Gute Miene zum ernsten Gespräch in den Gerstner Salons im Palais Todesco, Kärntner Straße:Talk mit Wolfgang Fischer, Sabine Haag und Oliver Braun

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
07/25/2020

"Es ist halt nur die Frage, wie lange wir das durchhalten"

Keine Konzerte in der Stadthalle, keine Events für den Caterer, keine Touristen für das Museum. Wie geht das? Der KURIER bat drei betroffene Manager und Unternehmer zur Diskussion.

von Martina Salomon, Richard Grasl

KURIER: Frau Generaldirektorin, wie sieht denn der aktuelle Betrieb im Kunsthistorischen Museum aus? Bis Mai war ja geschlossen.

Sabine Haag: Seit dem Pfingstwochenende haben wir wieder geöffnet – mittlerweile alle Standorte, bis auf die Schatzkammer. Insgesamt verzeichnen wir ein fettes Minus. Gegenüber dem Vorjahr sind um 50 Prozent weniger österreichische und um 80 Prozent weniger internationale Gäste da. Das Beste, was uns momentan passieren kann, ist ein verregneter Tag.

Dann ist das wechselhafte Wetter heuer eh ideal.

Haag: Im KHM ist es immer perfekt – denn, wenn es draußen heiß ist, ist es bei uns angenehm kühl.

Wer trägt den Verlust?

Haag: Wirtschaftlich schaut es trist aus, über eine mögliche Verlustabdeckung sind wir im Gespräch mit dem Eigentümervertreter. Natürlich tun wir alles, um Besucher anzusprechen – auch in den Bundesländern. Es brechen uns ja nicht nur die Besucherzahlen weg, sondern auch alle anderen Erlöse, etwa Shops, Vermietung, und auch Fundraising ist schwierig. Zusperren wäre wirtschaftlich besser, aber eine Kapitulation. Museen müssen offen sein. Wir sind da, um die Menschen zu erfreuen und zu bilden.

Das gesamte Interview auch als Podcast hören:

Die Stadthalle kann gar nicht aufsperren, weil keine Veranstaltungen möglich sind. Was tun Sie jetzt eigentlich? Wird geputzt, renoviert?

Wolfgang Fischer: Wir haben die üblichen Renovierungsarbeiten jetzt alle gemacht, die Kollegen sind in Kurzarbeit. Es gibt zwar keinen nachweisbaren Cluster von Konzerten. Aber es herrscht Unklarheit. Wir haben kein Programm, es gibt keine Tourneen internationaler Künstler, und das Publikum hat Angst vor Ansteckung. Wir haben ein Fassungsvermögen von bis zu 16.000 Besuchern, davon 10.000 Stehplätze. Eineinhalb Meter Abstand ist nicht gewährleistet.

Und was wäre, wenn nur jeder zweite Sitz besetzt wird?

Fischer: Wirtschaftlich ist es kaum denkbar. Und bei unseren großen Konzerten – Elton John, Justin Biber, Helene Fischer – wird getanzt, umarmt, mitgesungen, geschwitzt. Das wird meiner Einschätzung nach noch mindestens ein halbes Jahr unmöglich sein.

Ein österreichischer Kabarettgipfel wäre möglich.

Fischer: Das geht in Halle F mit 2.000 Sitzplätzen, wo man dann noch die jüngsten Verordnungen anschauen muss. Ich bewundere die Härte und die guten Nerven der Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. Toi toi toi, möge dort nichts passieren. Danach sehen wir weiter.

Herr Braun, Sie sind als Boss und Eigentümer der Gerstner Hospitality Group von vielen Seiten betroffen: Hotel, Café, Restaurant, Catering. Wie geht es Ihnen?

Oliver Braun: Wir nennen es gerade Titanic-Syndrom: Wir sind seitlich vom Eisberg aufgeschnitten worden. Das hätte ich mir nie erwartet, weil die Firma ja sehr diversifiziert aufgestellt ist. Am schwierigsten ist, die Stimmung im Unternehmen aufrecht zu erhalten. Kurzarbeit war für uns richtig. Wirtschaftlich ist das Modell aber für die Industrie erarbeitet worden, wir brauchen ganz andere Lösungen für die Zukunft. In den letzten zehn bis 15 Jahren haben wir sehr hart daran gearbeitet, dass wir die Touristenströme ins Land bringen. Mit dem jetzigen Besucherschwund können wir unsere Strukturen in den kommenden Monaten und Jahren nicht erhalten, da brauchen wir Hilfe vom Staat.

Vor einigen Monaten haben wir noch über "Overtourism" geklagt!

Braun: Wir nicht, bitte!

Fischer: Ich habe hohen Respekt vor den Unternehmen, die da ihr eigenes Geld investieren. In der Stadthalle und im Kunsthistorischen Museum investieren wir zwar auch Blut, Schweiß und Tränen, haben aber keine existenziellen Fragen. Bei manchen Privatfirmen ist hingegen im September oder im Dezember die Marie weg.

An der Regierung gab es viel Kritik. Wie haben Sie es empfunden?

