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Chronik | Österreich
03/10/2019

Frühling: Blüte ist drei Wochen zu früh dran

Viele Pflanzen blühen wegen der zuletzt warmen Temperaturen bereits. Marillenbauern fürchten sich vor Kälteeinbruch.

In der Früh erfreut sich Susi derzeit täglich einer schönen Aussicht. Von ihrem Frühstückstisch blickt sie direkt auf den Marillenbaum, der bereits in voller Blüte steht. Auch Hummeln tummeln sich bereits vereinzelt um den Baum, und manchmal beobachtet die Wienerin auch einen Stiglitz, der sich auf den Ästen niederlässt.

Die Pensionistin ist aber auch besorgt: „Es ist noch zu früh, es wird bestimmt noch einmal kalt. Dann kann ich heuer vielleicht gar keine Marillen ernten.“

„Der vergangene Februar ist insgesamt deutlich zu warm ausgefallen“, sagt Nikolas Zimmermann vom Wetterdienst UBIMET. Der 28. Februar war der bisher wärmste in der Messgeschichte. „Auch der März hat zu warm begonnen. Die Abweichungen sind besonders hoch im Osten des Landes. Da liegen sie drei bis vier Grad über dem Mittel.“

Viele Pflanzen blühen laut Michael Kiehn, dem Leiter des Botanischen Garten der Universität Wien, dieses Jahr deswegen bis zu drei Wochen früher als normalerweise. „Die Kornelkirsche steht in Vollblüte, die Weiden blühen, ebenso wie die Birken und Haseln“, sagt der Experte. Und: „Diese Pflanzen reagieren darauf, wenn es längere Zeit warm ist.“

Ungewöhnlich

In den nächsten Tagen sei es auch bei den Magnolien und Mandeln soweit. Was besonders ungewöhnlich sei, da sie normalerweise erst Anfang April zu blühen beginnen. Auch Löwenzahn und Gänseblümchen hat Kiehn bereits gesichtet. „Wenn die Pflanzen einmal anfangen, ihre Blüten zur Entfaltung zu bringen, können sie dies nicht mehr zurückfahren.“ Das berge für die Pflanzen große Gefahren, sollte es noch einmal frieren. „Und das kann im März ganz leicht passieren“, sagt Kiehn.

 

Der Obmann der Vereinigung „Wachauer Marille“, Franz Reisinger, ist schon „ein bisschen unruhig“. In der Wachau blühen die Bäume noch nicht. Das liege wohl daran, dass sie nicht so geschützt seien wie im Schrebergarten von Susi. „Aber es ist verdächtig warm und noch drei Wochen zu früh“, sagt Reisinger. Sobald die Pflanzen in den Saft gingen, würden sie sehr empfindlich werden.

Dies passiere, wenn es „mehrere Tage hintereinander über 15 Grad Celsius hat, den ganzen Tag die Sonne scheint und in der Nacht nicht abkühlt“. Er ergänzt: „Wir hoffen, dass es kühl bleibt und es sich noch möglichst lange rauszögert.“ Ideal wäre eine Marillenblüte erst um den 10. April. Dann sei die Gefahr, dass die Pflanzen noch Schäden erleiden, geringer.

 

Sicher könne man sich aber nie sein, sagt Stefan Schauer, Geschäftsführer von Staud’s. Aus seinem Garten stammen die Marillen für die Marmeladen-Edition „Venusberggarten in Willendorf“. Um keinen Ausfall in der Produktion zu erleiden „versuchen wir, einen Teil der Marillen-Ernte – wenn möglich zirka die Hälfte – als Puffer zurückzuhalten“, sagt er.

Pollenallergiker

Mit den warmen Temperaturen kommen auch die Insekten früher aus ihren Verstecken. „Ich habe bereits Schmetterlinge gesehen, das hat mich sehr verblüfft“, sagt Zoologe Harald Krenn.

Während sich die Weinbauern laut Christian Schabl, dem Bezirksbauernobmann-Stellvertreter von Mödling, noch keine Sorgen wegen des Wetters machen, spüren laut Kiehn die Pollenallergiker, dass die Pflanzen dieses Jahr so früh blühen. „Man geht davon aus, dass die Pollensaison wegen des Klimawandels immer früher beginnen kann“, sagt Katharina Bastl vom Pollenwarndienst der Medizinischen Universität Wien. Jährliche Schwankungen spielen laut der Expertin bereits jetzt eine immer größere Rolle.

In den kommenden Tagen passt sich das Wetter laut UBIMET wieder den Normalwerten dieser Jahreszeit an. In der Nacht auf Dienstag kann die Temperatur gar auf null Grad sinken. Susi hat von ihrem befreundeten Gärtner den Ratschlag bekommen, ihren Marillenbaum dann mit Nylon abzudecken