzt die katholische Kirche 20.696 Glocken in allen Größen. Jede Diözese hat eigene Beauftragte, die für Erhalt, Pflege und gegebenenfalls den Ersatz der Glocken verantwortlich sind.

Karte und Tabelle zeigen Anzahl und Gewicht der schwersten Kirchenglocken in Österreichs Diözesen.

Seit wann verwenden Menschen überhaupt Glocken?

Länger als vermutet: Funde belegen sie im China des 3. Jahrtausends vor Christus. Etwa 700 vor Christus erreichten Glocken den Mittelmeerraum, seit rund 1.500 Jahren werden sie in der Kirche eingesetzt. Sie riefen Mönche zum Gebet, brachten eine Tageseinteilung und wurden auch als Alarmsysteme eingesetzt, wenn sie etwa vor Bränden und Unwettern warnten.

Wo hängt die älteste Glocke Österreichs...?

Als älteste datierte Glocke gilt die "Friedensglocke" in St. Martin am Ybbsfelde (Niederösterreich), sie stammt aus der Zeit um 1200. Ihre Herkunft ist unklar, sie gilt als die weltweit einzige, sogenannte Oktavglocke, die noch läutbar ist.

Älter ist nur noch eine Glocke aus Kärnten, die aus dem 11. Jahrhundert stammt, aber nicht mehr in einer Kirche hängt, sondern im Diözesanmuseum. Allerdings existieren in Österreich nur noch wenige historische Glocken, die vor dem 20. Jahrhundert gegossen worden sind, ihre Anzahl wird mit rund 2.500 angegeben, das sind 12 Prozent des Gesamtbestandes: Während der beiden Weltkriege - großteils im Ersten Weltkrieg - wurden viele Glocken eingeschmolzen, weil das Material zur Waffenproduktion benötigt wurde.

... und wo die schwerste Glocke?

Sie hängt in Wien, die "Pummerin" im Stephansdom wiegt 20.130 Kilogramm. Sie ist übrigens eine recht junge Glocke, sie wurde 1951 neu gegossen: Ihre Vorgängerin - 1711 aus von Osmanen erbeuteten Kanonenkugeln hergestellt - wurde 1945 bei einem Brand zerstört. Mit ihren 20 Tonnen ist die "Pummerin" somit das Schwergewicht in Österreich, weltweit liegt sie auf Platz 7. Davor rangieren:

  • "Zarenglocke" in Moskau mit 202 Tonnen (wurde ob ihres Gewichts nie geläutet)
  • "Tokinosumika-Glocke" im japanischen Gotemba (36.250 kg),
  • "Millenniumsglocke" in Kentucky, USA (30.000 kg)
  • "Festtagsglocke" im russischen Weliki Nowgorod (26.000 kg)
  • "St. Petersglocke" im Kölner Dom (24.000 kg)
  • "Maria Dolens" in Rovereto, Italien (23.000 kg).

Wer gibt den Glocken Namen?

Die Bezeichnung darf aussuchen, wer eine Glocke in Auftrag gibt. Bei Pfarren steht naturgemäß ein Heiliger oder eine Heilige Pate. Eine weitere Variante wäre, sie nach ihrem Zweck zu benennen, Glocken, die nur an einem bestimmten Tag läuten, tragen den Namen dieses Tages, z. B. "Domenica" für Sonntag. Wobei nicht alle Glocken den ihnen eigentlich zugedachten Namen auch behalten, siehe "Pummerin". Die heißt eigentlich "Marienglocke".

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