Braun: Kritik üben ist das Einfachste. Das tue ich nicht, Aber die Krise ist so groß, dass es differenzierte Betrachtung braucht. Manche Branchen haben sogar Umsatzzuwächse, während andere nicht wissen, wie sie den Herbst überleben werden. Wir sind zum Beispiel mit unserer Cateringgesellschaft, wo 270 von 600 meiner Mitarbeiter arbeiten, am 1. März schuldenfrei in diese Krise gegangen. Wir haben alle Hilfen in Anspruch genommen. Dennoch halten wir das alles maximal ein Dreivierteljahr aus. Da sind schon zwei Millionen Euro verbrannt bis Jahresende. Wir brauchen direkte Zuschüsse. Es ist ganz wichtig, mit einfachen Mitteln zu helfen.

Wolfgang Fischer Seit 2012  Geschäftsführer der Wr. Stadthalle, zuvor zwanzig Jahre lang in leitenden ORF-Funktionen. Die Stadthalle beschäftigt 150 Angestellte und ca. 500 freie Mitarbeiter

Sabine Haag Die gebürtige Bregenzerin  ist seit 2009 Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums. 2013 eröffnete sie die Kunstkammer, eine der originellsten Kunstsammlungen der Welt 

Oliver Braun Eigentümer und Geschäftsführer der Gerstner Hospitality Group mit 600 Mitarbeitern. Zum Unternehmen gehört die K&K Hofzuckerbäckerei, ein Cateringunternehmen und Hotels in Wien und Prag

Hilft die Mehrwertsteuersenkung?

Braun: Wenn die Umsätze nicht da sind, wie im Städtetourismus, hilft das nicht.

Gibt’s im Museum Kurzarbeit?

Haag: Ja, das war am Beginn die Rettung, ansonsten hätten wir die Mai-Gehälter nicht auszahlen können. Jetzt ist die Kurzarbeit weitgehend beendet. Wir haben zwei Geschäftsmodelle: Besucher und Veranstaltungen einerseits, andererseits der Forschungsbetrieb. Jetzt geht es darum, unsere Geschäftsmodelle zu adaptieren. Wir richten uns vornehmlich an österreichische Kunden und bauen auch die Digitalisierung aus. Aber aus eigener Kraft können wir das nicht stemmen.

Hegen Sie manchmal den ketzerischen Gedanken, dass es gar nicht schlecht gewesen wäre, wenn doch Eike Schmidt statt Ihnen Generaldirektor geworden wäre?

Haag: Nein, ich bin unverbesserliche Optimistin. Ich glaube fest an die Notwendigkeit von Museen. Wir leben in einem der reichsten Länder, das für jeden etwas bietet. Eigentlich hätte man uns von vorneherein als das betrachten müssen, was wir sind: Teil einer großen Wirtschaftsleistung. Das habe ich vermisst. Der Tourismus profitiert von uns und wir vom Tourismus.

Braucht es – über die Bundesmuseen-Card um 19 Euro hinaus – noch so etwas wie einen Schnitzelgutschein fürs Museum? 25-Euro- Geschenke an Wiener Besucher?

Haag: Wir sind ja ein Bundesmuseum, und daher heißt es landläufig immer, wir wären ohnehin durchfinanziert vom Staat. Das ist eben nicht so. Wir müssen mehr Eigenmittel erwirtschaften als wir vom Staat bekommen. So gesehen werden wir jetzt durch unseren Erfolg abgestraft. Denn die Museen, bei denen es sich die Waage hält, da ist das Problem nicht so groß. Wir würden einfach gerne mit derselben Kraft, Lust, Innovation und Überzeugung weiterarbeiten. Und dazu brauchen wir etwas mehr Unterstützung.

Herr Fischer, auch Sie sind grenzenloser Optimist. Sie haben erst kürzlich gemeint, die Live-Veranstaltungen werden nach Corona stärker sein als je zuvor?

Fischer: Ich geb schon zu, dass das auch eine Mutinjektion in die eigene Branche war. Man merkt aber schon, dass bei der digitalen Lawine mit Facebook-, Youtube-Konzerten und Opernübertragungen die Emotion fehlt. Man könnte sich die Breughels im Museum online viel genauer, bis auf den letzten Pixel ansehen. Aber warum kommen die Leute trotzdem ins Museum? Es ist einfach die Aura des Echten, des Wirklichen, auch das gemeinsame Staunen. Bei der darstellenden Kunst ist das noch viel stärker. Der Bedarf danach wird größer werden, weil man gesehen haben wird, was wir vermisst haben. Alleine zu wissen, dass man könnte, wann man wollte, ist schon Lebensqualität. Da kann kein 98-Zoll-HD Fernseher mithalten. Das Gleiche gilt für ein gemeinsames Mittag- oder Abendessen im Restaurant.

Wann geht es in der Stadthalle genau weiter?

