BLUTTAT IN WIEN-BRIGITTENAU - FRAU NACH KOPFSCHUSS GESTORBEN

© APA/GEORG HOCHMUTH / GEORG HOCHMUTH

Analyse
12/29/2021

Gewaltschutz: Das muss sich 2022 ändern

Experten geben einen Überblick über die Problemfelder, bei denen im kommenden Jahr dringend nachgebessert werden muss

von Michael Chudik

Insgesamt 31 Frauen wurden in Österreich alleine im heurigen Jahr ermordet. Damit gab es jeden zwölften Tag einen Frauenmord. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Alexander Haydn von der Männerberatung Wien.

Die 11.000 Betretungsverbote pro Jahr würden zeigen, dass Gewalt in der Familie ein alltägliches Problem ist. „Und das ist nur der helle Teil des Ganzen. Die Dunkelziffer scheint mir doch sehr viel größer zu sein.“ 

Damit die Gewalt in den eigenen vier Wänden, insbesondere gegen Frauen abnimmt, braucht es laut verschiedener Experten auch Maßnahmen seitens der Politik. Der KURIER hat mit Alexander Haydn und Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Autonomen Frauenhäuser, darüber gesprochen, was sich 2022 ändern muss.

Datenschutz-Hürden

Karoline Edtstadler (ÖVP) habe vor zwei Jahren als Staatssekretärin postuliert: Datenschutz darf nicht vor Gewaltschutz stehen.

„Tatsächlich ist es aber so. Gefährder, die zu Anti-Gewalt-Trainings verpflichtet sind, müssen nach wie vor schriftlich zustimmen, wenn eine Beratungsstelle eine andere Einrichtung einbinden möchte. Hier braucht es eine klare Regelung, wie diese Datenschutzbeschränkungen im Sinne des Gewaltschutzes und vor allem auch im Sinne des Opferschutzes hintangestellt werden können“, sagt Haydn.

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Bessere Vernetzung

Der sinnvollste Weg wäre für die Experten eine bessere Vernetzung. „Es gibt eine Menge Insellösungen, die zwar allesamt sinnvoll sind, aber vernetzt gehören. International gesehen ist das bereits Standard“, meint Haydn.

Hier brauche man nur nach Schottland oder Norwegen zu schauen, wo es eine deutlich bessere Vernetzung gebe. „Wir brauchen eine engere Zusammenarbeit und natürlich auch mehr Transparenz“, sagt Rösslhumer.

Fallkonferenzen

Großen Aufholbedarf sehen die Experten hinsichtlich der sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen. Also jenem Instrument, bei dem sich Polizei, Justiz und Gewaltschutzeinrichtungen über einzelne Fälle austauschen.

„Es gibt schlicht und ergreifend immer noch viel zu wenige davon – insbesondere in Wien“, sagt Rösslhumer. Früher hätte es allein in Wien 80 pro Jahr gegeben, heuer ließen sich diese an einer Hand abzählen.

Anti-Gewalt-Trainings

Nicht einverstanden sind die Experten mit dem Umfang der verpflichtenden Anti-Gewalt-Trainings von Gefährdern. Die sechs Stunden, die dafür vorgesehen sind, seien bei Weitem zu wenig. „Wir hätten uns gewünscht, dass aus diesen sechs Stunden ein achtmonatiges Programm wird“, erklärt Rösslhumer.

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Prävention in den Schulen

Der Gewalt gegen Frauen liegen oft gesellschaftliche Probleme  und patriarchale Rollenbilder zugrunde. Haydn und Rösslhumer fordern Workshops mit Schülern, aber auch welche für Pädagogen. Dazu fehlt es aber an Fördermitteln: „Es kann nicht sein, dass es im Bildungsministerium keinen Fördertopf für Gewaltprävention in Schulen gibt“, meint Rösslhumer. 

Trotz der Kritik merken die Experten aber auch an, dass zuletzt einiges auf den Weg gebracht wurde. „Wir sind am richtigen Weg, es muss aber noch an den richtigen Schrauben gedreht werden.“ Vieles sei am Papier gut, häufig scheitere es an der Umsetzung.

Hilfe für Betroffene

Hilfe für Betroffene gibt es nicht nur unter dem Polizei-Notruf 133, sondern auch beim 24-Stunden Frauennotruf 01/71719, der Frauenhelpline 0800/222555 und dem Frauenhaus-Notruf des Vereins Wiener Frauenhäuser unter 05/7722.

Auch Männer erhalten in Krisensituationen  beim Männernotruf  0800/246247 oder bei der Männerinfo Hotline 0800/400777, rund um die Uhr Hilfe.

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