Chronik | Österreich
16.12.2018

Gerichtsmedizin: Mehr als 20 Morde pro Jahr bleiben unentdeckt

Immer weniger Leichen landen auf dem Seziertisch. Das Fach hat ein massives Personalproblem.

Eine Bettlägrige, die mit einem Polster erstickt wird, oder der reiche Ehemann, bei dem mit ein wenig Arsen im Essen nachgeholfen wird: Weil die Obduktionsrate seit Jahren stark rückläufig ist, gehen Gerichtsmediziner davon aus, dass immer mehr auf so eine Art verübte Morde unentdeckt bleiben.

Während 1984 noch 30.700 und Anfang der 2000er-Jahre jährlich etwa 18.000 Obduktionen in Österreich durchgeführt wurden, so landeten 2017 nur mehr 8913 Leichen auf dem Seziertisch.

Nur noch wenn bei einem Todesfall deutliche Anzeichen vorliegen und von Fremdverschulden auszugehen ist, wird die Gerichtsmedizin eingeschalten.

„Es ist ein internationaler Trend, dass die Obduktionsfrequenz sinkt. Das ist schlecht für die Todesursachenstatistik und natürlich auch für die Kriminalitätsbekämpfung“, sagt der Präsident der Österreichischen Gerichtsmediziner, Walter Rabl.

Der perfekte Mord

Sein prominenter Wiener Kollege, Christian Reiter, geht davon aus, dass viele Straftaten durch diesen Trend völlig untergehen.

„Der perfekte Mord ist der nicht sezierte Mord. Vor ein paar Jahren waren es jährlich noch geschätzte 20 Morde in Österreich, die unentdeckt geblieben sind. Seither ist die Obduktionsquote weiter rückläufig. Also wird auch die Zahl der unerkannten Morde gestiegen sein. Das ist eine Schätzung aus dem Bauch heraus“, sagt Reiter.

Die Gerichtsmedizin selbst droht ein aussterbendes Fach zu werden. Der Mangel an Fachärzten war noch nie so groß wie jetzt.

Wegen des geringen Interesses gibt es kaum noch Facharztausbildungen an dem medizinischen Fakultäten. In Wien etwa wurde schon seit Jahren kein Gerichtsmediziner mehr ausgebildet.

„Das Problem liegt sicher nicht an der Attraktivität des Faches, sondern es ist eher ein Problem der Ausbildung und des kaum vorhandenen Jobangebots in Österreich“, sagt Rabl. Schuld an Letzterem sind Einsparungen.

Ein weiterer Grund ist die Bezahlung: 2400 Euro Bruttogehalt für einen ausgebildeten Mediziner, mit keinerlei Chancen auf Zulagen wie in anderen Fachrichtungen, seien kaum ein Anreiz.

Tarife stagnieren

Weil es sich um ein begutachtendes Fach handelt, sind die Mediziner auf ihre Sachverständigentätigkeit angewiesen. Und hier sind die Tarife seit Jahren unverändert. Der durchschnittliche Stundensatz für einen Kfz-Mechaniker in einer Autowerkstätte liegt laut Arbeiterkammer bei 129,64 Euro.

Dagegen mutet es fast lächerlich an, was ein Gerichtsmediziner nach absolviertem Studium, sechsjähriger Facharztausbildung und fünfjähriger Berufspraxis bekommt.

Die Tarife sind im Gebührenanspruchsgesetz geregelt. Eine gerichtsmedizinische körperliche Untersuchung samt Gutachten wird beispielsweise mit 30,30 Euro abgegolten, für eine Obduktion „in einfachen Fällen“ gibt es 93,50 Euro und für solche mit komplizierteren Gutachten 187,20 Euro.

„Wenn ein Gerichtsmediziner den ganzen Tag bei einer Verhandlung anwesend sein muss, bekommt er einen Stundensatz von 30 Euro. Da überlegen es sich viele“, so Rabl.

Neben einer Handvoll niedergelassener Sachverständiger gibt es mit Wien, Salzburg/Linz, Graz und Innsbruck vier gerichtsmedizinische Zentren in Österreich.

Neben den 1348 gerichtlich angeordneten Obduktionen wurden auch in mehreren hundert Fällen die sanitätsbehördlichen (1107) und klinischen Obduktionen (6458) von einem Gerichtsmediziner durchgeführt.

„Wir haben sehr viele Untersuchungsmöglichkeiten, die Pathologen in den Spitälern nicht haben. Daher wandert vieles von dort auch auf unseren Tisch“, erklärt Rabl.

Kriminalfälle

Weil die Personalsituation noch nie so akut war wie zur Zeit, kommt es gerade in Kriminalfällen zu großen Verzögerungen. Zuletzt dauerte es mehr als zwei Wochen, bis in einem möglichen Mordfall in NÖ eine skelettierte Leiche am Seziertisch eines Gutachters landete.