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Chronik Österreich
05/27/2019

Gefahr im Straßenverkehr: "Handy am Steuer wie 0,8 Promille"

Mehr als eine Million Strafen wurden seit 2010 für Telefonieren am Steuer ausgestellt - die Tendenz ist wieder steigend.

von Stefan Jedlicka

Was hatten 115.470 Österreicher im Vorjahr mit Fußball-Ikone David Beckham gemeinsam? Sie wurden von der Polizei am Steuer ihres Wagens beim Telefonieren erwischt.

Was Beckham von den Österreichern trennt, sind die Konsequenzen: Weil das Vergehen in Großbritannien als Delikt im Punkteführerschein gilt, musste der prominente Ex-Kicker seine Fahrerlaubnis für sechs Monate abgeben. Er hatte zuvor bereits Strafpunkte wegen Schnellfahrens und Tippens am Smartphone während des Autofahrens gesammelt.

In Österreich werden „nur“ 50 Euro Strafe fällig. Und auch das nur, sofern man von der Exekutive angehalten wird, oder auf einem Radarbild beim Telefonieren zu sehen ist, erklärt Andreas Stipsits, Leiter der burgenländischen Verkehrsabteilung. Aufgrund einer Beobachtung verschickt würden solche Anzeigen nicht.

„Im Blindflug“

Doch das Handy am Steuer ist kein Kavaliersdelikt: Es verschlechtert die Reaktion so stark wie 0,8 Promille Alkohol im Blut, warnt der Verkehrsclub Österreich (VCÖ). „Telefonierende Autofahrer reagieren etwa eine halbe Sekunde später“, konkretisiert VCÖ-Experte Markus Gansterer. Das Unfallrisiko steige bis auf das 23-Fache an.

Konkretes Beispiel: Läuft ein Kind 25 Meter vor einem Pkw, der 50 km/h fährt, über die Straße, kann ein aufmerksamer (nicht telefonierender) Lenker gerade noch rechtzeitig anhalten. Ein Autofahrer, der eine halbe Sekunde verzögert reagiert, fährt das Kind mit rund 35 km/h nieder – schwere Verletzungen oder der Tod wären die Folge.

Das bestätigt auch Stipsits: „Weil das Telefonieren am Steuer zu den häufigsten Unfallursachen zählt, kontrollieren wir verstärkt.“ Erwischt würde dennoch nur ein Teil der Verkehrssünder.

Stipsits erinnert sich an eine Mutter zweier Kinder, die mit Handy am Steuer angehalten wurde. „Wir haben es bei einer Abmahnung belassen, weil sie einsichtig war. Aber nur ein paar Wochen später habe ich sie wieder beim Telefonieren erwischt. Dann gab es natürlich eine Strafe.“

Strafe & Aufklärung

Ferdinand Zuser, Chef der niederösterreichischen Verkehrsabteilung, erzählt von einem besonders drastischen Fall: „Nach einem Unfall mit Todesopfer fanden die Einsatzkräfte im Wagen das Handy des Lenkers, auf dem noch die Nachricht zu sehen war: ‚Du warst plötzlich weg, hoffe es geht dir gut.‘“

Zuser betont: „Das Versenden von Nachrichten während der Fahrt ist noch gefährlicher als das Telefonieren, weil man dadurch völlig von der Straße abgelenkt ist.“ Er habe einen Lenker beobachtet, der sein Smartphone mit beiden Händen bediente: „Mit einer hat er es am Lenkrad festgeklemmt, mit der anderen darauf herumgedrückt.“

Höhere Strafen alleine sieht Zuser nicht als wirksames Gegenmittel. „Auch Aufklärung und Bewusstseinsbildung sind wichtig.“

Mehr Strafen

In Wien führt die Polizei monatlich rund 150 Verkehrsschwerpunkte durch. Im Jahr 2018 wurden dabei 21.838 Organmandate wegen Telefonierens ohne Freisprecheinrichtung ausgestellt. Es gab fast 2.900 Anzeigen. Österreichweit wurden seit dem Jahr 2010 bereits mehr als 1,1 Millionen Strafzettel verteilt.

ÖAMTC-Psychologin Marion Seidenberger warnt: „Man kann nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig gut bewältigen.“ Sie hat die Auswirkungen in Echtfahrversuchen gemessen: „Es ist nicht nur das Handy. Ist man mit 50 km/h unterwegs, nimmt dabei eine Brille aus dem Etui und setzt sie auf, dann legt man in dieser Zeit mindestens 40 Meter ,im Blindflug’ zurück. Wer beide Hände dazu benötigt, kann sogar bis zu sieben Sekunden lang freihändig unterwegs sein.“