Fischer: Geplant wäre ein Pizzera & Jaus-Konzert im September. Aber das hängt alles von der Situation und den Bestimmungen ab. Das wäre ein Stehplatz-Konzert. Aber wenn ich hier sage, dass die große Holiday on Ice-Show Anfang Jänner, bei der es nur Sitzplätze gegeben hätte, bereits auf 2022 verschoben wurde, dann kann man ahnen, wohin die Reise geht. Alles was auf Tournee geht, ist schwierig, aber vielleicht können zumindest österreichische Künstler auftreten.

Zählen da rein wirtschaftliche Gründe, oder sind es auch Haftungsfragen – nämlich, dass ausgerechnet eine Stadthallen-Veranstaltung zum Superspreader-Event wird?

Fischer: Eher nicht. Es gibt ja Corona-Verantwortliche, die das Veranstaltungskonzept genehmigen müssen. Damit wäre die Haftungsfrage geklärt, außer es passiert etwas grob Fahrlässiges. Es ist die schwer einschätzbare Frage, ob die Künstler überhaupt kommen. Und es gibt eben auch sehr viele ängstliche Menschen, die keine Konzerte besuchen würden. Dann ist es schon eine betriebswirtschaftliche Frage.

Braucht man nun noch eine neue Halle für 20.000 Besucher, die ja geplant ist?

Fischer: Nachdem live stärker zurückkommt denn je, ja natürlich.

Haben Sie andere Geschäftsmodelle angedacht?

Fischer: Wir haben überlegt, Uni-Tests bei uns anzubieten. Auch anderes. Aber das alles ist wirtschaftlich nicht darstellbar. Zum Glück haben wir 16 Millionen Euro Rücklagen. Da kommen wir eine Zeit über die Runden. Obwohl ich sagen muss, dass das nicht mein Geld ist. Da ist die Situation beim Herrn Braun, der Eigentümer ist, schon eine viel schwierigere.

Wie mulmig ist Ihnen denn schon, Herr Braun?

Braun: Das Gefühl war am Anfang schlimmer. Aber bei mir ist es so: Je schwieriger die Situation ist, desto mehr fühle ich mich herausgefordert. So gesehen bin ich im Moment extrem herausgefordert. Auch die gesamte Mannschaft hat das unglaublich positiv genommen. Unser Unternehmen ist 173 Jahre alt, hat also schon ganz viele schwierige Zeiten durchgemacht. Und ich glaube nicht, dass die Frage ist, ob das wieder so kommt, wie es war, sondern ob wir jetzt Dinge verändern müssen. Der Mensch ist von seinem Grundwesen her jemand, der mit Begegnung lebt. Da gehören Veranstaltungen, Reisen dazu. Es ist nur die Frage, wie lange wir das durchhalten. Die Politik soll ja nicht über alles das Füllhorn ausschütten, sondern Rahmenbedingungen schaffen.

Haben Sie das Gefühl, die Politik hört auf einen wie Sie, der sein eigenes Geld riskiert? Gibt es offene Ohren?

Braun: Es gibt Ohren. Aber ich glaube, das ist auch für die Politik ein Prozess. Und wir machen, finde ich, bei der Bewusstseinsbildung der Politik Fortschritte. Ich würde mich freuen, wenn Maßnahmen für den Städte-, Kultur- und Kunsttourismus kommen. Denn 80 Prozent jener Menschen, die nach Wien auf Urlaub kommen, tun das wegen einer Veranstaltung, Kunst oder Kultur.

Wäre da nicht doch die App eine Lösung, die Sicherheit geben könnte?

Fischer: Selbst Datenschützer halten sie ja für unbedenklich. Leider kommt sie nach anfänglichen Pannen nicht mehr richtig hoch. Unsere Mobiltelefone tracken uns ja ohnehin. Ich habe die App installiert. Aber es gibt ja bereits die personalisierten Tickets, weil wir den Schwarzmarkt bekämpfen wollen. Das ist für die Generation unserer Konzertbesitzer gang und gäbe. Das heißt, ich weiß ja, wer, auf welchem Stuhl neben wem gesessen ist und könnte im Fall des Falles rasch einen Ansteckungsverlauf nachvollziehen.

Der Herbst wäre ja eigentlich die Zeit für den Städtetourismus. Haben Sie einen Wunsch für die kommende Saison?

Fischer: Ich will von Wanda über Fendrich bis zum Hansi Hinterseer wieder alles sehen. Mit Disziplin, App, Masken und Abstand sollte das doch gehen.

Braun: Ich wünsche mir ein politisches Umfeld für das Unternehmertum und den Arbeitsmarkt, dass ich frei entscheiden kann, dem Unternehmen die Möglichkeit zu geben, weiter zu existieren.

Haag: Ganz viele Besucher. Es hat ja im Mai viele gegeben, die gesagt haben, wir sollen rasch wieder aufsperren. Wenn die jetzt alle kommen, ist uns schon sehr, sehr geholfen. Denn Kunst und Kultur gehören zu unser aller Leben. Dieser Wert für unsere Gesellschaft sollte uns noch klarer werden. Dann geht es uns schon besser.

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