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Chronik Österreich
10/11/2019

Klimaaktivisten: Rebellion der radikalen Freundlichkeit

„Extinction Rebellion“ will mit zivilem Ungehorsam die Welt retten. Wer ist die umstrittene Gruppe?

von Andreas Puschautz

Die letzten ließen sich freundlich lächelnd von der Polizei von der Straße tragen. Mit diesen Bildern endete Montagnachmittag der Auftakt zu der von den Klimaaktivisten von „Extinction Rebellion“ (zu Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben; kurz: XR) ausgerufenen Rebellionswoche. Etwa 200 Aktivisten hatten singend die Zweier-Linie vor dem Wiener Museumsquartier blockiert, bis sie weggetragen wurden.

Ruhig, freundlich, ohne Widerstand zu leisten.

Bilder wie diese sind ganz genau das, was sich die Organisation wünscht. Die Gruppe setzt auf gewaltfreien zivilen Ungehorsam, um Regierungen endlich zu entschiedenerem Handeln in Anbetracht der Klimakrise zu bewegen.

Das klingt harmlos, doch: die Gruppe polarisiert.

In Österreich noch relativ neu und unbekannt, sorgt die Organisation vor allem in ihrem Ursprungsland England seit der Gründung vor einem Jahr mit gewaltlosen Blockadeaktionen für Aufsehen. Bereits mit ihrer ersten Aktion im November 2018 waren den Aktivisten die Schlagzeilen sicher: Über Stunden blockierten sie fünf zentrale Themse-Brücken. Und erst am Donnerstag erklomm ein paralympischer Athlet in London eine British-Airways-Maschine für einen Sitzstreik.

Umstrittener Gründer

Für Aufsehen sorgen aber auch immer wieder die Aussagen von Roger Hallam, einem ehemaligen Biobauern und einem der XR-Gründer. Der Zeit sagte er, auch wer „ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt“, könne mitmachen. Dem Spiegel erzählte er wiederum, das Thema Klimaschutz sei „größer als die Demokratie“.

Kein Wunder also, dass die Gruppe mit Kritik von weit rechts („Öko-Terroristen“) bis weit links („staatsgläubig, unkritisch“) konfrontiert ist.

Die Frage ist: Zurecht? Handelt es sich bei XR um einen Haufen radikaler Spinner, die die Demokratie infrage stellen? Um obrigkeits-hörige Pseudo-Revolutionäre? Oder doch nur um ganz normale Menschen, die sich vor einer ökologischen Katastrophe fürchten?

Klimademo

Klimademo

Am Tag nach der Blockade vor dem Museumsquartier in einem Café an der Wienzeile. Paul, 32-jähriger Ökologie-Absolvent, blonde Haare, Zweitagebart, freundliches, offenes Gesicht, ist Sprecher von XR Österreich und erklärt, warum man sich vor den Klimaschützern nicht fürchten müsse: „Uns geht es nur darum, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten und das Artensterben zu beenden. Und das so, dass es so wenige Verlierer wie möglich in der Gesellschaft gibt.“

XR begreift sich als strikt überparteilich. Was heißt das konkret? „Dass wir uns aus dem ideologischen Hickhack und Schuldzuweisungen heraushalten.“ Hallams Aussage über die Demokratie kann Paul nichts abgewinnen.

Die Parteiendemokratie versagt

Aber: Auch er findet, das zerstrittene Parteiensystem lähme die Gesellschaft bei wichtigen Themen wie dem Klimaschutz. Darum ist eine der Forderungen, dass eine vom Staat eingesetzte Bürgerversammlung gemeinsam mit Experten Lösungen für die Klimakrise erarbeiten soll.

Dafür kämpft XR mit Mitteln des zivilen Ungehorsams – aber radikal freundlich. Bei Autofahrern, die wegen XR-Aktionen im Stau stehen, entschuldigt man sich. Wer Polizisten beschimpft, ist unerwünscht.

Ein schlaues Vorgehen: Für die Akzeptanz in der Bevölkerung sei die Gewaltfreiheit „ganz zentral“, sagt Soziologin Ruth Simsa von der WU Wien auf KURIER-Anfrage. Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand von der Universität Wien stellt sich jedoch auch die Frage, „wie weit das durchhaltbar ist“, falls die Polizei doch einmal brutal durchgreife. Sei doch aus der Forschung bekannt, dass die herrschende Politik Bewegungen, die zu stark werden, häufig über die „Gewaltfrage“ zu spalten versuche.

In jedem Fall steht „Extinction Rebellion“ in der Tradition bekannter gewaltfreier Widerstandsbewegungen der Vergangenheit – von Mahatma Gandhi über Rosa Parks bis hin zu den Suffragetten, den Vorreiterinnen im Kampf für das Frauenwahlrecht. Letztere fallen auch Soziologin Simsa bei der Frage nach der Legitimität des Anliegens der Klimaschützer ein: Auch die Suffragetten wurden damals weggetragen und ins Gefängnis geworfen. „Was uns heute normal vorkommt, wurde zur damaligen Zeit oft extrem gesehen.“

Noch ist es aber nicht soweit. Am Freitag beendet XR die Aktionswoche in Wien mit einem gemeinschaftlichen „Die-In“, einem symbolisierten Massensterben, im Naturhistorischen Museum.

Wie immer: radikal freundlich.